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Die strenge Staatsanwältin „Meine Stimme ist ein Fehler der Natur“

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Osnabrück. Ein Millionenpublikum kennt sie als kettenrauchende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm aus dem Münster-„Tatort – im Gespräch mit Journalisten macht Mechthild Großmann aus ihrem Tabakkonsum jedoch ein Geheimnis.

Dafür hat sie interessante Geschichten zu erzählen – von ihrer über 30-jährigen Zusammenarbeit und Freundschaft mit Pina Bausch und sonderbaren Zusammentreffen mit Rainer Werner Fassbinder, der an diesem Sonntag vor 30 Jahren gestorben ist. Protokoll eines rauchfreien Gesprächs in ihrer Hamburger Wohnung:

Frau Großmann, wenn es nach Ihrer Oma gegangen wäre, dann wären Sie alles, nur nicht Schauspielerin geworden.

Das ist ja auch verständlich. Meine Oma war Jahrgang achtzehnhundertpaarundsiebzig und eine sehr strenge frömmelnde Katholikin. Für sie war es vollkommen unverständlich, dass ich Schauspielerin werden wollte.

Warum eigentlich?

Es hatte für sie etwas von Halbwelt. Von der Schauspielerei zum Strich war es nicht nur für Oma, sondern auch für meine Eltern nur ein ganz kleiner Schritt. Meine Großmutter, die ständig in die Kirche lief, hat für jeden meiner drei Brüder gebetet, dass er Priester oder Mönch wird. Und von mir wünschte sie sich, dass Püppi – so wurde ich genannt – Nonne wird.

Was Sie ja auch mal wollten...

Aber nicht wegen meiner Oma. Ich bin bis zu meinem neunten Lebensjahr in Münster aufgewachsen und hatte unheimlich liebe Nonnen als Lehrerinnen, die ich sehr bewunderte. Meine Mutter hatte bei den Schwestern der göttlichen Vorsehung, einem berühmten Marienlizeum, ihr Abitur gemacht. Und auch in unserer Familie gab es eine Nonne, eine ganz bezaubernde Person. Ich kannte keine Nonnen, die Kinder gequält haben, wie man es heute immer wieder hört. Da war es doch klar, dass ich mit sieben oder acht auch Nonne werden wollte.

Hat die katholische Linie Ihrer Familie auf Sie abgefärbt? Sind Sie religiös?

Abgefärbt hat sie ganz sicher. In unserer Familie war niemand beim Theater, aber so eine Messe finde ich als Vorstellung grandios, da kann kein Schauspieler gegen an. So gesehen ist die Kirche schuld daran, dass ich später zum Theater gegangen bin. Ich gehe heute noch gern in Kirchen, sehe mir Hochämter an und bin immer ganz beeindruckt. Ich kenne mich auch in der Kirchengeschichte gut aus. Und als im Zuge der 68er-Bewegung jede Menge Leute aus der Kirche austraten, war ich die große Ausnahme. Als ich später dann mit Pina Bausch durch die ganze Welt tourte, habe ich in vielen Ländern die katholische Kirche als einen progressiven und schützenden Faktor kennengelernt.

Sie sind also noch Mitglied der katholischen Kirche?

Nein, ich bin 2010 ausgetreten. Dass Padres ihre Schüler missbraucht hatten, wusste ich zwar schon vorher – ich kannte viele Jesuitenschüler, die mir davon erzählt hatten. Aber die Unverfrorenheit und Dummdreistigkeit, mit der sie reagierten, als der ganze Skandal hochkam, hat mich dann zum Austritt bewegt.

Gab es eigentlich einen Moment, in dem die Skepsis Ihrer Familie gegenüber der Schauspielerei umgeschlagen ist und man stolz auf Püppi war?

Ja, aber da war Oma längst tot. Meine Eltern waren erst mal vor allem glücklich, dass ich Arbeit hatte, das war selbst zu Zeiten der Vollbeschäftigung bei Schauspielern keine Selbstverständlichkeit. Als mich mein Vater dann auf der Bühne gesehen hat, war er schrecklich stolz – wie Väter eben so sind. Und meine Mutter ist einmal nach Paris gekommen und war ganz beeindruckt, als ich dort mit Pina aufgetreten bin. Nach der Vorstellung fragte sie allerdings: „Püppi, spielst du denn auch mal wieder richtig Theater?“ – darunter verstand sie eben Shakespeare und Goethe. Ganz aufgeregt und auch sehr stolz war sie dann, als ich ab 2002 im Münster-„Tatort“ mitspielte.

Sie bezeichnen sich selbst als „Dennoch-Schauspielerin“. Warum?

Ich bin keine direkte Schauspielerin. Am Ende sieht es zwar so aus, als ob ich es könnte – während der Proben denken aber die meisten, dass ich es nicht kann. Ich bin nicht jemand, der kommt und einfach spielt, sondern ich hadere lange mit mir und meiner Rolle und taste mich ganz langsam heran.

Fragen zu Ihrer Stimme nerven Sie bekanntlich...

Fragen Sie ruhig (lacht).

Warum ist Ihre Stimme so, wie sie ist? So dunkel, tief, rau und ziemlich einmalig.

Die Stimme war schon tief, als ich noch ein Kind war, und sie ist ebenso tief geblieben. Das liegt daran, dass ich fast keine Stirn- und Kiefernhöhlen habe. Das ist ein Fehler der Natur und kein Verdienst. Entscheidender als die Höhe oder Tiefe einer Stimme ist, wie man sie einsetzt. Die Stimme ist unser natürliches Instrument.

Ihre Mutter hat Sie ins Kinderballett geschickt – und Sie fanden es furchtbar...

Das kann man so nicht sagen. Am Anfang fand ich es ganz schön, so eine kleine Ballettaufführung in Münster hat ja auch meine Eitelkeiten befriedigt. Ich hatte Unterricht bei einer alten Russin und früheren Ballerina – eine herzensgute Frau, die immer die Möbel zur Seite räumte, wenn wir kamen. Ich glaube, meine Mutter hat sie nicht mit Geld, sondern mit Lebensmitteln bezahlt. 1957, als ich neun Jahre alt war, zogen wir nach Bremen, und ich kam in eine richtige Ballettschule.

Und dann war’s vorbei mit der Freude am Ballett?

Das war dann Drill. Ich habe mir immer zu Weihnachten gewünscht, dass ich nicht mehr zum Ballett muss, bis ich mit zwölf Jahren meinen Willen durchgesetzt habe. Danach wollte ich mit Ballett nichts mehr am Hut haben.

1976 sind Sie beim Tanztheater Pina Bausch gelandet...

Als ich Pina kennenlernte, hatte ich noch nie eine Vorstellung von ihr gesehen und kannte auch ihren Namen nicht, obwohl ich damals als Gast am Schauspielhaus in Wuppertal spielte. Aber ich merkte sofort: So einem Menschen bin ich noch nie begegnet. Und ich muss heute sagen: Einem solchen Menschen bin ich nicht noch mal begegnet. Sie war einfach anders als alle anderen. Nachdem ich sie getroffen hatte, war ich manchmal sehr traurig, dass ich keine Tänzerin geworden bin.

Sie haben dennoch über 30 Jahre lang eng mit Pina Bausch zusammengearbeitet und zeitweise auch zusammengewohnt.

Das wäre jetzt übertrieben. Ich wohnte damals noch in Bremen und hatte zunächst in Wuppertal gar keine Wohnmöglichkeit. Wenn ich dann zu Proben nach Wuppertal kam, habe ich bei Pina geschlafen und gegessen.

Sind Sie im Laufe der Jahre ziemlich beste Freundinnen geworden?

Ich war viele Jahre lang immer zwei Schritte hinter Pina, also immer bei ihr. Es gab Zeiten, in denen andere sagten, ich sei ihr Liebling – was keiner verstehen konnte, weil ich ja die einzige Nichttänzerin war. Aber ob ich ihre beste Freundin war, das kann ich nicht beurteilen. Sie hatte eigentlich mit jedem in der Kompania ein Herzblut-Verhältnis.

Wie groß ist der Schmerz noch – heute drei Jahre nach Pina Bauschs Tod?

Der Schmerz ist groß, vermisst wird sie jeden Tag, von jedem. Pina hat vielen Leuten eine Liebe gegeben, sie war eine sehr umarmende Person. Ich glaube, dass jeder Einzelne sie vermisst. Pina hat ja nie einfach nur einen Tänzer engagiert, da hatte jeder so ein Flirt-Verhältnis zu ihr. Wir spielen teilweise heute noch nach Plänen, die von ihr sind, Pina hat immer sehr lange im Voraus geplant. Und wir alle wollen, dass es diese Kunst auch weiterhin gibt.

Ein anderer großer Künstler ist an diesem Samstag schon 30 Jahre tot – Rainer Werner Fassbinder. Sie haben mit ihm „Berlin Alexanderplatz“ gedreht. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Sehr verschiedene. Als ich in Bremen engagiert war, es muss 1969 oder 1970 gewesen sein, kam er mit einem Teil seiner Gruppe in die Stadt und inszenierte mehrere Stücke. Und er führte sich auf, dass ich nur dachte: Das gibt’s ja nicht, das ist ja unmöglich, das geht ja gar nicht. Aus heutiger Sicht hätte ich mir eins gegrinst, aber als junge Schauspielerin sah ich das anders: Da kam dieser ungewaschene, pickelige Fassbinder mit dem großen schwarzen Hut und spielte in der Kantine Al Capone. Er benahm sich einfach extrem schlecht, ich fand’s ein bisschen menschenverachtend. Dass er das mit einem Augenzwinkern machte, habe ich überhaupt nicht kapiert.

Und dennoch haben Sie in einem seiner Filme mitgespielt.

Er hat mich in der Kantine mal angesprochen und sagte, du, ich mache vielleicht einen Film – und ich sagte irgendwas, was nicht seiner Meinung war. Das war’s dann erst mal. Als ich in einer Shakespeare-Aufführung mitspielte, saß er in der ersten Reihe, und ihm gefiel’s überhaupt nicht. „Bööööh“ hörte ich nur und fand ihn schon wieder ziemlich unmöglich. Auf der anderen Seite habe ich Inszenierungen von ihm in Bremen gesehen, die einfach nur großartig waren.

Irgendwann muss es dann aber doch mal gefunkt haben.

Fast zehn Jahre später kriegte ich einen Anruf, Fassbinder am Apparat, inzwischen auch international viel berühmter. Er redete mit mir, als hätten wir gestern das letzte Mal miteinander gesprochen, und bot mir eine Rolle an. Ich habe erst gezögert, dann aber doch zugesagt. Und ob sie es glauben oder nicht: Fassbinder war beim Dreh so zahm, so einfühlsam, so witzig und so einfach. Ich hatte mich auf dumme Sprüche eingestellt und kriegte etwas völlig anderes. Eine Fassbinder-Schauspielerin bin ich dennoch nicht geworden.

Wie hat sich das Zahme und Einfühlsame denn geäußert?

Ich sagte ihm, dass ich nicht so gern meine Brüste raushängen würde, das gebe auch nicht viel her. Also habe ich die Bluse anbehalten. Beim Dreh gab’s dann eine Szene, da lag Günter Lamprecht auf mir, wobei ich wohlgemerkt angezogen war. Und Fassbinder fragte mich: Sollen die anderen rausgehen? Ich dachte nur: Das gibt’s ja nicht. Etwas später rief er mich dann an, nur um zu sagen, es sei sehr schön geworden.

Von Fassbinder zum Münster-„Tatort“ sind es Lichtjahre – und im Interview zwei Sekunden. Mögen Sie Ihre Staatsanwältin Wilhelmine Klemm?

Ich weiß nicht, ob ich mit ihr befreundet wäre, aber sie hat in der heutigen Gesellschaft durchaus eine Daseinsberechtigung. Wenn man schon so lange Staatsanwältin ist in einer Stadt wie Münster, die sich, abgesehen von den Studenten, nicht gerade durch Progressivität auszeichnet – welche Wahl hat sie denn, sich nach außen anders zu geben, als sie es tut? Auch wenn man solche Frauen früher abfällig als „Karrierefrauen“ bezeichnete.

Die Rolle ist ja ziemlich eindimensional angelegt.

Halb dimensional, würde ich sagen. Das ist keine Rolle im eigentlichen Sinne, sondern eine kleine Zubringerrolle. Sie muss stören und dem Kommissar, der einen Durchsuchungsbefehl haben möchte, ein klares „Nein“ entgegensetzen. Ich habe gerade erst ein sehr schönes Interview mit einer Staatsanwältin gelesen – sie sieht sich keinen „Tatort“ mehr an, weil sie die Dusseligkeit der Staatsanwälte darin nicht mehr ertragen kann. In einem Punkt bin ich allerdings überhaupt nicht ihrer Meinung: Sie sagte, Wilhelmine Klemm setzt sich durch, aber muss man ein halber Kerl sein, um das zu können? Und da finde ich: Eine dunkle Stimme macht eine Frau nicht gleich zum halben Kerl.

Sie sind ja auch nicht wirklich Staatsanwältin.

Eben. Und es ist auch nicht die Schuld der Schauspieler. Wir schreiben keine Drehbücher, und wir führen keine Regie, sondern wir führen aus. Und jeder von uns versucht so gut er kann, aus diesen manchmal wirklich erbärmlichen Vorlagen etwas Menschenähnliches zu zaubern. Das ist nicht immer einfach. Bei Wilhelmine Klemm hat man mir nicht viel mehr erklärt, als dass sie raucht.

Und dennoch ist jeder Ihrer Auftritte ein Erlebnis.

Dass ich in der Wirkung nicht zur Lieblichkeit neige, weiß ich. Aber dennoch kommt Wilhelmine bevorzugt in Kostüm und Pumps. Das trage ich auch gerne – aber zeigen Sie mir mal eine Staatsanwältin von heute, die so etwas trägt. Und wenn ich laut Drehbuch nachts um vier auf den Acker muss, weil man da eine Leiche gefunden hat, finde ich persönlich es ziemlich verrückt, mit Kostüm und Pumps aufzukreuzen. Ich habe mehrfach gefragt: Kann die nicht mal in Jeans, Pulli und Turnschuhen kommen? Empörung brach aus. Die Fernsehrealität orientiert sich nun mal nicht an der Wirklichkeit.

Wilhelmines Outfit…

…hat sich mittlerweile ein bisschen verändert. Inzwischen trägt sie meistens Hosen, ab und zu kriege ich sogar mal ein Abendkleid spendiert, weil es einen Empfang gibt. Oft hat man mir aber auch Halskrausen, Gipsarme und solche Sachen verpasst, bis ich mal sagte: Soll ich nicht gleich im Rollstuhl kommen?

Was ist eigentlich der Grund für den unglaublichen Erfolg des Münster-„Tatorts“?

Zum einen sind es keine anonymen Morde. Es ist ja immer so, dass der Boerne wenigstens mit dem Bruder des Opfers zusammen auf der Uni war, oder die Mörderin hatte früher mit mir ein Knutschverhältnis. Das macht die Zuschauer eher betroffen, es ist leichter nachvollziehbar. Außerdem gibt es nie brutale Fälle, der Münster-„Tatort“ ist ja mehr eine Familienbelustigung – und die hat mindestens so viel Berechtigung wie „Tatorte“, in denen es Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen gibt. Außerdem sind wir in Münster quasi eine Familie. In anderen „Tatorten“ gibt es zwei Kommissare, oder eine Kommissarin mit Assistent – wir sind zu sechst: Boerne, Thiel, Alberich, Thiels Vater, die Assistentin und die Staatsanwältin. Das mögen die Leute.

Hat der Münster-„Tatort“ Ihr Leben verändert?

Das kann man wohl sagen. Trotz dieses kleinen Röllchens. Kein einziger Nachbar wusste früher, welchen Beruf ich habe – aber nach dem ersten „Tatort“ wusste es jeder. Das ist schon sonderbar, wenn man sich 44 Jahre lang im Theater die Knochen blau gehauen und auf Japanisch, Russisch und Englisch in der ganzen Welt gespielt hat. Und dann gehe ich hin, sage „Gute Arbeit, Thiel“, und jeder kennt mich. Das ist schon absurd, das lässt sich ja nicht mit irgendeiner Leistung in Zusammenhang bringen.


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