Nordlicht mit Bodenhaftung Jonas Nay schaffte mit „Homevideo“ den Durchbruch

Von David Sarkar

Bodenständig und sympathisch: Grimme-Preisträger Jonas Nay. Foto: ImagoBodenständig und sympathisch: Grimme-Preisträger Jonas Nay. Foto: Imago

Lübeck. Jonas Nay gilt seit dem ARD-Film „Homevideo“ als großes Schauspieltalent. Ab dem 9. Oktober ist er an der Seite von Tobias Moretti im Kinofilm „Hirngespinster“ zu sehen. Doch der 23-Jährige steht nicht nur vor der Kamera. Mit seiner Band „Northern Lights“ veröffentlichte er gerade sein Debütalbum.

Eigentlich war das alles gar nicht so geplant – mit der Arbeit vor der Kamera, der Filmkarriere und der öffentlichen Aufmerksamkeit. Eigentlich wollte Jonas Nay nur als Chorknabe an die Oper. Doch es kam anders.

Jonas, ein 23-jähriger junger Mann von der Lübecker Bucht mit dunkelblonden Haaren und verschmitztem Grinsen, las 2004 einen Artikel in den Lübecker Nachrichten, „Kleine Schauspieler gesucht! Bitte bewerben!“, stand dort. Mit seiner Mutter stellte er eine Bewerbungsmappe zusammen und schickte sie ab. Doch die Mappe landete nicht, wie gedacht, an der Oper, sondern bei Studio Hamburg. Und Jonas vor der Fernsehkamera – mit 14 Jahren. „Erst beim Casting habe ich gemerkt, dass es um Fernsehen geht“, sagt er beim Interview.

Zwei Jahre und 26 Folgen lang war Jonas als Hauptdarsteller Otti Sörensen in der ARD-Mystery-Kinderserie „4 gegen Z“ zu sehen. Dabei war seine Mutter am Anfang dagegen. „Nee, ihr kriegt mein Kind nicht! Habt ihr einen Vogel? Für zwei Jahre?“, sagte sie den Leuten von der Produktion. Doch Jonas hatte Blut geleckt, blieb hartnäckig, und viele Diskussionen später durfte er vor die Kamera. Die einzige Bedingung: Die Schule dürfe nicht darunter leiden, und Zeit zum Klavierüben müsse auch noch bleiben. „Da mussten wir viele Deals ausmachen“, erzählt Jonas und lacht. Um die Privatsphäre des Jungen zu schützen, erhielt er das Pseudonym „Jonas Friedebom“ und weitere kleine Rollen in Serien wie „Die Rettungsflieger“ (ZDF) oder „Großstadtrevier“ (ARD).

Sein Pseudonym hat Jonas lange abgelegt. Heute steht sein Name für intensives und beeindruckendes Schauspiel. Im gefeierten ARD-Drama „Homevideo“ (2011) spielte er in seiner ersten großen Rolle das junge Mobbingopfer Jakob Moormann so authentisch, dass er nicht nur den Grimme-Preis, sondern auch den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises, den New-Faces-Award der Zeitschrift „Bunte“ sowie den Günter-Strack-Fernsehpreis erhielt. „Das war ein echter Kick-Start“, sagt Jonas.

Im Film wird Jakob nach der Verbreitung eines intimen Videos von seinen Mitschülern gemobbt und in den Selbstmord getrieben. Jonas haucht seinem Charakter Leben ein, lässt Schmerz, Verzweiflung und Traurigkeit spürbar werden. Das führte ihn auch selbst an seine Grenzen: „Ich habe sehr intuitiv gespielt, das war ein Sprung ins kalte Wasser. Das ging schon heftig an die Seele“, sagt er. Deprimierend ging es auch zwei Jahre später im Sat1-Film „Nichts mehr wie vorher“ (2013) zu, in dem Jonas als Daniel Gudermann unter Mordverdacht gerät und durchs Dorf gejagt wird. Der Film basiert auf dem Mordfall „Lena“, der 2012 in Emden für Aufsehen sorgte. Daniel bleibt am Leben, und doch durchzieht den Film eine große Traurigkeit angesichts einer Familie, die an den Vorwürfen zerbricht.

Und Jonas selbst? Ist alles andere als schwermütig. Fröhlich und herzlich begegnet er seinem Gesprächspartner. Er lacht viel. Mit der „Glitzerwelt“ kann er nicht viel anfangen. „Die liegt mir als Nordlicht extrem fern“, sagt er. Auf Filmpartys ist er nur dann zu finden, wenn es auch etwas zu feiern gibt. Das gab es jüngst beim Bayerischen Filmpreis, als Jonas den Preis als „Bester Nachwuchsdarsteller“ für seine Rolle als Sohn seines schizophrenen Vaters (Tobias Moretti) im Kinofilm „Hirngespinster“ bekam, der am 9. Oktober in den Kinos anläuft. „Das Zusammenspiel mit Tobias Moretti war sehr intensiv. Da waren schon einige sehr krasse Szenen dabei“, berichtet Jonas.

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Das Filmbusiness sieht er deshalb so entspannt, weil es nicht sein Leben bestimmt. Denn da gibt es noch die Musik. Jonas studiert „Musik vermitteln“ an der Musikhochschule Lübeck. Mit sieben Jahren fing er an Klavier zu spielen, beherrschte es schon, bevor er Noten lesen konnte. „Ich habe nur nach Gehör gespielt. Das bringt mir auch heute noch unglaublich viel“, sagt er. Die meiste Zeit hat der 23-Jährige in den vergangenen Monaten aber mit seiner Lübecker Band „Northern Lights“ verbracht, in der er nicht nur singt, sondern auch in die Tasten greift. „Ich habe meine Musik und mein Studium, um aus der Filmwelt abtauchen zu können“, sagt Jonas. Abgetaucht ist er auch mit seinen Bandkollegen David Grabowski (Gesang, Gitarre), Franz Blumenthal (Bass) und Jon Klein (Drums), um das Debütalbum „Landed“ fertigzustellen. Das Album ist seit dem 12. September unter anderem bei Amazon und iTunes zu finden.

Progressive Pop nennen die Jungs ihren Musikstil – ein tanzbarer Mix aus Funk, Soul, Hip-Hop und Jazz. „Vom Songwriting über die Aufnahme bis zum Mix ist alles aus eigener Hand. Über ein Jahr haben wir hart an dieser Platte gearbeitet und freuen uns riesig, dass sie jetzt endlich fertig ist“, erzählt Jonas. Groß war die Freude auch über den vierten Platz beim Emergenza-Bundeswettbewerb in Berlin Ende Juli: „Wir hätten nie gedacht, dass wir es bis dahin schaffen. Das war eine große Sache für uns, für die wir sehr dankbar sind.“

Auch wenn Jonas in seiner Band als Frontmann im Mittelpunkt steht – die Schauspielerei versucht er von der Musik zu trennen. „Wir sind eine Band und eben nicht Jonas Nay und seine Band. Wir spielten schon zusammen, bevor meine Filme im Kino liefen“, sagt er. Das klingt bodenständig und sympathisch. Ganz nach Jonas Nay eben.