Erst im Netz, dann im WDR-TV Ein kleines Fernsehwunder: „Endlich Deutsch!“ ist klasse

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Wahres Leben oder alles nur ein Spaß? Çiğdem Çelik (Halima Ilter) hat gerade eine Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert. Ihre neu erworbenen Kenntnisse erprobt sie am Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach. Foto: WDR/Lena HedermannWahres Leben oder alles nur ein Spaß? Çiğdem Çelik (Halima Ilter) hat gerade eine Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert. Ihre neu erworbenen Kenntnisse erprobt sie am Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach. Foto: WDR/Lena Hedermann

Osnabrück. „Der Tatortreiniger“ ist große Fernsehkunst? Dann erreicht „Endlich Deutsch!“ ein Niveau, auf dem einem langsam die Superlative ausgehen. Die vierteilige WDR-Mockumentary über einen Einbürgerungskurs spielt virtuos mit Vorurteilen, bietet großartige Gags und bricht dabei mit vielen Sehgewohnheiten.

Zum Brüllen komisch geht so: Grieche Gorgos holt im Bonner Haus der Geschichte sein Casio-Keyboard raus und spielt einen Reggae für den CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach. „Oh oh oh, little man gets to city house / it’s da da da sweet sweet mouse“, lauten wohl die ersten Songzeilen, die Intonation lässt allerdings eine Menge Deutungsspielraum. Fest steht nur, dass Gorgos nach Deutschland gekommen ist, weil er eine Musikkarriere starten will. „Un Ssie alsse Politiker habbe vielleicht Möglichkeit, mir eine Plattevertrag ssu bessorgen“, sagt er in schönstem Gyrosdeutsch. Der Erfolg wäre Gorgos zu wünschen, schließlich teilt er sich zurzeit noch eine Schrebergarten-Laube mit seinem Ziegenbock Sokrates.

Seit Alfred Tetzlaff hat im WDR niemand mehr nationale Stereotype so lustvoll ausgewalzt, wie es nun die vierteilige Mockumentary „Endlich Deutsch!“ tut. Um keine offenen Fragen zu hinterlassen: „Mockumentary“ steht für Filme, die als Dokumentation daherkommen, in Wahrheit aber von vorne bis hinten inszeniert sind. Das englische „to mock“ heißt aber nicht nur „vortäuschen“, sondern ebenfalls „verspotten“. Jede anständige Mockumentary macht sich deshalb auch über das Genre Dokumentarfilm lustig. In der ersten Folge von „Endlich Deutsch!“ beklagt WDR-Moderator Andreas Bursche, dass in dem von seinem Team begleiteten Integrationskurs gar keine Türkin ist. „Ohne ’ne Türkin wären wir doch jetzt schon völlig unglaubwürdig. Ich meine, wir sind doch hier immer noch in Deutschland!“

Zwar stammen diese Sätze aus einem Drehbuch, Andreas Bursche aber ist tatsächlich WDR-Moderator. Genauso wie Wolfgang Bosbach CDU-Politiker ist. Die authentischen Fernsehnasen inmitten des von unbekannten Schauspielern dargestellten Integrationskurses täuschen eine Realität vor, die keine ist. Gekrönt wird dieses Spiel mit der Form durch die Leiterin des Kurses, die im wahren Leben Beatriz Gottschalk heißt – und ebenfalls Einbürgerungskurse leitet. „Wir haben ihr gesagt, sie soll einfach so sein wie immer“, sagt Lutz Heineking jr., Autor und Regisseur der Mockumentary. Was so einfach klingt, schaffen vor der Kamera nur wenige. Beatriz Gottschalk aber gelingt der Transfer von der Realität in die Fiktion so beängstigend gut, dass sich der Zuschauer zumindest zu Beginn nie sicher sein kann, ob er hier nicht tatsächlich das echte Leben gezeigt bekommt.

„Endlich Deutsch!“ ist Fernsehen mit doppeltem und dreifachem Boden, es ist Komödie, Tragödie, Mediensatire und ein Paradebeispiel für entfesselte Kreativität. Laut Regisseur Lutz Heineking jr. bekam jeder Darsteller ein individuelles Drehbuch, niemand wusste von dem Text und den Anweisungen des Kollegen. Als Andreas Bursche mit dem Griechen Gorgos (gespielt von dem großartigen Jasin Challah) in dessen Parzelle sitzt und plötzlich Ziegenbock Sokrates aus der Tür der Hütte schaut, ist die Überraschung in den Augen des Moderators echt. Dass Sokrates anschließend ausbricht und Bursche ihn einfangen muss, weil er laut Drehbuch das Tor der Parzelle nicht verschlossen hat, habe der WDR-Mann auch erst unmittelbar vor der Szene erfahren. Immerhin bekommt Bursche bei der Ziegenjagd wertvolle Tipps von Sokrates’ Besitzer: „Du musss an die Füße packe, nich an die Hörner. Die kann schubse mit die Hörner!“

Ein Drehbuch im bekannten Sinne hat es laut Lutz Heineking jr. übrigens gar nicht gegeben. Die Schauspieler hätten innerhalb des Handlungskorsetts viel Raum zur Improvisation bekommen, den einige auch voll ausnutzten. Die Russin Natalia Bobylewa etwa, die im Film Natalia Ivanova heißt, spiele im Grunde sich selbst, sagt Heineking jr.

Für den WDR gehört „Endlich Deutsch!“ zu einer Reihe von „Leuchtturmprojekten“, mit denen der Sender sein Programm verjüngen will. Um das dauerhaft zu schaffen, müsste ein Juwel wie die Integrationskurs-Mockumentary in Serie gehen. Regisseur und Autor Lutz Heineking jr. sagt, er würde nichts lieber tun, als sofort eine Fortsetzung der bisherigen vier Folgen zu schreiben.

Kaum vorstellbar, dass es nicht dazu kommt. „Endlich Deutsch!“ ist dank Thema und Umsetzung ein sicherer Tipp für den nächsten Grimme-Preis, außerdem gibt es so viele großartige Figuren, dass die Fake-Doku viele Fans finden sollte.

Geklärt werden muss schließlich auch die Frage, was aus Sokrates wird. In der vierten Folge entlässt ihn Gorgos mitten in Köln in die Freiheit. Die letzten Worte des Griechen an seinen Ziegenbock klingen lange nach: „Blick nicht ssurück, mein Freund!“

Am 12. und 13. Oktober zeigt der WDR um 23.15 Uhr jeweils zwei Folgen von „Endlich Deutsch!“. Schon ab Freitag, 3. Oktober, sind alle Folgen im Netz auf endlichdeutsch.wdr.de abrufbar.


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