Konzeptalbum „Bad Gastein“ Friedrich Liechtenstein: Goldener Ascher nach „Supergeil“

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Berlin. Mit der Edeka-Werbung zum Song „Supergeil“ wurde Friedrich Lichtenstein ein Star. Ein Superkünstler war er auch vorher schon. Im Interview zum Konzeptalbum „Bad Gastein“ und seinem Buch „Selfie Man“ beweist er es.

Mit einer Edeka-Werbung und dem Song „Supergeil“ wurde er berühmt. Jetzt fängt Friedrich Liechtenstein an, der Welt zu erklären, wer er wirklich ist. Das Konzeptalbum „Bad Gastein“ und sein Buch „Selfie Man“ sind nur der Anfang. Im Interview berichtet er von seiner Zeit als Schmuckeremit, der Geschichte seiner Dickleibigkeit und von dem Kaiserschnitt, der ihn um das Erlebnis der Geburt betrogen hat.

Herr Liechtenstein, laut Klappentext Ihres Buchs wurden Sie 1956, 1957 und 1959 in Eisenhüttenstadt geboren.

Das ist natürlich ein Irrtum. Es muss Stalinstadt heißen; in Eisenhüttenstadt wurde der Ort erst 1961 umbenannt. Eigentlich wurde Friedrich Liechtenstein aber sowieso erst 2004 geboren, deswegen darf er solche Sachen mit einer gewissen Unschärfe erzählen.

Mit 16 Jahren sind Sie dann nach Frankfurt an der Oder gezogen. Was war da besser?

Ich hatte Arbeit, in einem großen Hotel. Und eine eigene Wohnung.

Ziemlich früh.

Stimmt, ich habe aber auch schon mit 18 Jahren geheiratet.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Die haben meinen Auszug forciert, vielleicht, weil sie in eine kleinere Wohnung umgezogen waren und dann mehr Platz hatten.

Haben Sie damals oder später darüber nachgedacht, in Richtung Westen umzuziehen?

Das war natürlich immer Thema. Wenn wir abends zusammensaßen, haben wir immer darüber geredet, wie scheiße der Osten ist und wie geil der Westen. Wie kompliziert es ist, an schöne Sachen zu kommen: Jeans, Seife, Zeitungen, Bücher, Filme. Aber es hat sich auch rumgesprochen, wie schwer es ist, in den Westen zu gehen. Ich war sehr früh Vater und hatte keine Kontakte im Westen. Also habe ich mich lieber um meine zwei kleinen Kinder gekümmert und ein Elternjahr gemacht. Das gab’s damals schon. Wie viele Künstler habe ich meinen nörgelnden Frieden in der inneren Emigration gefunden. Gleichzeitig hatte auch nachgehallt, dass man im Osten auf der guten Seite ist, auch wenn es noch nicht so lief wie geplant. Aber der Osten war gegen Krieg, gegen Ausbeutung, gegen Hunger, für Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und am Ende sollte es eine Gesellschaft ohne Geld geben – den Kommunismus.

Das Leben ohne Geld haben Sie erst Jahrzehnte nach dem Mauerfall realisiert – in einer Weise, die DDR-Kulturfunktionäre.. .

.. .auch wieder nicht verstanden hätten. Genau.

Und zwar, indem Sie anderthalb Jahre ohne Besitz mietfrei in den Räumen eines Brillendesigners gewohnt haben.

Und es war mir eine große Genugtuung, dass man so auch leben kann – von Tausch, Sympathie und Familie. Die Möglichkeit, sich als Narr allen Pflichten und Erwartungen zu entziehen, hat man wahrscheinlich in jedem System. Nur wenn alle es so machen, funktioniert es nicht. Und das hatte der Kommunismus ja gerade versprochen.

Vermissen Sie etwas aus der Zeit der DDR?

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, aber trotzdem war ich nie ein Ostalgiker, für den „nicht alles schlecht“ war. Es war sehr viel sehr schlecht. Mir macht es nicht so viel Spaß, über diese Vergangenheit zu reden. Die DDR war grau und trist.

Dann greife ich nur noch eine Sache raus, die Sie als gelernten Puppenspieler betrifft: Warum war der Osten gerade beim Kinderfernsehen so gut – vom DDR-Sandmann bis zum kleinen, tschechischen Maulwurf?

Der Osten hatte sich auf Dinge spezialisiert, die auf dem freien Markt keine Chance hatten, Kinder- und Puppentheater genauso wie bestimmte Sportarten. Für mich war es sehr schön, dass Kindergeschichten mit ihrer metaphorischen Welt große Freiräume schaffen. In einem Land, in dem man nicht offen reden darf, ist das großartig. Puppenspieler hatten außerdem ein hohes Sozialprestige. Im Osten habe ich den Leuten immer als Erstes gesagt, dass ich Puppenspieler bin. Nach dem Mauerfall hat das keinen Eindruck mehr gemacht.

Gefällt es Ihnen, dass Sie als Konsumverweigerer ausgerechnet mit einer Edeka-Werbung zum Star geworden sind?

Das finde ich ganz schön. Als es mit meiner Musik nicht so lief, hatte ich immer gedacht: Man müsste mal einen Song für die Werbung machen, um gehört zu werden. Bei Edeka war es dann leider nicht meine eigene Musik, sodass es jetzt ein bisschen schwieriger ist, die Leute wie-
der auf die richtige Fährte zu bringen.

Gab es einen Moment, als die Klickzahlen für den Spot Ihnen Angst gemacht haben? Die Werbung hätte Ihr ganzes Werk unter sich begraben können.

Es kann ja immer noch kippen. Aber ich bin wirklich überrascht, wie sehr Journalisten sich von Anfang an für mein eigentliches Werk interessiert haben. Es war ja vorher auch nicht so, dass mich gar keiner kannte. Es gab immer Leute, die mir in die Augen geblickt und mir gesagt haben: Du bist sehr gut. Und ich habe auch ohne den ganz breiten Erfolg schicke Sachen gemacht. Mit Katrin Bauerfeind habe ich für 3sat eine Doku gemacht. Auf dem Fernsehturm habe ich ein Konzert mit einer Lichtinstallation veranstaltet; ich war mit Sasha Waltz unterwegs. Ich konnte Abende in der Volksbühne gestalten. Dafür würden andere sich umbringen. Sogar im „Playboy“ hatte ich mal zwei Seiten.

Nackt?

Im Morgenmantel. Der „Playboy“ betont ja bei Frauen das Bild und bei Männern den Text. In einem Wort: Ich habe schon immer viel gemacht, es gab nur wenig Geld dafür.

Im Song „Belgique“ erzählen Sie eine Fantasiebiografie.
Wie würde der Text anfangen, wenn er wirklich biografisch wäre?

So: „Ich bin nicht auf die Welt gekommen; die Welt kam zu mir. Während meine Mutter im Koma lag, öffnete man mit einem scharfen Schnitt ihren Bauch und hob mich, etwas zu spät, trocken geschrumpelt und blau in den Operationssaal.“

Tatsächlich? Waren Sie ein übertragenes Kaiserschnitt-Baby? Wieso Koma?

Es stimmt. Mir fehlt das erste, elementare Ereignis der Geburt. Für meine Mutter muss es zu anstrengend gewesen sein, sie war bewusstlos. Es war sehr dramatisch; die Geschichte geht aber gut aus. Die Schwestern hatten erst gar nichts zu mir sagen mögen, weil ich so zerbeult war. Aber als meine Mutter mich für die Entlassung hübsch eingekleidet hatte, haben alle aufgeatmet: „Angezogen sieht er gut aus.“

Ihr Buch erklärt die Tradition der Schmuckeremiten – mit dem Hinweis: „Bei mir war es ein bisschen anders.“ Wie ?

Schmuckeremiten lebten im 18. und 19. Jahrhundert zu Unterhaltungszwecken in den Landschaftsgärten reicher Leute; oft durften sie weder sprechen noch sich die Haare oder Nägel schneiden. Bei mir war es kein Park, sondern der Bürobau einer Brillenfirma. Da hatte ich auf der Treppe zum Dach eine Metallplattform, auf der meine Pritsche stand, ein Schreibtisch, meine Kleider. Später bin ich in den Showroom umgezogen. Anders als bei echten Schmuckeremiten war bei mir Körperpflege erwünscht. Ich habe ja sogar goldene Fingernägel.

Aber nur an einer Hand ! An Ihrer Linken ist kaum noch was zu sehen .

Ich bin sehr verwildert, aber das ist schon wieder die nächste Rolle. Ich drehe mit Matthias Schweighöfer „Der Nanny“, da spiele ich einen Vollalkoholiker.

Wieso machen Sie das eigentlich? Schweighöfer kann unmöglich Ihren Humor treffen.

Friedrich Liechtenstein ist ein Flaneur, der sich gern in die unterschiedlichsten Zusammenhänge begibt, wenn auch nur als melancholischer Gast und Zuschauer. Deshalb mache ich viele verschiedene Dinge – eine Oper mit Alfred Biolek, eine Tour mit Deichkind und einen Porno: „Deep Dive Superhero“. Mit Erfolg. Es gab den Preis des Independent Pornofilmfestival dafür.

Nanu? Ist das ein echter Porno?

Es ist zumindest relativ direkt, aber vor allem lustig.

Sie sprechen in der dritten Person von Friedrich Liechtenstein. Empfinden Sie Ihre öffentliche Rolle nach dem Werberuhm als einen Fremden?

Wer mit dem Herzen sieht, kann mich schon erkennen, mein Timing, meine Bewegungen, meine Ironie. Das bin ich alles selbst.

Auch als Eremit durften Sie sich satt essen. Dazu ein Zitat aus Ihrem Buch: „Ich bin ein leichter Typ. Obwohl ich so dick bin.“ Wann und wie sind Sie denn dick geworden?

Gute Frage. Erst war ich ganz, ganz dünn, richtig dünn. Die erste Verwandlung habe ich mit Anfang dreißig durchgemacht. Da klappten viele Dinge nicht; ich wurde depressiver und dicker. Dann hatte ich Liebeskummer, und der war richtig gut. Ich aß nicht mehr und bin schnell wieder zusammengeschmolzen. Als ich eine neue Freundin hatte, war das vorbei. Alles lief super, und ich war wieder dick.

Was sind die glücklichsten Momente der Besitzlosigkeit, was die beklommenen?

Als Schmuckeremit unterm Dach habe ich abends oft die Tür aufgemacht, die Nacht über Berlin genossen, mich in die Decke eingekuschelt und gedacht: Wie lustig! Wenn ich jetzt sterben würde, wie weit hätte ich es da doch gebracht! Es gab davor aber auch Zeiten, wo ich dachte:
Wie kann es sein, dass alles so scheiße läuft? Aber ich muss sagen: Die große Verzweiflung, die mich zu einer radikalen Veränderung gezwungen hätte, die kam nie.

War der öffentliche Alltag beim Brillendesigner anstrengend?

Nach anderthalb Jahren bin ich froh, dass ich eine Wohnung habe, in der ich die Tür zumachen kann – auch wenn ich weiter ohne Besitz lebe. Ich wohne möbliert.

Ganz ohne Besitz ist ja niemand. Auf was verzichten Sie?

Ich habe kein Auto, kein Fahrrad, kein Telefon und finde es toll. Das Telefon zum Beispiel ist doch ein Riesenterror. Als ich eins hatte, habe ich ständig gelabert. Alle Leute hatten Zugriff auf mich. Man unterbricht ja sogar Gespräche, nur weil das Telefon klingelt. Was für ein Horror!

Wie haben Sie denn erfahren, dass wir verabredet sind?

Per E-Mail, im Internetcafé.

Von Ihrem Album „Bad Gastein“ gibt es nach der digitalen Version nun doch noch eine Vinyl-Version. Ich habe den Verdacht, dass Ihnen das bei aller Feindschaft zu den Dingen trotzdem gefällt.

Stimmt, obwohl ich weiß, wie schwer Schallplatten sind, wenn man umzieht. Es war ein schöner Moment, diesen nostalgischen Gegenstand in der Hand zu halten – mein Exemplar werde ich trotzdem verschenken.

Andere und auch Sie selbst vergleichen Sie mit dem Musiker und Künstler Dieter Meier.

Der Unterschied: Dieter Meier ist ein richtig, richtig reicher Mann. Der hat wirklich viel Geld.

So viel zahlt Edeka also doch nicht?

Von der Edeka-Werbung kann ich mir einen Aschenbecher kaufen, mehr nicht.

Einen Aschenbecher?

Sagen wir mal: einen goldenen Aschenbecher. Dieter Meier hat viel mehr. Und er kommt aus der Schweiz, wo die Türklinken vergoldet sind. Ich komme aus einem gescheiterten Land, ohne Geld, aber mit einer ähnlichen Dandy-Attitüde, einer ähnlich entspannten Haltung und einer genauso eleganten Kleidung. Ich finde Dieter Meier sehr gut, aber wir werden uns nie begegnen, weil wir uns dafür doch zu ähnlich sind.

Sie schreiben: Wenn sechs Konditoren die schönsten Torten backen, und einer kommt und sie mit dem Stock zerschlägt – dann reden alle nur noch über den Stock. Haben Sie schlechte Erfahrungen mit der Kritik gemacht?

Man darf sich als Künstler auf keinen Fall zu irgendeiner Kritik äußern.


Friedrich Liechtenstein wird 1956 als Hans-Holger Friedrich in Stalinstadt geboren, dem heutigen Eisenhüttenstadt. Nach dem Studium an der Berliner Ernst-Busch-Schule arbeitet er in der DDR als Puppenspieler und Theatermacher. Nach der Wende etabliert er sich in Berlins freier Theaterszene, arbeitet mit Sasha Waltz zusammen, gestaltet Abende an der Volksbühne, errichtet im Haus der Berliner Festspiele den „Carmen Miranda Revue Pavillon“ und realisiert im Fernsehturm die „Sparkling Love Towers World Tour“, eine Mischung aus Konzert und Lichtinstallation. Friedrich Liechtenstein nennt der Künstler sich, als er sich zu Anfang des neuen Jahrtausends als Musiker neu erfindet. Mit den Produzenten Arnold Kasar und Nicholas Bussmann macht er Elektropop, mit Deichkind geht er auf Tour. Und für das Projekt Der Tourist singt er den Song „Supergeil“. Die Werbeagentur Jung von Matt nutzt das Lied für eine virale Kampagne, in der Liechtenstein vom Tiefkühlfisch bis zum Klopapier alle Edeka-Produkte geil findet. Das Video wird über 12 Millionen Mal angeklickt. Ausgerechnet eine Supermarkt-Reklame also macht den Mann zum Star, der als Konsumverweigerer gerade anderthalb Jahre als Schmuckeremit eines Brillenherstellers mietfrei in dessen Büro gelebt hat. Ab nun leitet Liechtenstein den Ruhm von Edeka auf seine eigentlichen Anliegen um, spielt das Konzeptalbum „Bad Gastein“ ein und veröffentlicht das reich bebilderte Aphorismenbuch „Selfie Man“. Mit Matthias Schweighöfer dreht er gerade „Der Nanny“. Für Arte entsteht eine Reihe über Tankstellen.

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