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„Gewucherte Struktur“ Corinna Harfouch: Scharfe Kritik an ARD und ZDF

Von Daniel Benedict


Berlin. Corinna Harfouch ist der Star im ARD-Film „Der Fall Bruckner“. Im Interview geht sie mit ARD und ZDF hart ins Gericht: „Es gibt bei den Sendern nur noch ganz wenige Redaktionen, über die ich sage: Die sind noch irgendwie bei Trost.“

Am Mittwoch ist Corinna Harfouch im ARD-Film „Der Fall Bruckner“ zu sehen (20.15 Uhr) – und das, obwohl die 59-Jährige skeptisch auf die Arbeit der meisten ARD-Redaktionen blickt. Im Interview erklärt die Schauspielerin, was in öffentlich-rechtlichen Sendern schiefläuft. Und zum 25. Jahrestag denkt sie über die Folgen des Mauerfalls auf die Kunst nach: „Die Freiheit ist viel anspruchsvoller als die Kritik an der Unfreiheit“, sagt Harfouch, die schon im Osten ein Star war. Ihr eigener Weg in die Freiheit begann übrigens mit „Unser Lehrer Dr. Specht“ – ein Dreh unter Qualen!

Frau Harfouch, in „Der Fall Bruckner“ spielen Sie eine Frau vom Jugendamt, die trotz aller Widerstände nicht nur Kinder aus grausamen Verhältnissen rettet, sondern sogar den prügelnden Eltern verzeiht. Klingt fast nach einer Heiligen.

(Corinna Harfouch verdreht die Augen.)

Sie scheinen die Frage für dumm zu halten.

Meinen Sie die Frage denn ernst? Ich weiß gar nicht, gegen was für Widerstände die Figur da zur Heiligen werden soll.

Als Bruckner sich mit einer Star-Anwältin anlegt, wird sie vom Chef ausgebremst, von den Kollegen fallengelassen, von der Presse verfolgt und vom Ehemann betrogen. Und statt jetzt Dienst nach Plan zu machen, riskiert sie ihren Beruf.

Trotzdem ist sie keine glatte Heldin. Ich wollte eine Beamtin spielen, die man auch als schwierig und sogar arrogant empfinden kann, eine Frau, der die Geduld für Formalitäten fehlt. Für mich hat diese Frau Bruckner den Mut zu gestalten, dabei handelt sie eigenmächtig und läuft Gefahr, sich zu verrennen.

Das Drehbuch zu „Der Fall Bruckner“ stammt von Hans-Ullrich Krause, dem Leiter des Kinderhaus Berlin-Mark Brandenburg e.V. Was haben Sie von ihm über Kinder in Not und über die Arbeit von Jugendämtern erfahren?

Er hat mich vor allem für eine Erfahrung sensibilisiert: Je näher man an etwas rangeht, desto vielfältiger erscheint es. Hinter einem Schlagwort wie „Amt“ stehen tausend verschiedene Varianten davon, was ein Amt und was Beamte sein können. Diese Lebendigkeit im Alltag von Institutionen war mir wichtig. Man darf sich keine Sammelmeinung bilden. Es gibt nur viele Einzelfälle.

Frau Harfouch, weil gerade ein großes Jubiläum ansteht, würde ich gern zurückblicken …

Meinen Sie, dass ich sechzig werde? Geht es jetzt um meinen Geburtstag?

Eigentlich dachte ich an 25 Jahre Mauerfall; um Ihnen zu gratulieren, ist es ein bisschen zu früh, oder?

Ah! Ach so! Na, dann ist es gut. Nur zu! Schießen Sie los.

1989 lief ein Film von Ihnen und Ihrem damaligen Mann Michael Gwisdek in Cannes, „Das Treffen in Travers“.

Und Sie wissen davon. Sind Sie Ostler?

Westler, das ist es ja gerade. Der Film spielt 1793, es geht um die Französische Revolution, aber auch um die Verhältnisse in der DDR. Wer 1989 nicht dabei war, kann das heute kaum dechiffrieren. Bedauern Sie das?

Das glaube ich auch; aber es ist eben so.

Im Fernsehen laufen aus dem Programmschatz der DDR heute noch „Solo Sunny“, „Spur der Steine“ – und das Ost-Sandmännchen, weil es einfach besser war als das vom NDR …

Viel besser.

… aber den Großteil der ostdeutschen Produktion hat das gesamtdeutsche Fernsehen vergessen.

Gott sei Dank. Es ist nicht alles ein Schatz. Es gab unfassbar viel Schrott, und der wird eben verschrottet. Man muss nicht alles aufbewahren. Vieles war mittelmäßig, hässlich, grob und ungekonnt. Und das sehr absichtsvoll. Die Arbeiter-und-Bauern-Unterhaltung wollte ideologisieren und hat das mehr als holprig angestellt. Trotzdem gab es hinter der offiziellen Kultur eine riesige Szene von vielen unwahrscheinlich tollen Leuten. Wir haben in einem großen alltäglich-poetischen Austausch gestanden, haben uns in Lesezirkeln getroffen, Hauskonzerte und Aufführungen in Wohnzimmern organisiert. So was entsteht in einer Atmosphäre der Kontrolle ganz schnell. Schön war’s. Das habe ich als extrem lebendig in Erinnerung.

Sie selbst haben damals auch auf großen Bühnen gestanden, auf denen derselbe Tonfall geherrscht haben muss.

Das stimmt, ich konnte wichtige Arbeiten machen: die „Lady Macbeth“ mit Heiner Müller zum Beispiel. Oder einen außergewöhnlichen Urfaust am Berliner Ensemble, der auf eine raffinierte Weise subversiv war. Horst Sagert hatte Goethe nicht vordergründig politisch inszeniert, sondern einfach neue Räume aufgemacht – sodass hinterher jedem klar war, dass es weiß Gott noch ganz andere Dinge zwischen Himmel und Erde gibt als das Politische.

Vermissen Sie – bei aller Erleichterung über den Mauerfall – diese Arbeit in einem so existenziellen Anspielungsraum?

Ich habe das mal vermisst. Extrem. Aber dann hat mich der Satz einer Freundin aus dem Westen aufgerüttelt, die mir gesagt hat: Aha, aha, du brauchst für dein künstlerisches Wohlbefinden also eine Diktatur. Und es ist etwas Wahres dran: Kunst in der Diktatur macht auf eine ambivalente Weise viel mehr Spaß, man spürt sich ganz einfach mehr. Aber die Freundin hat natürlich recht: Der Preis ist zu hoch. Als ich für mich durchdacht hatte, wie unglaublich dieser Gedanke ist, hat meine Haltung sich verändert. Wenn man in der Kunst irgendwas mit Qualität am Hut hat, wenn einem daran liegt, sich selbst zu entwickeln – dann stehen in der jetzigen Gesellschaft viel härtere Fragen an.

Welche?

Ganz schlicht: Wer bist du überhaupt? Und was schaffst du für ein Klima rings um dich? Wo bist du tot, wo am Leben? Was willst du eigentlich ausdrücken, was interessiert dich wirklich? Früher haben wir protestiert, weil wir nicht leben konnten, wie wir wollten. Heute hindert uns keiner mehr daran, und jetzt erst müssen wir die Frage beantworten: Wie will ich denn nun leben? Wie lebt man richtig? Die Freiheit ist viel anspruchsvoller als die Kritik an der Unfreiheit.

Als Erstes haben Sie im Westen – ich hoffe, ich ärgere Sie nicht – etwas ganz Anspruchsloses gemacht. Nach der Lady Macbeth kam Lilo von Barnim in „Unser Lehrer Dr. Specht“.

Ich habe das gedreht, aber nie gewagt, es mir anzusehen. Keine einzige Folge.

Warum haben Sie es denn überhaupt gemacht? Wollten Sie dem ganzen deutschen Publikum bekannt werden?

Es war wirkliche Not. Ich war gerade im Konflikt vom Deutschen Theater weggegangen, was für mich selbst bis dahin undenkbar gewesen war. Mein Berufsbild war: Schauspieler gehören an die Bühne; und ab und an dreht man nebenbei einen Film. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was „freischaffend“ bedeutet, und musste Geld verdienen. Also habe ich bei „Dr. Specht“ zugesagt; und es hat mich einiges gekostet, damit an einem Ort zu sein, an dem ich nicht sein wollte. Das Gefühl ist bis zum Ende der Drehzeit geblieben. Ich habe dabei immer meine Kollegen bewundert, sie mit großen Augen angeguckt und gestaunt: Die können das einfach so machen; die spielen, und es stört sie nicht, dass wir 13 Folgen gleichzeitig abdrehen und kaum noch wissen, was unsere Figur gerade bewegt. Ich hatte bis dahin nie Fernsehen gemacht. Und zwar weil ich damals wirklich so naiv war zu denken: Ich bin so toll, dass ich das nicht muss.

In einem „Polizeiruf 110“ hatten Sie immerhin eine Nebenrolle.

Stimmt, stimmt, stimmt! Ein Freundschaftsdienst, nachdem ich in der Kantine angesprochen worden war. Die Erfahrung hatte aber nichts an meiner stolzen Haltung geändert: Fernsehen in der DDR war unter meiner Würde.

„Unser Lehrer Dr. Specht“ bemüht sich zu allem Überfluss um einen starken Ost-West-Bezug. Kam es Ihnen komisch vor, ausgerechnet in der Fernsehserie ein Lebensthema zu behandeln?

Als Dr. Specht in den Osten umzieht, war ich zum Glück schon ausgestiegen.

Heute sind Fernsehserien unter dem Begriff des Quality TV ein Lieblingsthema der Feuilletons. Aber keiner nennt dabei deutsche Produktionen.

Weil es keine gibt, die den Begriff verdient. Ich höre es aber auch immer wieder, weil mir Drehbücher mit genau dieser These angeboten werden: Das ist so was wie „Breaking Bad“ oder wie ich weiß nicht was.

Was haben Sie als Letztes abgelehnt?

„Die Füchsin“. Es geht – raten Sie mal! – um eine Privatdetektivin. Es ist doch fürchterlich! Es gibt nichts anderes mehr. Alle anderen Berufe spielen keine Rolle mehr. Ich weiß auch nicht, wie das kommt. Allerdings habe ich trotzdem gerade eine kleine Serienrolle übernommen, die auch mit dem Polizeimilieu zu tun hat – und bei der ich auch glaube, dass es etwas Tolles wird: „Die Lebenden und die Toten“. Das dreht Matthias Glasner für das ZDF, mein Lieblingsregisseur. Und es ist gut: komplex, verstrickt, ein großes Ensemble mit sehr unterschiedlichen Figuren.

Der Produzent von „Der Fall Bruckner“ berichtet, dass ein Film über das Jugendamt der Redaktion Mut abverlangt. Wieso eigentlich? Das Thema ist relevant, mit Ihnen war schon in der Entwicklung ein großer Name dabei.

Ich weiß gar nicht, ob ich bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen von Feigheit sprechen soll. Die sind ganz einfach extrem in ihren gewucherten Strukturen verstrickt und können sich kaum noch bewegen. Die produzieren zum Teil kaum noch. Der NDR macht außer „Tatort“ fast gar nichts mehr, weil dort noch der Programmstock der kriminellen Ex-Fernsehspiel-Chefin versendet werden muss. Das höre ich zumindest. Ich kann das von außen nur unzuverlässig beurteilen. Aber für mich stellt es sich so dar: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist ein System entstanden, in dem sich der einzelne Mensch kaum noch gegen den Apparat durchsetzen kann. Es gibt bei den Sendern nur noch ganz wenige Redaktionen, über die ich sage: Die sind noch irgendwie bei Trost, die denken noch nach, die pflegen noch eine Fantasie, die nicht von Tausenden Regeln erstickt ist.

Legen Sie Angebote von anderen Redaktionen zur Seite?

Ich lese jedes Drehbuch durch. Oder sagen wir mal: Ich schlage jedes Drehbuch auf, lese ein, zwei Seiten. Auf der dritten weiß ich, ob ich weiterlese oder besser in den Garten gehe und meine Tomaten gieße.


Corinna Harfouch wird am 16. Oktober 1954 im thüringischen Suhl geboren. Nach dem Abitur macht sie eine Lehre als Krankenschwester, beginnt ein Studium als Textilingenieurin und bildet sich schließlich an der Ernst-Busch-Schule zur Schauspielerin aus. In den 80er-Jahren steigt sie rasch zum Star der lebendigen Ostberliner Theaterszene auf, wo sie unter anderen mit Heiner Müller arbeitet. Auch im Kino der DDR ist sie präsent: Mit dem „Treffen in Travers“, dem Regiedebüt ihres damaligen Ehemannes und Schauspielkollegen Michael Gwisdek, ist sie bei den Festspielen in Cannes zu sehen. Auch nach der Wende prägt Harfouch das Theater der Hauptstadt. Als „Des Teufels General“ (Regie: Frank Castorf) wird sie 1997 in einer Kritikerumfrage Schauspielerin des Jahres. Zu ihren bekanntesten Rollen in Film und Fernsehen zählen die Titelfigur in „Vera Brühne“ (2001) und Magda Goebbels in „Der Untergang“ (2004). Corinna Harfouch ist Mutter von vier erwachsenen Kindern und lebt in der Brandenburger Schorfheide.