Rückkehr eines Fieslings „Alte Bekannte“: ARD zeigt 1500. Folge der „Lindenstraße“

Von Reinhard Lüke

Der alte Bekannte ist wieder da: Robert Engel (Martin Armknecht) kehrt in die Lindenstraße zurück und läuft Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) in die Arme. Foto: WDR/Steven MahnerDer alte Bekannte ist wieder da: Robert Engel (Martin Armknecht) kehrt in die Lindenstraße zurück und läuft Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) in die Arme. Foto: WDR/Steven Mahner

Köln. Am Sonntag läuft in der ARD die 1500. Folge der „Lindenstraße“, die am 8. Dezember 1985 an den Start ging. Rund 250 Schauspieler waren seitdem mit Hauptrollen unter Vertrag, dazu kamen etwa 2100 Gastrollen. 24000 Komparsen spazierten durch die Straße. Es gab rund 30 Hochzeiten und über 40 Todesfälle. 25 Regisseure haben die Serie inszeniert. Die Folgen füllen mehr als 71000 Drehbuchseiten.

Robert Engel ist wieder da. Nach 22 Jahren. Als er mit seinem Benz in die Lindenstraße einbiegt, läuft ihm als Erstes Helga Beimer über den Weg, die aber wieder mal viel zu beschäftigt ist, um von ihm Notiz zu nehmen. Ansonsten hätte sie Engel gewiss wiedererkannt und wäre über die Begegnung nicht sonderlich erfreut gewesen. Und „Lindenstraßen“-Fans der ersten Stunde wird es beim Wiedersehen mit dem Mann im Nadelstreifenanzug vermutlich ähnlich gehen.

Jüngeren Anhängern der Endlos-Serie muss man es vielleicht erklären. Robert Engel, damals wie heute gespielt von Martin Armknecht, war in der Serie so etwas wie der Fiesling vom Dienst. Ein arroganter und intriganter Zeitgenosse, der mit seinem öligen Charme immer Frauen (und Männer) für sich einnahm, um sie alsbald wieder zu verstoßen. Zudem dealte er in großem Stil mit Drogen, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Im November 1992 (Folge 364) trat Robert Engel seine Haftstrafe an und ward seitdem nicht mehr gesehen.

Seinen größten Auftritt hatte er allerdings schon am 18. März 1990, als er in der Episode „Das Horoskop“ einen intensiven Zungenkuss mit Carsten Flöter (Georg Uecker) tauschte. Der erste Schwulen-Kuss in einer deutschen Fernsehserie sorgte wochenlang für Gesprächsstoff und bescherte den beiden Schauspielern körbeweise Hassbriefe, die bis zu Morddrohungen gingen.

Nun ist Robert Engel also wieder da und hat sich kaum verändert. Zwar gibt er sich inzwischen als seriöser Pharma-Vertreter aus, doch früh wird deutlich, dass er irgendeine Schurkerei im Schilde führt. Martin Armknecht, der seit seinem Ausstieg aus der „Lindenstraße“ an einer Vielzahl von Filmen und Serien beteiligt war, hat mehrfach bekannt, das Fiesling-Image seiner Figur nie wieder losgeworden zu sein. Und seine Rückkehr dürfte daran kaum etwas ändern.

Immerhin gönnen die Macher der Serie ihm sein Comeback in einer ganz besonderen Episode. Denn an diesem Sonntag wird die 1500. Folge der „Lindenstraße“ ausgestrahlt. Während die Fernsehkritik seinerzeit nur Spott und Hähme für die erste deutsche Soap übrighatte, fanden die Dramen in einer Münchener Wohnstraße schon bald eine große Fangemeinde. In Spitzenzeiten fanden sich am frühen Sonntagabend über zehn Millionen Menschen vor dem Bildschirm ein. Heute muss sich die ARD bei den einzelnen Folgen mit einem Viertel der Zuschauer bescheiden. Dennoch begegnete sie Gerüchten, wonach bei Beimers & Co. bald die Lichter ausgehen könnten, bislang stets mit kategorischen Dementis. Der aktuelle Vertrag mit Hans W. Geißendörfer, von Beginn an Produzent der „Lindenstraße“, läuft jedenfalls bis 2016.

Wie der Produzent sind auch einige der Figuren beziehungsweise deren Darsteller von der ersten Folge an dabei. So etwa Helga, Hans und Klaus Beimer ( Marie-Luise Marjan , Joachim Hermann Lugner, Moritz A. Sachs), Gaby Zenker (Andrea Spatzek), Akropolis-Wirt Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides) und Dr. Ludwig Dressler (Ludwig Haas).

Der Darsteller des Arztes, der seine Praxis inzwischen an eine junge Kollegin übergeben hat, berichtet amüsiert von Menschen, die ihn in der Fußgängerzone ungläubig anstarren, weil sie partout nicht glauben wollen, dass der querschnittsgelähmte Dr. Dressler plötzlich wieder gehen kann. Joachim Hermann Luger erinnert sich hingegen an weniger schöne Begegnungen mit dem wirklichen Leben. Nachdem Hans Beimer 1991 seine „Taube“ Helga für die Nachbarin Anna verlassen hatte, drohten ihm Fans auf offener Straße Prügel an, weil er die Bilderbuchfamilie gesprengt hatte.

Auch heute tun sich manche Zuschauer noch schwer, Realität und Fiktion zu unterscheiden, wenn sie Briefe an „Helga Beimer, Lindenstraße“ adressieren. Womit die Post aber längst kein Problem mehr hat. Die Sendungen landen ohne Verzögerung auf dem WDR-Produktionsgelände in Köln-Bocklemünd. Dort werden von einem 70-köpfigen Team und den 50 Schauspielern des Ensembles von montags bis freitags täglich sieben bis acht sendefertige „Lindenstraßen“-Minuten hergestellt.

Wobei man der Zeit immer drei Monate voraus ist. Deshalb müssen jedes Jahr die Bäume der Kulisse bereits im Sommer entlaubt werden, während man die kahlen Zweige bereits im Januar wieder mit frischen Blättern beklebt. Derzeit dürfte auf dem Gelände die Weihnachtszeit in vollem Gange sein.

In den 29 Jahren ihrer Existenz hat die „Lindenstraße“ fraglos Fernsehgeschichte geschrieben und für manch bewegende Momente gesorgt. So etwa, als Benno Zimmermann (Bernd Tauber) 1988 als erster deutscher Serienheld an Aids verschied oder als der grantelnde Hausdrache Else Kling auf dem Sterbebett sein Leben aushauchte und Darstellerin Anne Wendl nur wenige Wochen später dasselbe Schicksal ereilte.

Viele Schauspieler sind der Serie über Jahrzehnte treu geblieben, und für zumindest einen war sie ein Karrieresprungbrett: Anfang der 90er gab Til Schweiger 145 Folgen lang Andy Zenkers Sohn Jo, der für seine Stiefmutter Gaby schließlich mehr empfand, als einem Sohn zusteht. Eher unwahrscheinlich, dass Schweiger nochmal in die „Lindenstraße“ zurückkehren wird. Auch für Martin Armknecht dürfte sein Comeback nur eine Episode bleiben. Für Bösewicht Robert Engel sind lediglich zehn Folgen vorgesehen, bevor man ihn (vermutlich) wieder mit Schimpf und Schande wieder vom Hof jagt.

Wie lange es die Serie noch geben wird, weiß derzeit niemand. Aber 1500 Folgen sind eigentlich ein Klacks. Schließlich läuft „Coronation Street“ , das britische Vorbild der „Lindenstraße“, bereits seit 1960.

Lindenstraße: Alte Bekannte, ARD, Sonntag, 28. September, 18.50 Uhr.