Ein TV-Dino stirbt ARD stellt „Wochenspiegel“ ein

Von Reinhard Lüke

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Vor dreieinhalb Jahren wurde Gerhard Delling als neuer Moderator des „Wochenspiegels“ vorgestellt, nun stellt die ARD das Magazin nach über 60 Jahren ein. Foto: dpaVor dreieinhalb Jahren wurde Gerhard Delling als neuer Moderator des „Wochenspiegels“ vorgestellt, nun stellt die ARD das Magazin nach über 60 Jahren ein. Foto: dpa

Köln. Über 60 Jahre gehörte der „Wochenspiegel“ wie die unwesentlich ältere „Tagesschau“ zum festen Programmschema im Ersten. Nun lässt die ARD ihren TV-Dino über die Klinge springen.

Für Gerhard Delling läuft es in letzter Zeit nicht besonders gut. Bei der Fußball-WM musste er vier Wochen lang mit dem undankbaren Job des Türstehers vor dem deutschen Mannschaftshotel vorliebnehmen, während Matthias Opdenhövel auf der Dachterrasse über der Copacabana mit Mehmet Scholl plaudern durfte. Diese Moderationen waren bei früheren Turnieren mal Dellings Sache, aber da hieß der Experte auch noch Günter Netzer .

Nicht mehr zeitgemäß

Ende August verliert der 53-Jährige nun ein weiteres Standbein seines Moderatorenlebens. Die ARD streicht die Sendung „Der Wochenspiegel“ aus ihrem Programm. Damit wird ein Fernsehdino nach mehr als 60 Jahren zu Grabe getragen. Dabei hatte der verantwortliche NDR erst vor drei Jahren nicht nur ein komplettes Facelifting des „Wochenspiegels“ angekündigt, sondern mit Delling gleich auch noch einen neuen Hauptmoderator der Sendung vorgestellt.

Der Auserkorene zeigte sich bei seiner Inthronisation von seinem neuen Anchor-Job überaus angetan. „Bei vielen Kollegen“, so Delling damals, „geht ja immer diese Schere auf: es gibt Sport und es gibt Journalismus, doch ich bin sowieso breit interessiert, insofern spielt mir das in die Karten.“ In der Tat hat der Journalist, sei es als Urlaubsvertretung bei den „Tagesthemen“ oder als Moderator des Medienmagazins „Zapp“, mehrfach und durchaus überzeugend versucht, der Sport-Schublade zu entkommen.

Zum unlängst bekannt gegebenen Ende des „Wochenspiegels“ hat sich Gerhart Delling noch nicht geäußert. Er wird es bedauern, sich aber auch schwertun, triftige Argumente gegen die Absetzung zu finden. Der „Wochenspiegel“ erscheine als Rückschau auf die wichtigsten Themen der Woche im Zuge der verstärkt zeitunabhängigen Nutzung des Programms entbehrlich, ließ ARD-Programmdirektor Volker Herres verlauten. Womit er fraglos nicht ganz falsch liegt.

Wo sich Nachrichtensendungen jederzeit in Mediatheken auf allen erdenklichen Endgeräten abrufen lassen, erscheint eine wöchentliche Zusammenfassung der wesentlichen Ereignisse im Rahmen einer eigenen Sendung überflüssig. Was sich zuletzt auch in den Einschaltquoten niederschlug. Mehr als eine Million Zuschauer fand der „Wochenspiegel“ in letzter Zeit selten und war damit häufig das Schlusslicht unter den Tagesprogrammen im Ersten.

Das war früher einmal anders. Die Nachrichtenzusammenfassung aus „Tagesschau“-Beiträgen, die am 4. Januar 1953 erstmals zu sehen war und in den ersten Jahren am späten Samstagabend ausgestrahlt wurde, fand ein breites Interesse. Als sie dann Ende der 50er-Jahre auf den Sonntagmittag wanderte, gehörte sie für viele Bundesbürger zum festen Sonntagsritual wie Kirchgang, Schweinebraten und „Der internationale Frühschoppen“ .

Dabei war der Sendeplatz im unmittelbaren Anschluss an die weinselige Diskussionsrunde mit Werner Höfer sicherlich ideal, da viele Zuschauer einfach sitzen blieben, um die zurückliegende (Nachrichten-)Woche noch einmal Revue passieren zu lassen. Der Sendeplatz um 12.45 Uhr blieb auch in Zeiten des „Presseclubs“ derselbe, aber im Laufe der Jahrzehnte wurde der „Wochenspiegel“ mehrfach renoviert, bekam Moderatoren statt Sprecher und wartete gelegentlich sogar mit Studiogästen auf.

Geholfen haben all die Bemühungen nicht, und so werden sich auch die Proteste der Zuschauer wegen seiner Absetzung in Grenzen halten. Das Format hat sich schlicht überlebt. Genau wie sein Pendant, das „ZDF-Wochen-Journal“, das bereits 2007 vom Schirm genommen wurde. Ab September ist sonntags nach dem „Presseclub“ im Ersten das „Europamagazin“ zu sehen, das bislang am Samstagnachmittag mit einem wenig attraktiven Sendeplatz vorliebnehmen musste. Gerhard Delling wird durch das Aus für den „Wochenspiegel“ auch nicht arbeitslos. Schließlich gehört er noch zum Moderationsteam der „Sportschau“.


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