Kaum Migranten in den Medien Redaktionsstuben fehlt die Vielfalt

Von Thomas Klatt

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Osnabrück. Nicht mehr alle werden sich vielleichtnoch an Cherno Jobatey oder Mo Asumang erinnern. Sie waren mit die ersten farbigen Moderatoren im deutschen Fernsehen überhaupt. Beleg dafür, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland geworden war. Menschen mit ausländischen Familienhintergründen sind selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft, nicht aber der Medien.

Linda Zervakis ist eine der Frontfrauen in der ARD. Sie ist in Hamburg geboren und hat griechische Eltern. Auch wenn sie beileibe nicht die erste Deutsche mit Migrationshintergrund auf der Mattscheibe ist, so scheint ihr Einsatz als Tagesschausprecherin immer noch etwas Besonderes zu sein.

„Es ging in der Presse los mit ,die erste Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund‘. Das hört sich in meinen Ohren immer so an wie eine Viruskrankheit, die ansteckend ist“, sagt Zervakis. Es ist ihr bewusst, dass sie für die öffentlich-rechtlichen Sender so etwas wie ein Aushängeschild für Multikulturalität ist.

Die Zuschauer jedenfalls, so scheint es, haben sich an ihren ausländisch klingenden Namen gewöhnt. Hass- oder Schmähbriefe erhält sie nicht. Zervakis erklärt das so: „Ich habe einen christlichen Hintergrund. Das spielt bei vielen Menschen noch eine Rolle. Bei einem Türken ist das halt der Islam, und da heißt es: oh Gott, schlimm, schlimm, schlimm.“

Nur, wer von den Zuschauern weiß schon, dass etwa Dunja Hayali aus einer arabisch-christlichen Familie stammt? Die kleine, zierliche Frau steht beim ZDF vor der Kamera. Geboren wurde sie in Nordrhein-Westfalen, ihre Eltern stammen aus dem Irak. Das sei ihr Migrationsvordergrund, sagt Hayali und will damit die gestelzt-korrekte Sprachregelung vom „Herkunfts-Hintergrund“ auf den Kopf stellen. Dass sie als Moderatorin so weit kommen konnte, habe sie auch Menschen zu verdanken, die sie gefördert haben. „Als ich 2007 anfing, war die Situation noch eine andere. Besonders vor der Kamera gab es kaum jemanden mit einem Migrationsvordergrund. Das hat sich im ZDF wie auch in der ARD wie auch bei anderen Sendern verändert. Die Sichtbarkeit hat zugenommen“, sagt Hayali.

Aber in der ZDF-heute-Redaktion gebe es zum Beispiel relativ viele Menschen mit Migrationsgeschichten. Nur würden diese kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Medien sollten aber ein Spiegelbild der Gesellschaft sein, und da seien eben die meisten Redaktionen noch auf dem Weg. Nur: Es fehle der passende Nachwuchs, beklagt etwa rbb-Programmdirektorin Claudia Nothelle.

Den Weg in den Journalismus finden immer weniger junge Menschen, gerade auch aus Migrantenfamilien. „Irgendwas mit Medien“ ist längst nicht mehr ein Traumberuf, verspricht dieser doch viel Arbeit für relativ wenig Gehalt, verbunden mit dem Risiko, der nächsten Medien- oder Zeitungskrise zum Opfer zu fallen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zumindest bemühe sich um junge Nachwuchstalente, verspricht Nothelle. Allerdings kann man ihren Worten kaum Glauben schenken, hat doch gerade der rbb vor sechs Jahren aus vorgeblich finanziellen Gründen die ambitionierte Radiowelle rbb-multikulti eingestellt.

„Tatsächlich hat jeder fünfte Studierende an einem journalistischen Institut einen Migrationshintergrund. Aber in den Redaktionen hat nur jeder 60. einen Migrationshintergrund. Das heißt, auf dem Weg gehen ein paar verloren“, bemängelt die türkisch-deutsche Publizistin Mely Kiyak.

Dabei seien die Arbeitsbedingungen für Journalisten mit ausländischen Wurzeln in Deutschland heute glänzender denn je. Zumindest verglichen mit den 1970er- Jahren, als er zusammen mit seinen Eltern aus Italien nach Deutschland kam, erinnert sich „Zeit“- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo . Seine ersten Artikel wurden noch unter dem Namen „Hans Lorenz“ veröffentlicht. Damals sei es noch undenkbar gewesen, dass Italiener im deutschen Feuilleton schreiben. Ihm wurde geraten, er solle doch besser Italien-Korrespondent werden. Di Lorenzo aber hat sich durchgesetzt.

Heute schreiben bei seiner Wochenzeitung „Die Zeit“ selbstverständlich Journalisten mit Migrationshintergrund. Aber es gebe bei ihm keinen Bonus, nur weil ein Reporter ausländische Wurzeln habe. Vor allem brauche es Talent zum Schreiben, sagt die Lorenzo.

Aber eben auch eine Chance, in eine Redaktion überhaupt hineinzugelangen, ergänzt Mely Kiyak. Der Journalismus hierzulande wäre sicherlich besser, wenn es weniger homogen-deutsche Redaktionen gäbe.


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