Es gilt etwas zu verteidigen 3sat präsentiert spannende Filme aus Russland

Von Tobias Sunderdiek

Regisseurin Angelina Nikonova hat mit „Porträt in der Dämmerung“ einen der spannendsten und strittigsten Spielfilme des aktuellen russischen Kinos gedreht. Foto: ZDF/Heinz KerberRegisseurin Angelina Nikonova hat mit „Porträt in der Dämmerung“ einen der spannendsten und strittigsten Spielfilme des aktuellen russischen Kinos gedreht. Foto: ZDF/Heinz Kerber

Osnabrück. Krise? Welche Krise? Obwohl Russlands Politik gerade die Nachrichten beherrscht, boomt seit Jahren, meist unbeachtet vom Westen, das russische Kino. Und das ebenso kommerziell wie künstlerisch. 3sat präsentiert bis Freitag eine spannende Auswahl aus sechs russischen Filmwerken. Filme, die auch für die Zerrissenheit des Landes stehen – inhaltlich wie kulturell.

Wem kann man noch trauen? Der Polizei? Dem Staat? Das muss sich auch die gut-situierte Marina fragen, als sie einen Albtraum erleiden muss. Denn ausgerechnet ein paar Polizisten greifen Marina auf und vergewaltigen sie auf brutalste Weise. Sicherheit? In Russland, so scheint es, ist das ein Fremdwort.

Und: Es sind nicht die einzigen Verwerfungen, die der Film „Porträt in der Dämmerung“ zeigt (Dienstag, 16. September, 22.55 Uhr). Denn als Marina kurz darauf auf einen ihrer Peiniger, Andrej, trifft, tut sie etwas, was sich dem rationalen Verstand zu entziehen scheint. Obwohl sie ihn zunächst töten will, verführt sie ihren Peiniger. Mehr noch: Marina beginnt sogar eine Affäre mit Andrej, und lernt seine Welt kennen. Eine triste Existenz: Andrej haust in einer kleinen Wohnung, mit einem dementen Vater und reichlich Wodkaflaschen.

Grau in grau: Fast so, als wären alle Farben ausgesaugt, präsentiert Regisseurin Angelina Nikonova hier ein düsteres Gesellschaftsporträt. Grau ist hier die beherrschende Farbe, Nebel kriecht hier durch die von Betonbauten bestimmten Szenerien, es gibt kein Schwarz und Weiß. Zumindest, was die Seelen angeht.

Ein Film, der provoziert. Nicht nur in Russland, wo „Porträt in der Dämmerung“ das Versagen einer funktionierenden Zivilgesellschaft aufzeigt, sondern der auch von Frauenrechtlerinnen im Westen angegriffen wurde. Die Tatsache, dass sich ein Vergewaltigungsopfer mit ihrem Peiniger einlässt, verstört in der Tat. Ein oft schmerzhafter Film, der zeigt, dass Moral und Gesetz in Russland oft zwei verschiedene Dinge sind.

Zerrissen ist dabei auch das Filmschaffen in Russland: Einerseits erreichen Produzenten ein Millionenpublikum mit patriotischen Kriegsfilmen wie „Stalingrad“ oder Actionfilmen wie „Metro“ , die in Deutschland bestenfalls auf DVD oder in kleineren TV-Sendern zu sehen sind, andererseits begeistern aber auch Kunstfilme ein westliches Festivalpublikum, bleiben in ihrer Heimat aber unsichtbar.

So wie in dem in Venedig ausgezeichneten Film „Die Rückkehr“ (17.9., 22.25 Uhr), in dem Andrej Swjaginzew von der unheilvollen Beziehung zwischen einem Vater und seinen zwei Söhnen erzählt, oder in dem auf der Berlinale gefeierten „Mein Sommer mit Sergej“ (19.9., 4.05 Uhr) von Alexej Popogrebskij, ein Psychodrama um zwei Polarforscher in einer Wetterstation.

Oder auch wie in „Alisa, das Meermädchen“ (2007), ein Film von Anna Melikian, der Hans-Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau als Matrize für ein poetisches Großstadtmärchen nimmt, das in seiner Verspieltheit ein wenig an „Die fabelhaften Abenteuer der Amelie“ erinnert (18.9., 22.25 Uhr).

Düsterer dagegen ist „Target – Die Zone ewiger Jugend“ (19.9. 22.35 Uhr), der an jene Tradition sowjetischer Filme anknüpft, soziale Verwerfungen mithilfe von Science-Ficton-Dramen à la „Stalker“ aufzugreifen: Im Jahr 2020 gelingt es Wissenschaftlern, einer Gruppe Menschen ewige Jugend zu schenken. Mit unbeabsichtigten Folgen: Die Menschen werden immer aggressiver.

Eingeleitet wird die Reihe mit einer „Kennwort Kino“-Sendung heute um 22.25 Uhr, die auch aufzeigt, dass die bis zuletzt bestehenden relativen Freiräume russischer Filmemacher immer mehr durch die Zensur beschnitten werden. Droht den russischen Filmemachern in absehbarer Zukunft ein Rückschritt in sowjetische Zeiten?

Diese 3sat-Filmreihe beweist: Es gilt etwas zu verteidigen. Die Qualität der Filme zeigt es.

Infos und Sendetermine unter www.3sat.de/film