Arbeitsbeginn mit Erotikfilm Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen gibt es 20 Jahre

Von Thomas Klatt

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„Fahr zur Hölle, Schwester“ mit Iris Berben (links) und Hannelore Elsner in den Hauptrollen war der bisher letzte Film, der gegen die Empfehlung der FSF ausgestrahlt wurde. Foto: dpa„Fahr zur Hölle, Schwester“ mit Iris Berben (links) und Hannelore Elsner in den Hauptrollen war der bisher letzte Film, der gegen die Empfehlung der FSF ausgestrahlt wurde. Foto: dpa

Berlin. Seit 20 Jahren prüft die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) TV-Sendungen auf ihre Tauglichkeit für junge Zuschauer. Aber worin besteht eigentlich genau die Arbeit der freiwilligen Prüfer? Ein Besuch bei den Experten.

Da sitzen sie, gucken und schauen und prüfen. Reality- und Talk-Formate, Pornos, Thriller, Horror, Casting- und Musikshows, rund 160 Sendungen pro Monat. Nicht etwa, weil sie damit Geld verdienen. Die meisten von ihnen tun dies freiwillig und nebenberuflich.

„Es ist schon merkwürdig, wenn man morgens um 9.30 Uhr gleich mit einem Erotikfilm anfängt, und da geht es heftig zur Sache. Es gefriert einem auch schon mal das Blut in den Adern, wenn man bei Schönheitsoperationen sieht, wie jemandem die Nase gebrochen wird. Hinzu kommen Leichen, Enthauptungen, reale Kriegsbilder. Das lässt einen nicht locker. Routine kommt da nicht auf“, sagt der Medienwissenschaftler Nils Brinkmann, einer von rund 100 ehrenamtlich tätigen FSF-Prüfern in ganz Deutschland .

Gewaltdarstellungen

Genau am 4. April 1994 nahm die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ihre Arbeit auf. Seit Beginn der 1990er-Jahre verging kaum ein Tag, ohne dass Politiker, Wissenschaftler oder besorgte Pädagogen eine gefühlte Zunahme von Darstellungen brutaler Gewalt oder expliziter Sexualität beklagten. Als Konsequenz dieser medialen Entgrenzung wurde befürchtet, dass es bald eine völlig verrohte Jugend mit einem verantwortungslosen, ausschließlich auf sexuellen Lustgewinn orientierten Lebensstil geben werde.

Die damals für Jugend zuständige Bundesministerin Angela Merkel forderte eine Verschärfung der Jugendschutzgesetze, insbesondere ein Ausstrahlungsverbot für indizierte Filme. Vor diesem Hintergrund entschlossen sich die privaten Sender im November 1993, nach dem Vorbild der für Kinofilme zuständigen FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen zu gründen. Seit Gründung vor 20 Jahren wurden immerhin 20348 TV-Produktionen begutachtet. Daneben gibt die FSF medienpädagogische Aufklärungsmaterialien heraus und bildet Lehrer in Medienkompetenz fort.

Und zwar nicht bei Bier und Chips in gemütlicher Couchstellung vor dem Fernseher, sondern es geht um nüchterne Abwägung. Jeweils fünf Prüfer treffen sich für Stunden in einem Berliner Büro und müssen eine Mehrheitsentscheidung treffen, ob eine Produktion im deutschen Privatfernsehen erst nach 22 Uhr, gekürzt oder gar nicht gesendet werden darf. Und es geht um eine gewisse Rechtssicherheit für RTL, Pro Sieben, Vox, beate-uhse.tv und die anderen privatrechtlichen Träger der FSF. Denn die Prüfer geben nicht einfach nur unverbindliche Empfehlungen ab. Hebt oder senkt sich der Daumen, dann hält sich der Sender in der Regel an die Entscheidung, und auch die Aufsicht führenden staatlichen Landesmedienanstalten akzeptieren die Regelung und können keine Bußgelder mehr verhängen.

Es ist schon mehr als zehn Jahre her, dass einmal gegen die Empfehlung der Prüfer trotzdem ein Film, „Fahr zur Hölle Schwester“, ausgestrahlt wurde. Seitdem aber gebe es eine gute Kooperation zwischen den Sendern und der FSF, heißt es bei den Prüfern.

„Ein wirklich niederschmetterndes Erlebnis hatte ich mit dem Format ,Auf Brautschau im Ausland‘ , wo Personen, die man als grenzdebil bezeichnen würde, vom Produzenten in Situationen gebracht wurden, denen sie absolut nicht Herr werden konnten. Da geht es schon in Richtung Menschenwürde. Tagesprogramm war beantragt, aber wir haben in diesem Fall die Sendung auf 22 Uhr gelegt“, berichtet der Potsdamer Filmhistoriker Matthias Struch aus seiner Prüfpraxis.

Im Zweifelsfall rufen die Prüfer auch den juristischen Sachverständigen an. Ist ein Prüfausschuss oder ein Einzelprüfer der Ansicht, dass ein Programm sendeunzulässig ist, wird es an einen juristischen Sachverständigen weitergeleitet, der über die Unzulässigkeit entscheidet, heißt es trocken in der FSF-Verfahrensordnung.

Dabei schauen Jugendliche kaum noch Fernsehen, sondern bewegen sich meist online im Medienkosmos. Zudem gibt es immer mehr binäre Empfangsgeräte, die einerseits das lineare und geprüfte Fernsehsignal empfangen, gleichzeitig aber auch das digitale und ungeprüfte des Internets. Aber die FSF ist auch zertifiziert, Bewegtbildinhalte im Web zu begutachten. Sicherlich wird es ein großes Thema für die nächsten Jahre sein, wie man den sogenannten Second Screen kinder- und jugendgerechter machen kann. Und da sollte man die Kleinen auch schon mal selbst fragen. Auch wenn Erwachsene und Medienfachleute die Inhalte der privaten Sender überwachen, so ist man bei der FSF durchaus auch an der Expertise der Heranwachsenden interessiert.

„Wir haben immer wieder auch Schülerpraktikanten, die in den Ausschüssen sitzen. Es ist gut, von denen zu hören, was die kennen. Und dann sehe ich das bei meinen eigenen Kindern und das macht mich eher lockerer. Die denken auch nicht, das ist jetzt eins zu eins die Wirklichkeit, was ihnen im Fernsehen gezeigt wird. Insofern habe ich auch großes Vertrauen in die Kritikfähigkeit von Kindern und Jugendlichen“, sagt die Berliner Journalistin und mittlerweile hauptamtliche Prüferin Christina Heinen.

Vertrauen in die Medienkompetenz der Kleinen ist gut, Kontrolle und ein funktionierender Kinder- und Jugendmedienschutz ist besser. Insofern wird es auch nach 20 Jahren die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen wohl noch lange geben müssen.


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