ARD-Drama um Missbrauchsskandal „Die Auserwählten“: Umstrittener Film über Odenwaldschule

Der charismatische Schulleiter Simon Pistorius (Ulrich Tukur) erweist sich als grausamer Kinderschänder. Foto: WDR/Katrin DenkewitzDer charismatische Schulleiter Simon Pistorius (Ulrich Tukur) erweist sich als grausamer Kinderschänder. Foto: WDR/Katrin Denkewitz

Osnabrück. Im Bewusstsein, was in der Odenwaldschule passiert ist, klingen die Ziele des reformpädagogischen Internats zynisch: „Kinder sollen sich hier zu wahrem Menschentum entwickeln“. Denn hinter einer idyllischen Fassade wurden mindestens 132 Kinder missbraucht. Jetzt zeigt die ARD einen Spielfilm zu den Ereignissen.

Wie konnte das passieren? Das ist die Frage, die der Regisseur Christoph Röhl mit seinem Film beleuchten möchte. Es ist auch der Grund, warum er die Ereignisse nach einem Dokumentarfilm („Wir sind nicht die Einzigen“, 2011) nun auch in einem Spielfilm zum Thema macht : „Ich möchte eine Aussage über den Zustand von uns als Menschen treffen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Dabei ist ihm die emotionale Seite ausdrücklich wichtig: „Ich möchte, dass das Publikum sich fragt, wie es in Petras Situation reagiert hätte.“

Petra Grust (Julia Jentsch) kommt als junge Biologielehrerin Ende der 1970er-Jahre an die Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach. Sie ist soeben von ihrer bisherigen Schule verwiesen worden und deshalb doppelt froh, an der legendären Einrichtung für Reformpädagogik eine Stelle bekommen zu haben.

Zunächst ist sie überwältigt von dem Vertrauen, das ihr der charismatische Schulleiter Simon Pistorius (Ulrich Tukur) entgegenbringt. Doch dann erlebt sie Irritierendes im Internatsalltag. Es ist nicht nur der hohe Alkoholkonsum mancher Schüler. Lehrer und Schüler beiderlei Geschlechts nutzen dieselben Duschen, ein Lehrer lebt offen ein Verhältnis mit einer Schülerin, einem anderen begegnet sie in seinem Bulli im Wald – er ist halb nackt und hat einen Schüler bei sich.

Nie jedoch sieht sie Eindeutiges. Es ist nur ein Gefühl. Erst als sie sich um Frank Hoffmann (Leon Seidel) kümmert, erfährt sie, was tatsächlich hinter den Kulissen läuft, und versucht, etwas zu unternehmen – und scheitert.

Wie und warum zeigt der Film von Röhl in beängstigend realistischer Weise. Denn während wir inzwischen wissen, was tatsächlich vorgefallen ist, umwabert das Ungeheure nur als Verdachtsfall den Alltag im idyllisch gelegenen Internat, in dem auch noch bewusst eine andere Pädagogik gelebt wird, als zuvor im spießigen Nachkriegsdeutschland üblich.

Während einige Dialoge unter den Schülern seltsam hölzern und konstruiert wirken, agieren vor allem die beiden erwachsenen Hauptdarsteller überaus überzeugend. Julia Jentsch spielt die irritierte, von der eigenen Vergangenheit ohnehin verunsicherte Junglehrerin Petra. Die unternimmt immer wieder Anläufe, das Unfassbare aufzudecken und Konsequenzen im Sinne ihrer Schüler möglich zu machen. Dabei unterlaufen ihr Fehler, vor allem weil Simon Pistorius in einer ganz anderen Liga spielt und weiß, wie er die Strippen zu seinen Gunsten ziehen muss.

Ulrich Tukur beherrscht dieses Spiel mit Charisma und dunklen Abgründen. Er macht deutlich, wie ein Mensch mit zwei Gesichtern es schafft, seine Umgebung immer wieder zu blenden und für sich einzunehmen. Bis zuletzt wird er von einigen Lehrern und Schülern verteidigt.

Obwohl es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat Röhl sie in Szenen verpackt, die so nicht stattgefunden haben müssen. „Wir wollten das Allgemeingültige an den Vorfällen dort herausarbeiten. So haben wir Szene um Szene konzipiert, um eine möglichst universelle Aussage zu treffen. Unser Ziel war es nicht, die Vergangenheit der OSO an sich zu rekonstruieren“, betont der Regisseur. Das Buch wurde von Sylvia Leuker und ihrem Mann Benedikt Röskau ge-schrieben.

Trotz der laut Röhl fiktiv angelegten Geschichte sieht der Berliner Rechtsanwalt Christian Schertz durch die geplante Ausstrahlung die Persönlichkeitsrechte eines ehemaligen Schülers der Odenwaldschule verletzt. Die Parallelen zwischen dem Lebensschicksal seines Mandanten und der Darstellung des Schülers Frank Hoffmann „einschließlich der optischen Übereinstimmung“ seien „derart, dass kein Zweifel hieran besteht“, sagte Schertz am Dienstag. Sollte der WDR den Film wie geplant ausstrahlen, wären seiner Ansicht nach Ansprüche auf Entschädigung ausgelöst. Der WDR, der den Film produzierte, teilte mit, Anwälte hätten die Vorwürfe geprüft. Sie seien nicht zutreffend.

Röhl wiederum hebt hervor, dass es beispielsweise in der Realität kein Gegenstück für die Figur der Petra gebe – im Gegensatz zu Simon Pistorius, dessen Position mit dem Reformpädagogen Gerold Becker gleichzusetzen ist, der sich an kleinen Jungen verging. Doch in die Rolle der Petra ist viel von Röhl selbst eingeflossen. Er hat von 1989 bis 1991 als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule gearbeitet und war damals selbst irritiert von einigen Beobachtungen.

Einige der Betroffenen kennt er persönlich. So führte er ein sechs Stunden langes Gespräch mit einem Missbrauchsopfer: „Dabei habe ich in den Abgrund geblickt. Es lässt mich bis heute nicht los und hat mich verändert.“ Er sei sensibler geworden. Mit seinen Filmen will er Bilder für das Abstrakte finden. „Es gibt immer Leute, die sagen: Das habe ich nicht gewusst“, sagt er und will nun helfen, dass sie wissen, wann sie bestimmte Dinge ansprechen müssen. (Mit epd)

Die Auserwählten - ARD, Mittwoch, 1. Oktober, 20.15 Uhr.


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