70. Geburtstag im Schlafsack Reinhold Messner: Die Angst war mein Lebensretter


Osnabrück. Reinhold Messner ist und bleibt wohl der berühmteste Bergsteiger aller Zeiten. Am 17. September wird er 70, doch von Ruhestand kann keine Rede sein.

Auch wenn er längst keine hohen Gipfel mehr erklimmt – Reinhold Messner ist und bleibt wohl der berühmteste Bergsteiger aller Zeiten. Am 17. September wird er 70, doch von Ruhestand kann keine Rede sein, im Gegenteil: Gerade hat er sein jüngstes Buch „ÜberLeben“ veröffentlicht, zugleich erscheint die DVD „Messner“, in Kürze eröffnet er in den Dolomiten sein sechstes Museum, und im November geht er mit seinem Multivisionsvortrag „ÜberLeben“ auf Tournee. Wir unterhalten uns über (Höhen-) Angst, das Altern und Bergsteigerwitze:

Herr Messner, ich leide unter Höhenangst – können Sie mir ein probates Gegenmittel empfehlen?

Es gibt nur einen Weg: Sie müssen sich ganz langsam an steilere Gelände unter sich gewöhnen, indem Sie viel gehen und genau dort gehen, wo Sie sich auch trauen. Mit der Zeit geht es dann weg. Bei vielen Menschen ist es aber gar keine Höhenangst, sondern hat mit dem Gleichgewichtssinn zu tun. Wir haben alle ein ungutes Gefühl, wenn wir an der Grenze unserer Möglichkeiten sind. Ein guter Kletterer kann sich auch am Abgrund ganz wohlfühlen, wenn unter ihm tausend Meter Luft sind. Wenn ich mich dann auf Griff und Tritt konzentriere, sehe ich den Abgrund gar nicht mehr. Aber wenn ich dann wieder irgendwo stehe, den anderen sichere und sehe, in welch exponiertem Gelände der hängt, kommt wieder dieses ungute Gefühl.

Warum haben wir denn dieses ungute Gefühl?

Das ist ein Instinkt in uns. Wir Menschen wollen nun mal nicht tausend Meter herunterfallen, also ist da ein Instinkt in uns, der uns zurückhält und sagt: Geh da nicht hin. Es ist übrigens so, dass sich Höhenangst im Laufe des Lebens verändern kann. Kleine Kinder haben sie, mit zehn hört es meistens auf, und mit sechzig kommt es wieder. Ich will nicht ausschließen, dass auch ich noch mal Höhenangst bekomme. Schließlich bin ich heute auch unsicherer als in meinen besten Jahren, damals war ich völlig sicher, dass ich das kann. Heute bin ich langsamer und trau mich in bestimmte Gelände gar nicht mehr hinein.

Zum Beispiel?

In den höchsten Schwierigkeitsgraden klettere ich nicht mehr, ich kann es einfach nicht mehr. Das wäre dumm, wie Selbstmord. Und ich will mich ja beim Bergsteigen nicht umbringen, meine Kunst ist das Überleben.

Da Sie immer überlebt haben, steht jetzt Ihr 70. Geburtstag kurz bevor.

Das Alter ist eine Tatsache, das Problem ist der Prozess des Alterns. Dem können wir nicht ausweichen, deshalb müssen wir es lernen. Ich habe mich früh damit beschäftigt und schaue heute mit 70 auf meine 85-jährigen Freunde und sehe, was sie noch können und was sie nicht mehr können. Auch auf diese Zeit bereite ich mich vor. Die Vorstellung, man könne so locker vom Hocker altern, ist eine Dummheit. Das Alter ist nicht schlimm, wenn man einigermaßen gesund und im Kopf klar bleibt. Dann kann es eine schöne Lebensphase sein, bisher gilt das auch für mich. Der Druck lässt nach, muss gar nichts mehr und kann entschleunigt und in Ruhe die letzten Jahre oder Jahrzehnte genießen.

Joachim Fuchsberger meint, Altern sei nichts für Feiglinge.

Das ist ein schöner Satz. Man kann mit 70 nicht so sein wie mit 35, und wer das will, tut mir leid. Leider sind unsere alten Menschen nicht mehr so im Bewusstsein der Jungen, sie werden quasi aus der Gesellschaft herausgedacht. Das kann uns auch alles noch passieren.

Haben Sie eine Vorahnung, mit welchem Gefühl Sie am Morgen des 17. September aufwachen werden?

Ich werde wohl aufwachen und wissen, dass ich relativ viel zu tun habe. Meinen Geburtstag werde ich aber nicht am 17. September feiern, sondern an einem unbekannten Tag an einem unbekannten Ort. Ich kann nur in Ruhe feiern, wenn es keine öffentliche Verfolgung gibt.

Also wird es keine große Promi-Party auf Ihrer Burg geben?

Nein, es gibt nur ein kleines Fest mit Freunden. Ich habe sie auf eine Hochalm eingeladen, da werden wir biwakieren. Wir nächtigen im Schlafsack und schauen in die Sterne. Und da wird es ganz bestimmt keine Medien dabei geben. Ich habe die Feier auch nicht etwa verkauft, so etwas ist ja peinlich.

Manche 70-Jährige sagen, sie seien froh, wenn sie morgens aufwachen und ihnen etwas wehtut – weil Sie dann wissen, dass sie noch leben.

Wenn ich aufwache und einen schönen Tag vor mir habe, dann freue ich mich, dass ich was machen kann, dass ich noch Beine habe, die funktionieren. In diesem Zusammenhang bin ich wirklich noch wie ein 30-Jähriger. Ab und zu gibt es ja noch neue Projekte wie jetzt die Fertigstellung des neuen Museums. Dann gehe ich mit meinen Ideen ins Bett und wache mit ihnen wieder auf. In der Nacht sind sie weitergewachsen und haben sich umgestaltet. So war das auch früher mit diesen Visionen, die sich ja über Monate und Jahre geformt haben – die haben sich auch im Traum oder im Halbschlaf weiterentwickelt.

Ihnen tut morgens also nichts weh?

Nein. Ab und zu knackt mal ein Gelenk, aber das dürfen sie auch, nachdem sie mindestens zweimal um die Erde gelaufen sind.

Am Ende des Films „Messner“, der jetzt auf DVD erschienen ist, sagen Sie „Das Alter ist ein Massaker“. Das klingt nicht so lebensfroh.

Das Alter kann ja auch ein Massaker sein. Herzoperationen, Krebsoperationen – das trifft nun mal viele von uns. Mir ist das noch nicht passiert, aber ich habe viele Freund und Bekannte, die plötzlich eine fürchterliche Krankheit hatten und von heute auf morgen mit diesem Handicap zurechtkommen mussten. Wobei viele Krankheiten dann ja erst aus Klinikaufenthalten resultieren. Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen – aber ich will und darf nicht über anderer Leute Leiden berichten.

Davon sind Sie ja bislang verschont geblieben.

Ich bin ja auch noch in einem moderaten Alter. Aber ich wäre auf den Kopf gefallen, wenn ich sagen würde, mich trifft es nicht, weil ich ich bin. Das habe ich beim Bergsteigen eine Zeit lang gedacht, so mit 20, aber mir relativ schnell abgeschminkt.

Sind Sie auch mit 70 noch ein vorausschauender Mensch und denken daran, wie es in zehn oder zwanzig Jahren sein wird?

Nicht zehn Jahre, aber ich bin viel mehr ein vorausschauender als ein rückwärtsgewandter Mensch. Was gestern war, ist Biografie, dazu stehe ich, das verantworte ich und stecke es mir in den Rucksack, aber es trägt mich nicht. Was mich trägt, jung hält und kreativ macht, sind neue Projekte – einen Film zu machen, das Museum abzuschließen, vielleicht noch mal irgendwo eine Landwirtschaft auf die Beine stellen. Ich habe ja schon drei Landwirtschaften im Gebirge gerettet und wieder auf die Beine gestellt, nachdem sie alle schon kaputt waren. Und ich habe mir nach meiner politischen Tätigkeit im EU-Parlament gesagt, es ist schöner, ein winziges Stück Erbe zu gestalten und Verantwortung dafür zu übernehmen, als irgendwo am grünen Tisch die Regeln für die anderen zu machen.

Wenn man sich Ihre Expeditionen so ansieht, wirkt es fast wie ein Wunder, dass Sie überhaupt so alt geworden sind.

(lacht) Ja, das habe ich auch nicht so erwartet und mich deshalb auch nie vorbereitet auf 60 und mehr. Aber jetzt ist meine Hoffnung relativ groß, im Bett zu sterben. Was nicht heißen soll, dass ich mich zurückziehe.

Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie nicht mehr daran geglaubt haben, den nächsten Tag noch zu erleben?

Ja, aber die können Sie an einer Hand abzählen. Ich war einmal am Kangchendzönga schwer krank, hatte einen Amöben-Abszess, wusste das aber nicht und saß auf 8000 Metern in einem Schneesturm mit 120 Kilometer Windgeschwindigkeit im Freien, weil das Zelt über unseren Köpfen zerrissen war. Damals war ich nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun. Oder am Nanga Parbat, da sind wir in eine Notlage geraten und sind tagelang zwischen Leben und Tod nicht gegangen, sondern gestiegen und geklettert. Am Nordpol ist das Packeis unter uns gebrochen. Es war das reine Chaos, man wusste nicht, wo man ist und wie es weitergeht. Aber in der Not kann ich unendlich viel Energie und Aggression entwickeln, und bisher ist es mir immer gelungen, mein Leben zu retten.

Ihre jüngste Tochter ist 12 – wenn die eines Tages kommt und sagt „Papa, ich möchte auf den Nanga Parbat oder den Everest“, was sagen Sie ihr?

Wenn es so weit ist, werde ich wahrscheinlich schon unter der Erde sein, das kann ja noch 20 Jahre dauern. Aber mein Sohn klettert exzellent, dem könnte das schon früher einfallen. Der ist volljährig, und wenn ich ihm sagen würde, das kommt nicht infrage, würde er wohl antworten: Ich hab’s dir nur gesagt, ich frage nicht. Ich habe ja früher auch getan, was ich will. Ich kann den Kindern nichts verbieten, aber ich kann ihnen eine Ideenstütze geben, dass sie solche Abenteuer anfangen. Sie dürfen das alles machen, aber sie wissen auch von mir, dass das Ganze eine sehr gefährliche Angelegenheit ist.

Welche Rolle hat bei Ihren Expeditionen der Faktor Angst gespielt?

Eine ganz große, ohne Angst würde ich heute nicht mehr leben. Angst ist ja die andere Hälfte des Mutes, Angst und Mut sind ein unteilbares Ganzes. Einer der Gründe, warum ich mich sehr früh mit der alpinistischen Szene gerieben habe, war ja, dass ich ganz offen zur Angst gestanden habe. Als in Deutschland und Italien der Faschismus herrschte, gab es diesen heroischen Alpinismus, dieses Klischee, dass der Bergsteiger ein Mensch ohne Angst ist. Das haben alle gemeinsam gepredigt und vorgelebt, obwohl auch sie natürlich Angst hatten. Die Nazis haben es verstanden, diese Bergsteiger als Vorbildmenschen hinzustellen. Und ich habe mit diesem Bild endgültig Schluss gemacht und ganz offen gesagt, dass das absoluter Humbug ist. Diese Bergsteiger haben sich benutzen lassen, und wie sie benutzt wurden, ist eine ganz tragische Geschichte.

Damit haben Sie sich Feinde gemacht?

Natürlich. Man hat mich heftig kritisiert, nur weil ich gesagt habe, dass wir alle Angst haben und lernen müssen, damit umzugehen. Wir müssen der Angst etwas entgegensetzen, und das ist eben der Mut, mehr Können, mehr Training, mehr Begeisterung. Nur dann schaffen wir es, Angst und Mut ins Gleichgewicht zu bringen, und dann ist es nicht mehr so gefährlich. Deshalb habe ich auch angefangen zu sagen, das Bergsteigen sei nutzlos, nicht notwendig, nur eine Möglichkeit – aber keine Heldengeschichte. Bergsteiger zu Helden zu machen war ein ganz großer Fehler.

Wie wichtig war es Ihnen, immer der Erste zu sein?

Ach, das ist dieses Guinness-Denken, das ist außerhalb meiner Welt. Ich versuche, Abenteuer zu überleben. Ich bin schon als kleines Kind da reingewachsen und zum Glück von Menschen betreut worden, die mir die Freiheit gaben, das zu tun und nicht geweint haben, wenn ich daheim wegging. Und ich hatte später Kinder, die ganz selbstverständlich gesagt haben, der Papa kommt schon wieder zurück. Ich hatte immer nur den Wunsch, in einer archaischen Welt nach anarchischen Mustern zu erfahren, wie der Mensch wirklich tickt. Genau das habe ich in meinem neuen Buch ganz frech niedergeschrieben.

Ihre Familie, Ihre Ehefrauen haben niemals versucht, Sie zu bremsen?

Nein, das ist ein Teil meines Erfolges, und das bewundere ich bis heute. Meine Mutter hat mich mit 14 und meinen zwei Jahre jüngeren Bruder um vier Uhr in der Früh in die absolute Wildnis losgehen lassen und ist vorher sogar noch aufgestanden, um Frühstück zu machen. Natürlich hat sie gelitten und Angst gehabt, aber sie hat es nicht gezeigt.

Sie sagen, Sie seien losgezogen, um Abenteuer zu überleben. Sind oder waren Sie ein Gefahrensucher?

Wenn ich das in einem Satz zusammenfasse, werden Sie sagen, das sei absolut schizophren. Ich bin in meiner besten Zeit dorthin gegangen, wo ich umkommen könnte, um nicht umzukommen. Sie würden wahrscheinlich sagen, ich gehe dorthin, wo ich nicht umkommen kann. Für mich geht es aber um die Kunst zu überleben, die nur möglich ist, wenn ich all meine Instinkte zum Tragen bringe. Ich behaupte, dass die Instinkte des Menschen sogar wichtiger sind als der Intellekt, auch wenn ich damit natürlich mit der Bibel mächtig über Kreuz liege.

Hatte das Bergsteigen bei Ihnen einen Suchtfaktor?

Ich bestreite das – sonst würde ich doch heute hier sitzen und wäre verzweifelt, weil ich keinen Stoff mehr kriege. Mir geht’s aber sehr gut. Womit es schon etwas zu tun hat, ist Wiederholungszwang. Das bestätigt auch einer meiner Brüder, der in England ein berühmter Psychologe ist. Wiederholungszwang – ja, reine Sucht – nein.

Gibt es eigentlich Bergsteigerwitze?

Ja, den Yeti-Witz kennen Sie doch sicher.

Erzählen Sie mal.

Treffen sich zwei Yetis, sagt der eine: Weißt du, wen ich gestern getroffen hab? – Wie soll ich das wissen? – Ich hab den Messner getroffen. – Was, gibt es den wirklich?

Am 7. November gastiert Reinhold Messner mit seinem Vortrag „ÜberLeben“ in der Osnabrückhalle. Tickets gibt es an allen bekannten VVK-Stellen und im NOZ-Ticketshop.

Reinhold Messner

wird am 17. September 1944 als zweites von neun Kindern eines Lehrers und einer Hausfrau in Brixen (Südtirol) geboren. Nach dem Abitur 1966 in Bozen studiert er in Padua Hoch- und Tiefbau, um Architekt zu werden. Ohne sein Studium abgeschlossen zu haben, unterrichtet Messner als Mathematiklehrer an einer Mittelschule.

Schon als Kind ist er begeisterter Kletterer und bewältigt bereits in jungen Jahren als Erster schwierige Wände wie den Eiger-Nordpfeiler. 1970 startet Messner mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Günther zu seiner ersten Himalaja-Expedition und bezwingt den 8125 Meter hohen Nanga Parbat ohne Sauerstoffgerät über die bis dahin unbezwungene Rupalwand. Auf dem Rückweg wird Günther höhenkrank und kommt in einer Lawine ums Leben. Vorwürfe, Reinhold habe seinen Bruder im Stich gelassen, können erst 34 Jahre später widerlegt werden. 1971 gibt Messner seine Anstellung als Lehrer endgültig auf und nennt sich fortan „Abenteurer und Schriftsteller“.

Es folgen zahlreiche spektakuläre Expeditionen. Am 8. Mai 1978 erreicht er zusammen mit Peter Habeler ohne Sauerstoffgerät den 8846 Meter hohen Gipfel des Mount Everest, obwohl namhafte Physiologen erklärt hatten, eine solche Besteigung könne nicht oder nur unter Inkaufnahme schwerer Hirnschäden gelingen. Als erster Mensch bezwingt Messner alle 14 Achttausender-Gipfel, obwohl ihn das Drama am Nanga Parbat sechs Zehen gekostet hat.

Neue Herausforderungen sucht Messner in extremen Fernmärschen durch Wüsten und ewiges Eis. Mit seinem deutschen Partner Arved Fuchs marschiert er 1989/90 in 92 Tagen 2800 Kilometer zu Fuß durch die Antarktis, mit seinem Bruder Herbert meistert er 1993 bei oft minus 40 Grad die mit 2200 Kilometer längste Grönlanddurchquerung ohne technische Unterstützung. Ende der Neunzigerjahre steigt er in die Politik ein und sitzt für die italienischen Grünen von 1999 bis 2004 im Europäischen Parlament.

Messner hat rund 50 Bücher geschrieben. Sein Leben und seine Abenteuer werden mittlerweile in fünf Museen dokumentiert, das sechste und wohl spektakulärste – Messner Mountain Corones – hat die weltbekannte Architektin Zaha Hadid entworfen und wird in Kürze auf dem Kronplatz in den Dolomiten eröffnet.

1972 heiratet Messner seine erste Frau Uschi Demeter (Archivfoto: dpa), die Ehe hält bis 1977. Aus seiner Verbindung mit Nena Holguin stammt die Tochter Layla (geb. 1981). Im Juli 2009 heiratet er seine langjährige Lebensgefährtin, die Wiener Textildesignerin Sabine Stehle, mit der er drei Kinder hat: Magdalena (geb. 1988), Gesar Simon (geb. 1990) und Anna Judith (geb. 2001). Die Familie lebt auf der restaurierten Burg Juval im Vinschgau, wo sie auch einen Bauernhof betreibt, und in Meran.


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