ARD-Talk Thema verfehlt? Anne Will zur Odenwaldschule

Im ARD-Film „Die Auserwählten“ spielt Ulrich Tukur den Leiter der fiktionalisierten Odenwaldschule. Foto: Katrin Denkewitz/WDRIm ARD-Film „Die Auserwählten“ spielt Ulrich Tukur den Leiter der fiktionalisierten Odenwaldschule. Foto: Katrin Denkewitz/WDR

Berlin. Nach dem ARD-Film über die Odenwaldschule diskutiert Anne Will den sexuellen Missbrauch. Weder das Drama „Die Auserwählten“ noch der Talk machen begreiflich, was an der Odenwaldschule passiert ist.

Wie ist es möglich, dass an einer Reform-Schule über Jahrzehnte Schüler sexuell missbraucht werden – und Lehrer wie Eltern alle Hinweise dazu ausblenden? Christoph Röhls ARD-Film „Die Auserwählten“ antwortet darauf mit plakativen Szenen von Obrigkeitshörigkeit und Angst vor der Wahrheit. Das ist schon mal schlecht.

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Füllt Anne Will die Lücke des ARD-Dramas?

Der Talk von Anne Will scheint zunächst die Lücke zu füllen, die das ARD-Drama lässt. Adrian Koerfer, ein Opfer des Missbrauchs an der Odenwaldschule berichtet seine eigene Schülerhoffnung: „Ich dachte ganz naiv, der Missbrauch hört auf, wenn ich von der Schule bin.“ Als seine Freundin 1975 die Polizei anrufen wollte, hat er sie daran gehindert: „Das glaubt uns sowieso keiner.“

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In jeder Klasse sitzt ein Missbrauchsopfer

Die „Omertà“, das gesellschaftliche Schweigen gegenüber dem Missbrauch, beschreibt auch Alice Schwarzer. 1978 hat sie ein erstes Dossier zum Thema in der „Emma“ publiziert. Und wo sonst „waschkörbeweise“ Leserpost komme, habe es bei diesem Thema keinen einzigen Brief gegeben – und das bei einer denkbar hohen Betroffenheit. Heute geht man, erfährt man bei Anne Will, von sieben bis neun Millionen Deutschen aus, die in ihrem Leben Opfer von Missbrauch werden. In jeder Schulklasse sitzt statistisch ein Opfer.

Tilman Jens, selbst Odenwaldschüler und Autor eines Buchs zum Skandal, hat noch Gelegenheit, seine eigene Bestürzung zu formulieren: „Damit bin ich bis heute nicht fertig: Wir wussten von massiven, kriminellen Übergriffen, und ich habe nichts gesagt.“ Aber statt nun in die Tiefe zu gehen, erweitert Anne Will den Fokus.

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Anne Wills Talk wird beliebiger

Mit Andreas Zimmer sitzt auch ein Jugendschützer der katholischen Kirche im Plenum; und mit ihm geht es auch um Fragen nach der Einstellung der kirchlichen Opfer-Hotline und nach den Aufklärungsversuchen des aktuellen und des letzten Papstes. Alice Schwarzer wiederum versucht, ihre Idee von einem gesellschaftlich falschen, hierarchischen Verständnis der Sexualität plausibel zu machen. Und gesteht: „Dafür reicht dieser Abend nicht.“

Je weiter sich Anne Wills Diskussion vom Ausgangspunkt der Odenwaldschule entfernt, desto beliebiger wird sie. Die ehemaligen Odenwaldschüler Koerfer und Jens sind erkennbar unterschiedlicher Meinung, können ihre Konflikte aber nicht ausfechten. Dabei hätten gerade ihre Erfahrungen den Abend wertvoll machen können. Verfehlt ist das Thema Odenwaldschule vielleicht nicht, verschenkt aber schon.

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Anne Will hätte mehr erfragen können

Der Schock des Odenwald-Missbrauchs besteht darin: Ausgerechnet dort, wo alle von ihrem richtigen Umgang mit Kindern überzeugt waren, ist so grauenhaft viel Falsches passiert. Dieser grandiose Selbstbetrug führt ins Zentrum eines Verbrechens, bei dem Täter und Opfer in drei von vier Fällen verwandt sind – und die Missbraucher sich über ihre eigene Kriminalität hinwegtäuschen. Es ist ein Jammer, dass Anne Will hier nicht viel mehr vom Erfahrungswissen der Beteiligten abgefragt hat. Über die katholische Kirche hätte man dann ja am nächsten Talk-Abend sprechen können.


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