Einfach aushalten und integrieren? Film-Mittwoch im Ersten über entlassene Straftäter

Von Marcel Kawentel

Die Idylle im Dorf gerät ins Wanken, als Robert (Oliver Mommsen) seinen aus dem Gefängnis entlassenen Bruder Georg (Martin Feifel) bei sich aufnimmt. Foto: SWR/Martin FurchDie Idylle im Dorf gerät ins Wanken, als Robert (Oliver Mommsen) seinen aus dem Gefängnis entlassenen Bruder Georg (Martin Feifel) bei sich aufnimmt. Foto: SWR/Martin Furch

Osnabrück. Mit dem Spielfilm „Ein offener Käfig“ (20.15 Uhr) und der Doku „Wieder draußen...“ (21.45Uhr) widmet die ARD entlassenen Straftätern einen Themenabend.

Nach medienwirksamen Gewaltverbrechen oder Sexualdelikten debattiert man im Fernsehen immer wieder über den Umgang mit gefährlichen Straftätern. Der Film-Mittwoch im Ersten widmet sich mit einem Spielfilm und einer Dokumentation dem Thema Sicherungsverwahrung.

2009 gingen in der kleinen Gemeinde Randerath in der Eifel Bürger auf die Barrikaden, weil ein aus der Haft entlassener Vergewaltiger in das Haus seines Bruders einzog . Der Fall machte Schlagzeilen, Reporter folgten dem Haftentlassenen nach dem Umzug und machten die neuen Nachbarn auf seine Identität aufmerksam. Den ersten Anstoß gab jedoch der Landrat, der die Öffentlichkeit informierte, weil er seine Bürger vor einem gefährlichen Triebtäter warnen wollte.

Hier setzt der Spielfilm „Ein offener Käfig“ von Johannes Grieser an, der den realen Fall zum Vorbild nimmt und fiktionalisiert. Im Zentrum der Handlung steht Robert Dühring (Oliver Mommsen) , der im Dorf respektiert ist, Familie hat. Die Idylle gerät ins Wanken, als sein Bruder Georg (Martin Feifel) aus dem Gefängnis entlassen wird und vor seiner Tür steht. Er wartet auf einen Therapieplatz und soll so lange bei Robert wohnen. Dessen Lebensgefährtin wusste nicht einmal von Georgs Existenz – dafür viele Dorfbewohner. Als durchsickert, wer der neue Mitbewohner ist, bricht die Hölle los.

„Ein Spielfilm kann niemals die Realität hundertprozentig abbilden“, meint Prof. Dr. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, zum Film. „Verkürzungen oder Zuspitzungen sind sicher unvermeidlich.“

So ist „Ein offener Käfig“ auch in erster Linie ein Familiendrama. Denn Robert und Georg verbindet ein dunkles Kindheitsgeheimnis. Außerdem findet Robert keinen Draht zu seiner Stieftochter. Und der Mann, der die Identität seines Bruders nach außen trägt, ist ausgerechnet sein bester Freund. So spannend die Handlung dadurch wird, so verwässert gerät die Problematik der Umgangsweise mit entlassenen Straftätern. Zwar besteht für Georg eine positive Sozialprognose. Doch er lässt sich leicht zu Gewalt provozieren und beginnt trotz triebhemmender Medikamente beim Anblick eines jungen Mädchens zu schwitzen.

Dass in der Realität zu wenig Therapieplätze vorhanden sind, reißt der Film immerhin an. Welch unrühmliche Rolle die Medien im echten Fall spielten, dass der Täter sogar zeitweise freiwillig zurück in Haft ging, fällt unter den Tisch. Die damals geltende Regelung zur Sicherungsverwahrung, die Randeraths Wutbürger damals anstrebten, wurde vom Bundesgerichtshof für verfassungswidrig erklärt. Faktisch haben Täter, die in Sicherungsverwahrung sitzen, ihre Strafe schon verbüßt. Dass sie weiter eingesperrt bleiben, ist also eine präventive Maßnahme.

In Deutschland wird psychologische Behandlung oft erst nach Rückfälligkeit eines Täters zwangsverordnet. Dadurch verschlechtern sich die Chancen, die Rückfallquote potenziell gefährlicher Wiederholungstäter zu senken. Mit dieser Problematik setzt sich die Dokumentation „Wieder draußen...“ von Wolfgang Luck auseinander. Indem er zeigt, dass eine Gesellschaft entlassene Straftäter aushalten und integrieren muss, gerade um Rückfälle zu vermeiden, stellt der Film die steilere These am Film-Mittwoch auf.

Während „Ein offener Käfig“ wenige Fragen stellt und einmal mehr eine TV-Familie zusammenführt, leistet die Doku in einem Drittel der Laufzeit Aufklärungsarbeit und kritische Reflexion.

Dass der Spielfilm nicht notwendigerweise die Realität banalisieren und in seiner Brisanz reduzieren muss, zeigte übrigens im Januar der Fernsehfilm „Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz“ , für den auch Holger Joos das Drehbuch schrieb.

„Ein offener Käfig“, ARD, heute um 20.15 Uhr, danach „Wieder draußen...“