Gefährliche Berichterstattung Suizid Prominenter in den Medien: Viele Nachahmer

Von Hendrik Steinkuhl

Nach dem Suizid von Hollywoodstar Robin Williams belagerten zahlreiche Medienvertreter dessen Haus in Tiburon, Foto: dpaNach dem Suizid von Hollywoodstar Robin Williams belagerten zahlreiche Medienvertreter dessen Haus in Tiburon, Foto: dpa

Osnabrück. Die Beweislast ist erdrückend: Zahlreiche Studien belegen, dass nach detaillierter Berichterstattung über eine Selbsttötung die Zahl der Nachahmer deutlich steigen kann. Viele Institutionen fordern die Presse seit Jahren auf, suizidgefährdeten Menschen keine negativen Vorbilder zu liefern. Trotzdem ändert sich wenig.

Einer der renommiertesten deutschen Journalisten heißt Hans Leyendecker und schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“. Leyendecker ist der König der investigativen Recherche, doch er hat auch einen kaum bekannten Hang zum Boulevard. „Was hat Robert Enke gebrochen?“, schrieb er in einem Kommentar nach der Selbsttötung des Torhüters . Die Antwort suggeriert Leyendecker gleich selbst, indem er über den Tod von Enkes Tochter ein unerträgliches Schicksalsbild malt und den Suizid nach dem Sterben des eigenen Kindes als logisch erscheinen lässt. Der Kommentar endet schließlich mit den Worten: „Nichts ist sicher, keiner ist sicher. Nicht einmal ein Torwart.“

Mit seinem Kommentar hat Leyendecker einige der gängigen Richtlinien zur Suizid-Berichterstattung ignoriert. „Viele Journalisten folgen den Empfehlungen nicht oder nur in begrenztem Maße – möglicherweise schlicht aus Unwissen“, sagt Nicole Koburger von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Gespräch mit unserer Zeitung. Nach den Richtlinien der Stiftung sollen Selbsttötungen unter anderem nicht romantisiert und die Motive nicht ergreifend beschrieben werden; die Suizid-Methode soll weiterhin nicht detailliert beschrieben und der Ort nicht mystifiziert werden . Auch das tat Leyendecker, seine Beschreibung der Todesumstände zitieren wir bewusst nicht.

Was dagegen zitiert werden muss: „In den zwei Wochen nach dem Tod von Robert Enke stieg die Zahl der Schienen-Suizide um 138 Prozent“, sagt Nicole Koburger. Laut der Psychologin, die zu diesem Thema geforscht hat, war der Effekt sogar noch viel länger spürbar. Im Vergleich zu den zwei Jahren vor Enkes Suizid stieg die Zahl der Selbsttötungen auf Schienen in den zwei Jahren danach um 19 Prozent.

Vieles spricht dafür, dass die Verantwortlichen für diese Zahlen in den Redaktionen von Zeitungen und Rundfunkanstalten sitzen. Mehrere Studien erhärten das Bild, die vielleicht wichtigste stammt aus Österreich: Als die Wiener Presse im Jahr 1987 beschloss, deutlich zurückhaltender über Suizide auf den U-Bahn-Gleisen der Hauptstadt zu berichten, sank die Zahl der Selbsttötungen schlagartig um über 70 Prozent.

„Wenn ausführlich in verschiedenen Medien berichtet wird, auf welche Art sich jemand das Leben genommen hat, steigt offenbar das Bewusstsein über die Verfügbarkeit und die Wirkung dieser Methode bei suizidgefährdeten Menschen“, sagt Koburger. „Besonders intensiv ist das bei Prominenten, mit ihnen identifizieren sich viele Menschen sehr leicht.“

Im Übrigen sei es ein Mythos, dass man Menschen nicht davon abhalten könne, sich das Leben zu nehmen, wenn sie einmal diese Absicht hätten. Die Absicht ist fast immer Ausdruck einer psychischen Krankheit, häufig der Depression, die in vielen Fällen Suizidgedanken mit sich bringt. Doch Depressionen können erfolgreich behandelt werden.

Zum Zeitpunkt seines Todes litt Robert Enke unter Depression, der vor einigen Wochen verstorbene Hollywoodstar Robin Williams offenbar ebenfalls. Trotzdem findet man unzählige Artikel, in denen die Rede davon ist, beide hätten den „Freitod“ gewählt. Seit Jahren ist dieser Begriff verfemt, weil ein schwer Depressiver, der sich das Leben nimmt, alles ist – nur nicht frei. Genauso wenig ist ein Mensch, der sich umbringt, ein Mörder. Trotzdem liest man viel häufiger vom Selbstmord als vom Suizid oder der Selbsttötung. Natürlich sind die beiden letztgenannten Begriffe umständlicher, der eine ein Fremdwort, der andere eine sperrige Nominalisierung. Aber sollten in diesem Fall nicht Stil und Verständlichkeit hinter einer falschen Konnotation zurückstehen?

Viel hat sich nicht geändert, seitdem ein Großteil der Medien im Fall Robert Enke jegliche Zurückhaltung fahren ließ. Nach dem Suizid von Robin Williams verzichtete zwar immerhin die Deutsche Presse-Agentur darauf, die Todesursache zu nennen. Die meisten anderen aber folgten diesem Vorbild nicht, viele beschrieben sogar die genauen Umstände der Tat.

Und wie nicht nur das Beispiel Leyendecker zeigt, beteiligen sich auch Vertreter des Qualitätsjournalismus an der Ausschlachtung menschlicher Tragödien. Der ebenfalls hoch dekorierte Erwin Koch etwa schrieb im vergangenen Jahr für die Online-Ausgabe der „Welt“ einen langen und detaillierten Text über den Suizid eines Elfjährigen . Viele Leser kommentierten, sie seien über das Schicksal des Jungen in Tränen ausgebrochen. Trotz seines verquasten Stils hat Erwin Koch sein Publikum also erreicht und journalistisch alles richtig gemacht. Jedenfalls dann, wenn man der Meinung ist, dass Verantwortungsgefühl im Journalismus keine Kategorie ist.


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