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Depression Maischberger: Scheu vor Hubert Kahs „Big Brother“-Zeit

Von Daniel Benedict


Berlin. Sandra Maischberger talkt zum Thema Depression. Mit dabei: Hubert Kah, seit „Promi Big Brother“ einer der prominentesten Erkrankten. Warum ist die Sat.1-Show bei „Menschen bei Maischberger“ kein Thema?

Drei Millionen Zuschauer haben die Sat.1-Show „Promi Big Brother“ verfolgt. Einer der Kandidaten war Hubert Kah – und als die Vorgeschichte seiner schweren Depression sich herumsprach, fragten sich viele: Darf man über Hubert Kahs Ticks lachen?

Warum meidet Maischberger das Thema „Promi Big Brother“?

Sandra Maischberger stellt die Frage leider nicht. Für ihre Talkrunde zum Thema „Diagnose Depression: Bin ich nur unglücklich oder schon krank?“ ist ihr das Trash-TV womöglich zu schmuddelig oder zu abwegig. Maischberger spricht über die Abgrenzung der Depression zu Trauer und Burn-out, über Behandlungsmethoden und das Leiden von Ko-Depressiven. Nicht zuletzt arbeitet sie mit ihren Gästen heraus, wie eine Depression sich überhaupt anfühlt.

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Nach dem Suizidversuch

Maischberger hat kompetente Gäste, die Moderatorin Nova Meierhenrich, deren depressiver Vater sich das Leben genommen hat, oder Daniel Göring. Als Kommunikationschef der Schweizer Luftüberwachung musste er der Öffentlichkeit 9/11 erklären, die Pleite der Swissair und die Flugkatastrophe von Überlingen. Danach geriet der dreifache Vater in eine Erschöpfungsdepression und überlebte seinen Suizidversuch nur durch Zufall.

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Wie ist Sat.1 mit dem Thema umgegangen?

Vor solchen Lebensgeschichten wirkt „Promi Big Brother“ tatsächlich irrelevant. Zu Unrecht. Hubert Kahs Auftritt vor einem Millionenpublikum hat das Bild der Krankheit Depression mitgeprägt. Dass Elektroschocks ein Gegenmittel sind, dürften viele erst über „Promi Big Brother“ erfahren haben. Trotzdem spricht niemand darüber, wie Sat.1 mit dem Thema umgegangen ist. (Stattdessen wird immer wieder der 40 Jahre alte Filmklassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ zitiert, in dem nicht nur Elektroschocks zur Anwendung kommen, sondern eine Lobotomie .)

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Hubert Kah weiß nicht, wie die Sendung heißt

Als Hubert Kah seine Sat.1-Show am Rande erwähnt, verblüfft er mit der Behauptung: „Die Sendung heißt gar nicht mehr ’Big Brother‘, sondern ’Extreme Brother‘.“ Mit Extreme meint Hubert Kah den Nonsens-Namenszusatz von „Promi Big Brother“ - „Das Experiment“. Dass Hubert Kah nicht mal so ganz genau weiß, in welcher Sendung er auftritt, war bei Sat.1 ein beliebter Running Gag. Bei Sandra Maischberger verpufft das Detail.

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In Staffel 1 war es der Alkoholismus von Jenny Elvers

Die Frage, wie „Promi Big Brother“ mit psychischen Extremen herumexperimentiert, wäre durchaus diskutabel gewesen: In der ersten Staffel siegte Jenny Elvers-Elbertshagen mit der Geschichte ihres Alkoholentzugs; diesmal wurde Hubert Kah mit intensiven Spleens und Ticks zum „König der Herzen“ (Kah). Sein unkontrolliertes Mienenspiel wurde bei Sat.1 zum Markenzeichen – wie empfindet Hubert Kah selbst das, wenn er heute die „Big Brother“-Bilder sieht?

Warum fragt Sandra Maischberger nicht?

Sandra Maischberger fragt nicht danach; wahrscheinlich weil sie „Promi Big Brother“ anständiger Weise gar nicht gesehen hat. Für Kenner des Formats macht das „Menschen bei Maischberger“ zum Frustrationserlebnis – weil alle offensichtlichen Aspekte unerwähnt bleiben: die schwarzen Fingernägel, mit denen Hubert Kah auch bei Maischberger erscheint, die alten NDW-Auftritte in Nachthemd und Zwangsjacke, die Maischberger im Einspieler zeigt, ohne darauf einzugehen.

Nutzt oder schadet das Trash-TV?

Und auch zur Wirkung des Trash-TV erfährt man nichts: Verharmlost Sat.1 mit „Promi Big Brother“ psychische Krankheiten? Hilft das Format im Gegenteil, Tabus abzubauen? Hubert Kah hätte dazu etwas sagen können. Aber keiner fragt ihn. „Promi Big Brother“ war der Anlass, ihn einzuladen. Schade, dass die Sendung als Thema dann bewusst vermieden wurde.