Unsichtbares Leid Sehenswerte Dokumentation zum Thema Schmerz

Nervenstimulator: In Kiel implantieren Ärzte Migräne-Patienten ein herzschrittmacherähnliches Gerät, das Elektroreize sendet und so die Schmerzen lindern soll.Foto: ZDF/Sascha Kellersohn/Docuvista FilmproduktionNervenstimulator: In Kiel implantieren Ärzte Migräne-Patienten ein herzschrittmacherähnliches Gerät, das Elektroreize sendet und so die Schmerzen lindern soll.Foto: ZDF/Sascha Kellersohn/Docuvista Filmproduktion

Osnabrück. In ihrer Dokumentation „Schmerz lass nach!“ gehen Thomas Hies und Daniela Hoyer einem Phänomen auf den Grund, das nicht messbar und für andere nicht zu sehen ist. Dabei zeigen sie allerhand Neues und Ungewöhnliches. Und sie geben einen Ausblick darauf, was Schmerzpatienten sich von der aktuellen Forschung erhoffen können.

Für manch einen klingt es wie das Paradies: Djamila Saba empfindet keinen Schmerz. Als Kind fasste sie ohne mit der Wimper zu zucken auf heiße Herdplatten. Wenn sie hingefallen war, weinte sie nur, weil sie sich das von anderen Kindern abgeguckt hatte. Und wenn die junge Frau heute mit Freunden kocht, müssen die ihr sagen, wann es brenzlig wird. Denn ihr Körper reagiert zwar auf heiße Töpfe, aber Djamila Saba spürt nicht, dass ihre Haut verbrennt.

Die Geschichte von Djamila ist einer der Fälle in seinem Film, die Thomas Hies besonders beeindruckt haben, erzählt er. „ Schmerz ist ja sinnvoll . Er zeigt uns unsere Grenzen oder wann wir krank sind“, sagt der Filmemacher. So würde es Djamila nicht merken, wenn sie sich das Bein gebrochen hat. Sie würde weiter mit ihrer Tanzgarde durch den Trainingsraum wirbeln und die Verletzung verschlimmern. Würde eines ihrer Organe schmerzen, würde sie es nicht spüren. So könnten Krankheiten wie Krebs unentdeckt bleiben. „ Menschen mit dem Phänomen von Djamila werden nicht sehr alt“, sagt Hies.

Gut also, dass die meisten Menschen Schmerzen spüren. Einerseits – denn es gibt auch sinnlose Schmerzen, deren Entstehung und Behandlung noch erforscht werden. Helfen würde das den acht Millionen Deutschen, die an Migräne leiden, die nicht auf eine organische Ursache zurückzuführen ist. Linderung brächte das auch Patienten mit Phantomschmerzen und chronischen Schmerzen . Einige der Forscher, die Thomas Hies und Daniela Hoyer besucht haben, betonen, dass Schmerz eine eigenständige Krankheit sei.

Den aktuellen Stand der Forschung zeigen Hies und Hoyer in ihrem Film. Sie erläutern, wie an der Universität Straßburg an Glia-Zellen geforscht wird. Diese Zellen im Gehirn sollen nach neuen Erkenntnissen für die Übertragung von Schmerzen verantwortlich sein. Ist hier ein Ansatzpunkt für eine Schmerztherapie ?

An der Medizinischen Universität Wien steht das Schmerzgedächtnis im Fokus. Hier fragen Wissenschaftler, wie sich Schmerzen löschen lassen, die noch da sind, wenn die eigentliche Ursache längst verheilt ist. Einen völlig neuen Weg gehen Mathematiker des Konrad-Zuse-Zentrums Berlin: Sie haben ein Schmerzmittel nach Maß entwickelt, das völlig ohne Nebenwirkungen auskommen soll, weil es direkt am Ort des Geschehens wirkt.

Dass so etwas möglich sein soll, begeistert den Filmemacher ebenso wie der Einsatz von Nervenstimulatoren im Kopf von Migräne-Patienten. Der Stimulator reduziert die Anfälle um 30 Prozent und ermöglicht es manchen Patienten, wieder am sozialen Leben teilzunehmen.

Selten nur widmen sich Fernseh-Dokumentationen diesem Thema. Vielleicht auch, weil es zu wenig anschaulich ist: Schmerzen sind nicht sichtbar, nur der Patient selbst nimmt sie wahr. Fast sechs Monate waren Hies und Hoyer dem Schmerz für ihren Film auf der Spur. Sie recherchierten den Stand der Dinge und kristallisierten interessante Fälle heraus. Sie besuchten zahlreiche Forscher in ihren Instituten und befragten sie vor laufender Kamera. Manche Forschung machten sie mithilfe einer Spezialfirma für Animation sichtbar.

So interessant das alles ist, wirkt die Doku an manchen Stellen wie eine nahezu endlose Kette unterschiedlicher Beispiele. „Wir möchten zeigen, was Schmerz ist, welche Formen es gibt. Der Zuschauer soll etwas lernen“, sagt Hies. Es sei schwer, eine allgemeine Aussage dazu zu machen, wie lange es dauert, bis Forschung angewendet werden kann, meint er. Aber Hies ist sich sicher, dass es in absehbarer Zeit Möglichkeiten zur deutlichen Reduzierung von Schmerzen geben wird.

Zu sehen ist der Beitrag in der Reihe „Wissenschaft am Donnertag“. Ab 21 Uhr diskutiert Gert Scobel mit Gästen zum Thema unter dem Titel „Kranke Seele – kranker Körper“.

„Schmerz lass nach!“, 3sat, Donnerstag, 20.15 Uhr. Im Anschluss „Kranke Seele – kranker Körper“.