Lilyhammer, Daredevil, Gotham Netflix Deutschland: Was können wir erwarten?


Osnabrück. Am 16. September startet der US-Streamingdienst Netflix in Deutschland. Für den deutschen Markt will man verstärkt auf hierzulande selbst produzierte Serien setzen. Wir stellen erfolgreiche Netflix-Serien vor – und fantasieren das jeweils deutsche Pendant herbei.

Anfangs eine reine Online-Videothek, produziert Netflix seit 2011 diverse Serien selbst – wie die hochgelobte Politserie „House of Cards“. Für den deutschen Markt will man jedoch verstärkt auf selbst produzierte Serien setzen, die laut einem Spiegel-Interview mit Netflix-Chef Reed Hastings „den spezifischen Geschmack und die Kultur“ des Landes reflektieren sollen. Corinna Berghahn , Daniel Benedict und Manuela Kanies haben sich einmal überlegt, wie das aussehen könnte:

Lilyhammer: Die erste Netflixserie

Was passiert: Ein New Yorker Mafioso und Olympia-Enthusiast – gespielt von Sopranos-Star Steven Van Zandt – verrät seinen Boss und landet im Rahmen des Zeugenschutzprogramms im norwegischen Lillehammer. Dort bietet man ihm einen Job als Pizzabäcker. Doch schon bald hat er dank diverser Gesetzesüberschreitungen eine Bar am Laufen – und mörderischen Ärger mit seinen Ex-Gesellen aus den Staaten. In der dritten Staffel spielt dann sogar Bruce Springsteen mit.

Hier geht es zum Trailer

Läuft es: Nicht auf Netflix-Deutschland. Stattdessen zeigte TNT-Serie die Drama-Komödie, und Arte hat sich die Rechte fürs Free-TV gesichert.

Deutsche Version: Ein Gangster verrät seinen Boss und landet in der bayrischen Provinz bei Garmischpatenkirchen. Dort mordet und erpresst er sich auf skurrile Art durch den Alltag. Moment: skurril und Mord und Provinz? Derlei gibt es doch schon diverse Male auf piefig-deutsche Art zu gucken.

Daher die Empfehlung:Lieber nicht: Dank deutscher Gemütlichkeit würde ein weiterer „Heiter bis tödlich“-Krimiquatsch dabei rauskommen. Mit Gastauftritt von Wolfgang Niedecken.cob

House of Cards: Das Meisterwerk

Was passiert?„House of Cards“ macht den Aufstieg eines mörderischen US-Kongressabgeordneten zum finsteren Königsdrama. In Monologen, die Kevin Spacey direkt in die Kamera spricht, verrät der Bad Guy seine Intrigen und macht den Zuschauer so zum Komplizen.

Hier geht es zum Trailer

Läuft es? Ausgerechnet beim Aushängeschild hat der Konkurrent Sky Atlantic HD sich die Erstausstrahlungsrechte gesichert. Ein PR-Supergau. Zeigen wird Netflix Deutschland die Serie aber trotzdem - als Wiederholung.

Deutsche Version: Der Versuch, die White-House-Serie „The West Wing“ zu kopieren, ist mit „Kanzleramt“ schon gescheitert. Fehlen der Bundespolitik zum Polit-Krimi Abgrund und Fallhöhe? Kaum. Wie filmreif es in Berlin zugeht, hat die Edathy-Affäre gezeigt. Ein Pendant zu „House of Cards“ braucht allerdings Schauspieler mit mehr Shakespeare-Potenzial als die „Kanzleramt“-Stars Klaus J. Behrendt oder Robert Atzorn. Einen Josef Bierbichler zum Beispiel. Oder – warum nicht eine weibliche Hauptrolle? – Corinna Harfouch.

Empfehlung: Traut euch! Es muss in Deutschland doch auch Menschen geben, die weniger wohlmeinend sind als unsere „Tatort“-Kommissare. Wir wollen auch mal richtig miese Säcke sehen. dab

Hier geht es zum Artikel: Was taugen Watchever und Maxdome? Film-Streaming im Test

Orange Is the New Black: Knast-TV

Was passiert? Nachdem Piper Chapman längst im bürgerlichen Leben angekommen ist, holt die Vergangenheit sie ein. Wegen einer Drogengeschichte, auf die sie sich vor einem Jahrzehnt eingelassen hatte, muss sie 15 Monate ins Gefängnis – wo sie mit einer neuen sozialen Hierarchie konfrontiert wird.

Hier geht es zum Trailer

Läuft es? Zum Glück ja. Sie gehört zu den Netflix-Serien, von denen jetzt schon feststeht, dass sie auch beim deutschen Ableger zu sehen sein werden.

Deutsche Version: entfällt damit. Sehr erfreulich, denn ein deutsches Remake hätte es schwer. US-Knäste sind eine kulturell einzigartige Einrichtung. Als Setting sind sie nur mit größten Verlusten in andere Produktionsländer zu übersetzen. Wie zu beweisen war: Zehn Sendejahre, 16 Staffeln und sage und schreibe 403 Folgen „Hinter Gittern“ sind genug.

Empfehlung: Dass Katy Karrenbauer somit nicht noch einmal als Knastlesbe Walter einspringen muss, schafft Freiräume für noch tollere Projekte. Wo bleibt das mutige Serienformat, dass Karrenbauer endlich mit Danny Trejo („Machete“) zusammenbringt? dab

Hemlock Grove: Die Werwölfe vom Düsterwald

Was passiert: Werwölfe, Hexen und Spökenkieker: Im verschlafenen US-Örtchen Hemlock Grove treiben sich seltsame Gestalten um. Doch eine grausame Mordserie sorgt dafür, dass vieles ans Licht kommt, was eigentlich geheim bleiben sollte. Zwei schöne Jungs aus verfeindeten Familien – die neben der Highschool noch andere, abseitige Hobbys pflegen – freunden sich an, um die Geheimnisse des Ortes und des umgebenden Waldes zu lösen.

Hier geht es zum Trailer

Läuft es: Nicht auf Netflix-Deutschland. Für die deutsche Ausstrahlung hat sich die Tele-München-Gruppe die Rechte gesichert, zudem ist sie über Lovefilm abrufbar.

Deutsche Version: Angesiedelt im Schwarzwald oder Harz, den beiden vergessenen Landschaften mit dem Hauch Morbidität, die es Waldgrusel braucht. Dazu nehme man hübsche Teenies, Schulstress, Familiengeheimnisse, etwas Blut und ein paar Mythen. Fertig sind „Die Werwölfe vom Düsterwald“.

Empfehlung: Ein Genre jenseits des Krimis in Deutschland? Könnte klappen, wenn genug Liebe drinsteckt. cob

Daredevil: Teufel im Superhelden-Kostüm

Was passiert: „Daredevil“ basiert auf Marvels gleichnamigen Comicbüchern. Hinter „Daredevil“ steckt der blinde Anwalt Matt Murdock. Dank seiner geschärften Sinne kann der düstere Antiheld nachts Verbrecher bestrafen.

Hier geht es zu den ersten Bildern von „Daredevil“ ››

Läuft es: Bislang nicht. Die Serie wird gerade mit Charlie Cox, Vincent D’Onofrio und Rosario Dawson in den Hauptrollen gedreht und soll 2015 in den USA ausgestrahlt werden.

Die deutsche Version: Die Comicbücher sind in Deutschland auch als „Der Teufelskerl“ bekannt. Da die deutschen TV-Helden wie Til Schweiger (zum Glück) ausgebucht sind, schlägt hier die große Stunde von Tom Schilling, der dem skrupellosen Antihelden schauspielerische Tiefe verleihen könnte. Antje Traue als Auftragsmörderin Elektra bringt bereits Superhelden-Erfahrung aus dem Superman-Film „Man of Steel“ mit, Roland Emmerich als Erfolgsregisseur, die düsteren und barocken Gassen von Dresden als Kulisse, fertig ist die actionreiche Hit-Serie made in Germany.

Empfehlung: Oh ja, bitte. Deutschlands Fernsehlandschaft braucht unbedingt mehr düstere Superhelden. kan

Gotham: Die Eingekaufte

Was passiert: „Gotham“ erzählt in 16 Episoden von der Zeit, bevor Bruce Wayne zum Rächer Batman wurde, besonders von der vom gewaltsamen Tod seiner Eltern geprägten Kindheit und dem Aufstieg der hier noch jugendlichen Schurken der Stadt. Hauptperson ist allerdings der junge Polizist James Gordon. Der düstere Trailer verspricht schon einmal viel Trauma in the City. Die Serie startet in den USA am 22. September, dort allerdings auf FOX, denn sie ist kein originäres Netflix-Produkt.

Läuft es: Ja. „Gotham“ ist neben der ebenfalls von Fox produzierten Serie „Fargo“ und dem Eigenbau „Orange is the New Black“ eines der Zugpferde, das die deutschen Kunden locken soll. Denn nur mit Til Schweiger , „Stromberg“ und „Der Sendung mit der Maus“ lässt sich das Abo für wohl 7,99 Euro im Monat nicht verkaufen. Es spricht allerdings für die wachsende Bedeutung von Netflix, dass der Streaming-Dienst die deutsche Bieterschlacht um die Rechte gewinnen konnte.

Deutsche Version: Braucht es nicht. Zudem sind deutsche Superhelden im Stile Batmans rar gesät.

Empfehlung: Einschalten. cob


Das Geschäftsmodell des Online-Videodienstes Netflix basiert darauf, seine Kunden außerordentlich gut zu kennen. Ausgewertet wird unter anderem, welche Serien und Filme eine Nutzer mag, ob von manchen mehrere Folgen am Stück schaut - und bei anderen vielleicht sofort aussteigt. Auf Basis solcher Informationen bekommt jeder Kunde personalisierte Empfehlungen. Zugleich richtet sich Netflix daran beim Einkauf neuer Inhalte.

„Zum Start in Deutschland ist es noch unsere Vermutung, was die Menschen mögen könnten“, sagt Programmchef Ted Sarandos. „Mit der Zeit werden wir es wissen und unser Angebot danach ausrichten.“

Netflix startete 1997 als eine Versand-Videothek. Zwei Jahre später fing die Firma an, einen Empfehlungs-Algorithmus zu entwickeln. Grund waren Verluste: Die Nutzer wollten immer nur die neusten Filme sehen, die dann nach wenigen Wochen in den Regalen verstaubten. Mit den Empfehlungen sei nach wenigen Monaten die Wende gelungen, sagt Produktchef Neil Hunt. Der Algorithmus wurde seitdem immer weiter verfeinert, insbesondere nach dem Einstieg ins Video-Streaming aus dem Internet im Jahr 2007. (dpa)