Im Interview Sandra Hüller im „Polizeiruf 110: Morgengrauen“ mit Matthias Brandt

Sandra Hüller.Sandra Hüller.

Berlin. Sandra Hüller ist der Star im Münchner „Polizeiruf 110: Morgengrauen“ mit Matthias Brandt. Im Interview verrät sie, wieso sie so selten im Fernsehen zu sehen ist.

Am kommenden Sonntag ist die 36-Jährige im „ Polizeiruf 110 : Morgengrauen“ (24. August, 20.15 Uhr, ARD) zu sehen. Im Interview erzählt sie, was das Filmen so anstrengend macht, warum sie trotzdem unbedingt mit Matthias Brandt drehen wollte – und wieso das einzige Instrument, das sie beherrscht, die Kalimba ist.

Hier geht‘s zu 10 Fakten zum Fall und hier zur Kritik des „Polizeiruf 110: Morgenrauen“.

Frau Hüller, im Internet ist ein Fernsehauftritt von Ihnen zu finden, bei dem Sie die Kalimba spielen, ein afrikanisches Zupfinstrument – wie sind Sie gerade darauf gekommen?

Das ist aus einer Verlegenheit geboren; ich kann nichts anderes. Ich hab sie in einem Hamburger Kellermusikladen gefunden. Ich singe viel und gerne und dachte irgendwann, ich müsste mich auch mal begleiten oder eigene Lieder erfinden. Dafür eignet sich die Kalimba. Bei der kann man fast nichts falsch machen. Sie kann zwar sehr kompliziert sein, aber ich mache es mir so einfach wie möglich.

Sie haben eine Tochter – machen Sie Hausmusik auf der Kalimba? Oder singen Sie ganz klassische Schlaflieder?

Natürlich kriegt die jeden Abend ein Schlaflied, aber nicht nur klassische. Ich singe für sie alles Mögliche: auch Jazz-Standards oder Elvis-Songs. Spezielle Schlaflieder müssen es gar nicht sein; wenn der Text englisch ist, versteht sie es ja eh nicht. Sie wünscht sich auch selbst gern exotische Nummern. Dann will sie mal was Indisches hören oder mal was in einer Fantasiesprache. Wir landen dann aber meistens doch immer bei Englisch. Mein Indisch ist lückenhaft, obwohl ich natürlich ein paar Mantras für sie singen kann. Die sind auch ideal zum Einschlafen.

Nachdem Sie mit dem Goethes Gretchen, mit Shakespeares Julia oder dem Exorzismus-Opfer Michaela in Hans-Christian Schmids „Requiem“ bekannt geworden sind, haben Sie die Abkehr von den Leidens- und Opferfiguren verkündet und das mit dem gesellschaftlichen Frauenbild begründet. Denken Sie beim Spielen an solche Debatten?

Ich muss hinter allem stehen können, was ich mache. Und natürlich kann ich nicht irgendein reaktionäres Zeug bedienen. Ich bin mir sicher, dass es nichts bringt, bestehende, falsche Verhältnisse abzubilden. Da muss man schon eine Alternative anbieten. Insofern denke ich ständig darüber nach. Das geht aber auch in einer Rolle wie dem Gretchen, die ich eigentlich lieber Margarete nenne. Es stimmt, dass sie ein Opfer der Umstände ist. Aber auch das kann man auf unterschiedliche Weisen spielen. Ich würde mich auch in dieser Rolle nicht ins Unglück dreingeben und still vor mich hinleiden. Es ist alles eine Frage der Haltung, die man in der Rolle zur Geschichte entwickelt: Man kann auch in einer Niederlage Stärke entwickeln und selbstbestimmt handeln. Das sind dann die Momente, die mich an einer solchen Rolle beschäftigen.

Beobachten Sie in Ihrer Arbeit einen roten Faden, oder haben Sie eher das Gefühl, mit jeder Rolle neu anzufangen?

Ich bin ja immer ich; und bestimmt sieht man auf der Bühne meine persönliche Entwicklung. Mich beschäftigen heute andere Dinge als vor zehn Jahren. Logischerweise. Wenn es einen roten Faden gibt, dann mein Leben. Aber ich suche mir meine Rollen intuitiv aus, weil sie mich gerade interessieren – nicht weil sie in ein bestimmtes Konzept passen sollen.

Sie stehen viel häufiger auf der Bühne als vor der Kamera – was macht das Theater zu Ihrem bevorzugten Arbeitsplatz?

Daher komme ich eben. Ich habe Theater-Schauspiel gelernt, und die Bühne war für mich immer mein erster und vertrauterer Arbeitsplatz. Am Theater kenne ich mich aus. Filme waren immer nur ein Zusatz. Filme zu machen finde ich außerdem auch viel anstrengender; die Arbeitszeiten sind extremer, man muss immerzu irgendwo hinfahren. Film ist belastend. Also müssen das Buch, der Regisseur und alles andere schon besonders gut passen, damit ich für einen Dreh zusage. Und natürlich mag ich am Theater die Situation, dass die Schauspieler und das Publikum gemeinsam genau diesen einen Augenblick der Aufführung miteinander teilen.

Noch seltener als im Kino sind Sie im Fernsehen zu sehen.

Dabei schließe ich Fernsehen gar nicht kategorisch aus. Es war bisher ganz einfach wenig dabei, das mich interessiert hätte. Ich empfinde kein Vergnügen daran, einfach nur diesen Betrieb aufrechtzuerhalten. Ich selbst bin kein Fernsehgucker mehr; im Alltag habe ich nichts mit dem Fernsehen zu tun. Also bin ich selten darin zu sehen. So ist das eben.

Was hat Sie also am Münchner „Polizeiruf“ besonders gereizt?

Mich hat das Buch sehr interessiert; ich mochte diese Frauenrolle – und ich hatte große Lust auf die Zusammenarbeit mit Matthias Brandt. Das ist ein Schauspieler, der mir wirklich etwas zu sagen hat. Ich dachte, dass eine Zusammenarbeit fruchtbar sein würde – und im Nachhinein hat es sich auch bestätigt.

Ihre Figur, die Gefängnisleiterin und -psychologin Karen Wagner, hat tragikomische, teils slapstickhafte Seiten – hat das auch zur Ihrer Lust auf den „Polizeiruf“ beigetragen?

Das klingt so, als würde ich zur Arbeit gehen und überlegen, welche Seite ich von mir zeige. So ist es nicht. Aber natürlich habe ich Spaß am Lustigen.

Der Kieler „Tatort“-Kommissar Borowski hat sich für seinen Flirt mit der Polizeipsychologin Frieda Jung mehrere Jahre Zeit gelassen. Bei Ihnen scheint es nach einer Folge schon wieder vorbei zu sein.

Ha ha, das stimmt wohl leider. Ich glaube, zwischen meiner Figur und Kommissar von Meuffels wächst nach ihrer missglückten Liebe kein Gras mehr. Die könnten dann ja nur noch aneinander vorbeigucken. Es wäre sicher sowieso schwierig, eine Gefängnisleiterin dauerhaft in der Serie zu verankern, die hat mit den Ermittlungen schließlich nichts zu tun. Vielleicht sollte sie umschulen. Oder Verbrecherin werden – aus abgrundtiefem Hass auf ihren Ermittler.

Für die „Zeit“ haben Sie mal einen Text über den Feminismus geschrieben, den man im Internet noch findet …

Schreckliches Internet!

Tut mir leid. Im schrecklichen Internet schreiben Sie über Öffentlichkeitsarbeit: „Entweder man zieht sich total
zurück. Oder man ist immer freundlich, sieht gut aus, ist
toll geschminkt. Ob es einen dritten Weg gibt?“ Haben
Sie den inzwischen
gefunden?

Das brauche ich gar nicht. Ich habe einfach nicht mehr den Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen. Ich mache Öffentlichkeitsarbeit, wenn sie von mir verlangt wird. Das ist in Ordnung, aber ich würde nicht von mir aus in die Öffentlichkeit gehen. Dafür ist das, was ich zu sagen habe, ganz einfach zu wenig interessant.

Da zitieren Sie fast einen Satz Ihrer Gefängnispsychologin, die sagt …

… die sagt: „Ich tendiere dazu, ein bisschen langweilig zu sein.“ – Stimmt. Das ist vielleicht so. Na ja – so vernichtend würde über mich selbst vielleicht nicht sprechen. Ich habe der Welt einfach nichts mitzuteilen.

Ich habe zwei andere Aussagen von Ihren Figuren notiert: In dem Film „Finsterworld“ spielen Sie eine Filmemacherin, die sich für ihre Arbeiten ein hoffnungsvolles Ende wünscht. Was sagen Sie zu dieser Kunstauffassung?

Über die muss ich lachen! Ich selbst denke über so was nicht nach – das macht auch die Komik der Figur aus: dass sie glaubt, der Kunst ein gutes Ende vorschreiben zu können. Wie soll das gehen? Ich bin doch kein Bruder Grimm, der alles zu einem guten Ausgang bringen muss.

In dem Film „Brownian Movement“ verweigert Ihre Figur bei der Psychologin, über die Motive ihres Verhaltens nachzudenken. Ist das etwas, das Sie in Ihrer Arbeit auch tun: eindeutige Motivationen vermeiden?

Das ist kompliziert. Ich erkläre Figuren natürlich nicht gerne. Und vor allem bewerte ich sie nicht. Das ist nicht meine Aufgabe; ich spiele, und dann macht sich der Zuschauer seine Gedanken.

Sie sind für die Arbeit nach München gezogen …

… aber das wird sich leider bald wieder ändern, weil unser Intendant uns verlässt.

Das ist Johan Simons, der nach seiner Zeit an den Kammerspielen die Ruhrtriennale leiten wird. Werden Sie da auch zu sehen sein?

Ja, werde ich. Aber das beschäftigt mich dann natürlich immer nur ein paar Wochen pro Jahr. Wo ich dauerhaft hingehe, muss sich erst noch zeigen. Das Umherziehen liegt mir nicht. Eigentlich bin ich eher sesshaft, aber da habe ich anscheinend den falschen Beruf.

Wo zieht es Sie denn hin? Hamburg? Berlin?

Berlin ist immer die letzte Option. Wenn nichts anders klappt, dann Berlin. Mein Bruder wohnt in Leipzig, da ist es auch schön. Hamburg würde mir aber auch gefallen.

Planen Sie das nach den Städten oder nach den Theatern, an denen Sie spielen könnten?

Ich habe nicht vor, noch einmal fest an ein Ensemble zu gehen. Da kann ich also wohnen, wo ich möchte, und muss für die Arbeit dann einfach reisen.

Momentan reisen Sie besonders weit – für einen Film, der in Rumänien entsteht. Was hat es damit auf sich?

Da drehe ich mit Maren Ade den Film „Toni Erdmann“. Die Handlung ist kompliziert zu erzählen; es geht um eine Unternehmensberaterin, die in Rumänien überraschend von ihrem Vater besucht wird und sich ihm auf eine sehr komische Weise erst wieder annähern muss.

Maren Ade kennt man von Filmen wie der Tragikomödie „Alle anderen“ und dem Beziehungsdrama „Der Wald vor lauter Bäumen“. Können Sie schon sagen, in welche Richtung es diesmal geht?

Eigentlich nicht. Mir fällt auf, dass Sie immer Zusammenhänge zwischen einzelnen Filmen herzustellen versuchen.

Und das finden Sie nicht richtig?

Nein, so darf ich nicht denken. Wenn ich Figuren so spiele, dass Sie in einen Zusammenhang passen, haben sie keine Luft zum Atmen. Die großen Zusammenhänge sind ein Missverständnis. Ich muss immer davon ausgehen, dass alles möglich ist. Jeder hat in jeder Sekunde alle Möglichkeiten, Sie, ich, jeder. Ich glaube, das ist eine Lebenshaltung. Mein Über-Ich ist nicht stark genug, um immer alles aus der Vogelperspektive zu überblicken. Ich weiß nicht, wie alles zusammenhängt, was ich mache. Das wäre höchstens ein Ansatz für eine Therapie.


Sandra Hüller wird am 30. April 1978 im thüringischen Suhl geboren. Nach dem Studium an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch kommt sie über Jena und Leipzig ans Theater Basel, wo sie als Shakespeares Julia Aufsehen erregt.

Über das Theater hinaus berühmt wird sie 2006 mit der Hauptrolle in Hans-Christian Schmids Exorzismus-Film „Requiem“. Die Rolle bringt ihr den Silbernen Bären der Berlinale ein; trotz der nun sprunghaft gestiegenen Aufmerksamkeit der Filmwelt beschränkt Hüller sich im Kino auf Herzensprojekte, auf Nanouk Leopolds „Brownian Movement“ etwa, Jan Schomburgs „Über uns das All“ oder Frauke Finsterwalders „Finsterworld“.

Hüllers eigentliche künstlerische Heimat bleibt aber das Theater. Zurzeit ist sie Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen unter Intendant Johann Simons , mit dem sie im Sommer zur Ruhrtriennale wechselt – um sich danach fürs Erste nicht mehr fest an ein Haus zu binden.

Sandra Hüller hat eine Tochter und lebt in München.

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