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Erst Trauung, dann Kennenlernen „Hochzeit auf den ersten Blick“: Neue Sat1-Show

Von Hendrik Steinkuhl


Osnabrück. Die arrangierte Ehe ist zurück: Ab 16. November zeigt Sat1 in „Hochzeit auf den ersten Blick“, wie vier Paare zunächst vor den Traualtar treten und erst danach einander kennenlernen. Die Show lief bereits erfolgreich in den USA – und hat bewiesen, dass die Liebesheirat völlig überschätzt wird.

Wie soll man auch mit einem Mann zusammenleben, der sogar der Frau vom Fernsehen sagt, sie möge in seiner Wohnung doch bitte die Schuhe ausziehen? Mit seiner Kleingeistigkeit kann Ingenieur Vaughn bei der selbstbewussten Projektentwicklerin Monet nicht dauerhaft landen – obwohl es zwischen ihnen knistert und die beiden einander, um es biblisch zu sagen, bereits in der ersten Nacht erkennen.

Dass die erste Nacht gleichzeitig die Hochzeitsnacht ist, gehört zum Konzept von „Married at first sight“, in Deutschland: „Hochzeit auf den ersten Blick“ . Die Show lief zunächst in Dänemark und war in diesem Jahr der bislang größte Erfolg des amerikanischen Senders FYI . Am 16. November startet das Sozial-Experiment auch bei Sat1. (Weiterlesen: Kandidaten, Methoden, Experten: Alles zu „Hochzeit auf den ersten Blick“ bei Sat1.)

Informationen zur deutschen Ausgabe sind derzeit noch schwer zu beschaffen; im Fernsehgeschäft ist es hierzulande üblich, sich bis kurz vor der Ausstrahlung bedeckt zu halten, damit Zeitungen wie diese ihre Leser bloß nicht zu früh neugierig machen. Immerhin konnten wir von einem Sat1-Redakteur erfahren: „Hochzeit auf den ersten Blick“ zeigt über acht Folgen hinweg vier Paare, die einander tatsächlich zum ersten Mal auf dem Standesamt begegnen. Weil die Trauungen rechtswirksam sind, haben Anwälte sämtliche Teilnehmer beraten und Eheverträge angefertigt. Die Frage, ob Sat1 auch die Scheidungsanwälte bezahlt, durfte der Redakteur nicht beantworten. Zudem verriet er, dass sich knapp 3000 Menschen zum Casting gemeldet hatten. Genau wie in Dänemark und in den USA gab die Produktionsfirma allerdings erst beim Auswahltermin bekannt, dass die Dating-Show gleich mit der Hochzeit beginnt. Danach gingen in Deutschland 2940 Bewerber wieder nach Hause. Aus den übrig gebliebenen 60 kombinierten vier „Experten“ dann die vier Paare.

In der US-Ausgabe gehört zu diesen „Experten“ ein dubioser New Yorker Psychologe mit dem Aussehen eines Models und der Ausstrahlung einer Raufasertapete. Laut ihm ist das System, nach dem die Paare zusammengestellt werden, streng wissenschaftlich. „Es wird auch vom FBI und der CIA verwendet.“ Klingt im ersten Moment abwegig – doch wenn man bedenkt, dass viele Menschen die Ehe als Folter empfinden, ergibt es plötzlich Sinn.

Schnelle Scheidung

Bei Ingenieur Vaughn und Projektentwicklerin Monet hat das System wie eingangs erwähnt versagt. Die beiden ließen sich am Ende der Staffel wieder scheiden. Nach den Gründen gefragt, machte Monet eine denkwürdige Aussage: „Du wolltest Sex, nachdem ich eine Fuß-Operation hatte. Als ich nicht wollte, meintest du: Wieso, deine Hände sind doch noch in Ordnung.“ Gott sei Dank ließ das prüde amerikanische Fernsehen immerhin diesen Satz unzensiert. Viele andere Streits des Trümmer-Pärchens sind mit so vielen Pieptönen überdeckt, dass sie wie ein einziger Tinnitus klingen.

Am Gesamturteil ändert das nichts – „Married at first sight“ ist feinster Trash. Ein tiefer Blick in den Menschenzoo, natürlich, aber die Macher der US-Version führen niemanden vor. Stattdessen tragen sie das Primat der Liebesheirat zu Grabe. Kennenlernen, ständig übers Zusammenziehen diskutieren, ewig darauf warten, dass er endlich den Antrag macht – all das fällt beim Standesamt-Blind-Date weg.

Um wieder heimisch zu werden: Hierzulande gibt es ja auf dem Feld der arrangierten Ehe, von der illegalen Zwangsheirat abgesehen, nur noch die organisierte Verpartnerung zwischen älterem Deutschen und jüngerer Asiatin respektive Osteuropäerin. Der Volksmund spricht von „Katalogehe“ oder sagt: „Der hat seine Frau aus dem Urlaub mitgebracht.“ Die klassische Vernunftehe hingegen, die in der Landwirtschaft noch lange Bestand hatte, ist aus der Mode gekommen.

Offensichtlich ein Irrweg. Vaughn und Monet haben sich zwar wieder getrennt, doch die anderen beiden Paare des amerikanischen „Married at first sight“ sind weiterhin – glücklich – verheiratet. Und das, obwohl Krankenschwester Jamie ihrem Handelsvertreter Doug vor dem Traualtar noch kaum ins Gesicht schauen konnte, so hässlich fand sie ihn. Aber Dougs Warmherzigkeit ließ seine fünf Warzen (erstaunlicherweise sämtlich auf der rechten Gesichtshälfte) schnell vergessen. Inzwischen reden die beiden bereits von Kindern, und der 31-jährige Doug ist mittlerweile auch von zu Hause ausgezogen.

Feuerwehrmann Jason und Visagistin Cortney schließlich benahmen sich von Beginn an wie ein anständiges Paar, Hochzeitskuss inklusive. Beide Pärchen übrigens bekommen 2015 eine Doku, die sie in ihrem ersten Ehejahr begleitet.

Nun müsste es doch mit dem Teufel zugehen, sollte nicht auch Sat1 einige Paare erfolgreich verkuppeln und die Ehe in Deutschland endlich von diesem romantischen Ballast befreien. „Wir haben im Supermarkt beide nach demselben Eis gegriffen“, ach ja.

Wer die Klassiker durchblättert, stößt auf viele Zitate, die das verkitschte Bild von Mann und Frau ins rechte Licht rücken. Das letzte Wort aber hat an dieser Stelle die zeitgenössische Denkerin Eva-Maria Zurhorst, die schon einige Jahre vor „Hochzeit auf den ersten Blick“ hellsichtig formulierte: „Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest.“


Sat1 kuppelt mit Trauschein: In der Show „Hochzeit auf den ersten Blick“ heiraten die Kandidaten gleich zu Beginn und lernen sich erst danach kennen. Fotos: Sat1