Ein undurchschaubares Labyrinth ARD-Dokumentation: Wie reich ist die katholische Kirche?

Von Thomas Klatt

Wie der Film zeigt, ist der Kölner Dom eine ausgelagerte staatlich geförderte Immobilie unter kirchlicher Kontrolle.Foto: Phoenix/SWRWie der Film zeigt, ist der Kölner Dom eine ausgelagerte staatlich geförderte Immobilie unter kirchlicher Kontrolle.Foto: Phoenix/SWR

Berlin. In der sehenswerten Dokumentation „Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche“ geht die ARD an diesem Montag der höchst komplizierten Frage nach kirchlichen Besitztümern nach.

Normalerweise kümmert sich der SWR-Fernsehautor Stefan Tiyavorabun um deutsche Wirtschaftsunternehmen. Eine seiner Recherchen widmete sich zum Beispiel der Märklin-Pleite in Göppingen. Nun aber kam er an die Grenzen des journalistisch Machbaren. Mit großem Aufwand hat er nichts Geringeres versucht, als den Reichtum der katholischen Kirche ermessen zu wollen.

„Die Kirche tritt zwar oft nach außen hin relativ geschlossen auf, bei Kirchensteuern etwa, wenn Sie bei der Lohnsteuer ankreuzen müssen, ob Sie evangelisch oder katholisch sind. Dann denken Sie, das ist eine Kirche. Tatsächlich aber besteht die Kirche aus Bistümern, Pfarreien, Klöstern, Wohlfahrts-Organisationen, aus Stiftungen und mehr. Das sind alles selbstständige Organisationen“, erklärt der Filmemacher.

Aus den Bistümern bekam Tiyavorabun nur vage oder gar keine Antworten. Allein bei den Einnahmen musste er zum Teil mit Schätz-Zahlen hantieren. So empfängt die katholische Kirche offiziell rund 5,5 Milliarden Euro Kirchensteuer. Dazu kommen geschätzt und hochgerechnet jährlich 200 Millionen aus allgemeinen Steuergeldern, 16 Milliarden für Krankenhäuser, 2,8 Milliarden für Kitas, 1,8 Milliarden für Schulen, 15 Millionen für Militärbischöfe sowie 3 Millionen für den Katholikentag. Dazu Hunderte Millionen Euro für Kirchenbauten, Religions- und kirchliche Hochschullehrer. Allerdings sind dies nach dem Subsidiaritätsprinzip oft staatliche Leistungen, die in gleicher prozentualer Höhe auch weltliche Einrichtungen erhalten. Ein DRK- oder Awo-Krankenhaus erhält etwa die gleichen Leistungen wie das der Caritas. Bei aller Tiefe der Recherche verschweigt das der Film leider.

Hinzu kommen jedoch, und das historisch weltweit einmalig, die staatlichen Dotationen an die Kirche. Im Februar 1803 kamen die deutschen Reichsstände zusammen, um im sogenannten Reichsdeputationshauptschluß die Entschädigung für die an Frankreich verlorenen linksrheinischen Gebiete zu beschließen. Bis heute zahlt der deutsche Staat dafür, seit mehr als 200 Jahren also. Selbst im Dritten Reich und in der DDR wurden diese Leistungen nie eingestellt. Laut Weimarer Reichsverfassung von 1919 sollte diese Summe, schätzungsweise rund 500 Millionen Euro jährlich für beide Kirchen, längst abgelöst werden. Doch keine Partei hat sich an das heikle Thema bislang herangewagt.

Immer wieder versucht der Film, zumindest in Teilbereichen Klarheit zu verschaffen. Hans-Peter Schwintowski, Wirtschaftsrechtler an der Berliner Humboldt-Universität, kann allerdings den Immobilienbesitz nur schätzen. Denn die letzte offizielle Statistik dazu stammt aus dem Jahr 1939! Heute dürfte allein die katholische Kirche Felder, Wald und Wiesen in der Größe des Saarlandes besitzen. Wert mindestens 200 Milliarden Euro.

Die Kritik an der katholischen Kirche wird größer.

Im Film werden etwa kirchliche Immobilien in Köln aufgespürt, die zwar dem Erzbistum gehören, doch wesentlich steuergünstiger über Amsterdam abgerechnet werden. Und das ganz legal. Der Kölner Dom selbst zählt gar nicht zum Vermögen des Erzbistums, sondern ist ein eigener Betrieb. Das Geld kommt hauptsächlich von einem Dombauverein und vom Staat. Hausherr ist aber das Domkapitel, das den Erzbischof unterstützt. Der Dom ist eine ausgelagerte staatlich geförderte Immobilie unter kirchlicher Kontrolle.

Der Filmautor traut sich sogar in das Zentrum der Macht. Trotz aller Reformversprechen des Papstes, auch die Vatikanbank ist selbst für Experten weiterhin nur schwer zu durchschauen. Im Film kommt etwa der italienische Journalist Gianlugi Nuzzi zu Wort: „Es entwickelte sich eine Art Geheimbank. Viele der Konten liefen auf fiktive nicht existierende karitative Einrichtungen: Die Stiftung der Madonna von Lourdes, sie gibt es nicht. Die Stiftung zur Rettung armer Kinder, gibt es nicht. Die Stiftung zum Kampf gegen Leukämie, gibt es nicht. Alle diese Konten dienten lediglich der Geldwäsche aus Korruptionsgeschäften.“

Zwar seien schon über 1200 dieser dubiosen Konten gesperrt oder aufgelöst, doch die wirklich mächtigen Hintermänner seien bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Kardinal Reinhard Marx ist nicht nur Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sondern seit März 2014 auch Koordinator des durch Papst Franziskus neu errichteten Wirtschaftsrates im Vatikan. Doch er kennt sich nicht einmal mit den Finanzen in seinem eigenen Bistum München-Freising aus. Im Film wird er vorgeführt, wie er unschlau in die Kamera blafft.

Das aber will der Wirtschaftsredakteur Stefan Tiyavorabun nicht durchgehen lassen. Die Kirche sollte man genauso behandeln wie jedes andere Wirtschafts-Unternehmen in Deutschland auch: „Kein Konzern kann gegenüber dem Finanzamt sagen, ich kann meinen Besitz nicht zusammenzählen. Die Kirche ist dazu aber gesetzlich nicht verpflichtet, und sie selbst sieht sich auch nicht in der Pflicht. Es sei denn, die Gläubigen sagen, es ist doch auch unser Vermögen, und drängen darauf, dass ihre Kirche diese Zahlen endlich veröffentlicht“, sagt Tiyavorabun.

Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche, ARD, Montag, 8. September, 22.45 Uhr