„Heftigstyle“ Über Kritik an heftig.co und Nachahmern des „Klick-Köders“

Von Manuela Kanies

Eine echte Überraschung verbirgt sich hinter den Texten von heftig.co sehr selten. Foto: ImagoEine echte Überraschung verbirgt sich hinter den Texten von heftig.co sehr selten. Foto: Imago

Osnabrück. Rührende Nachrichten, garniert mit einer reißerischen und emotionsgeladenen Überschrift: Das ist die Spezialität von Webseiten wie heftig.co. Doch am „Heftigstyle“ scheiden sich die Geister.

Die Menschen wünschen sich gute Nachrichten. Rührende Geschichten mit Happy End, gerne auch mit Tieren oder Babys als Protagonisten. Eine Flausch-Welt, die gepolstert ist mit unglaublichen Geschichten, sensationellen Ereignissen und bahnbrechenden Erfindungen. Eine in Deutschland extrem erfolgreiche Webseite, die das perfektioniert hat, ist heftig.co. „Erst dachte ich, es ist ein normales Amateurvideo. Als ich genauer hinsah, blieb mir der Mund offen stehen“: Solche und ähnliche Titel nutzen Webseiten wie heftig.co, um Leser anzulocken. Dieses Prozedere nennt sich „Clickbait“, übersetzt „Klick-Köder“. Im Fall von „Heftig“ wurde ein besonders großer Fisch geangelt: die Aufmerksamkeit von über 965000 Fans bei Facebook.

Denn neben den reißerischen und emotionsgeladenen Überschriften liegt der Erfolg von „Heftig“ im Teilen der Artikel über Facebook. Und nur über Facebook. Auf Twitter oder Google Plus sind die Macher der Webseite nicht unterwegs. Der Erfolg der Texte, die teilweise tausendfach geteilt werden, liegt sicherlich daran, dass die Leser ihre Neugier befriedigen wollen. Und: Es geht halt oft um Tiere und Babys. Jeder weiß, Tiere und Babys, am besten noch beides in einem Text, laufen immer gut.

Klick-Enttäuschung

Doch wer auf die Artikel klickt, wird oftmals enttäuscht. Denn so sensationell, erschreckend oder zu Tränen rührend ist der Text in der Regel nicht. Als „Heftig“ Anfang des Jahres an den Start ging, waren die Nachrichten sogar alt und recycelt. Ungeniert haben die Macher hauptsächlich von der Seite viralnova.com Inhalte übernommen, ohne darauf zu verweisen, berichtete Lars Wienand von der Rhein-Zeitung. Wobei auch die US-amerikanische Webseite „Viralnova“ einfach Inhalte von anderen übernimmt und weiterverbreitet.

Dabei ist der sogenannte „Heftigstyle“ von Überschriften nicht neu, „Buzzfeed“ demonstriert seit 2006, wie das geht. Auch die „Huffington Post“ bedient sich dieses Stilmittels.

Die Zahlen sprechen bei „Heftig“ für sich. Die Webseite „10 000 Flies“, die zeigt, über welche Themen und Artikel in den sozialen Netzwerken in Deutschland diskutiert wird, bezeichnete Seiten wie „Heftig“ als „neue Macht im Social Web“. Seit dem Start der Webseite heftig.co im März dieses Jahres überholt sie regelmäßig feste Größen wie Spiegel Online und Bild.de im Like-Media-Ranking. Also darin, wie vielen Menschen die Beiträge der Seite mit „Gefällt mir“ markieren, kommentieren und teilen. Doch möglicherweise geht die Erfolgskurve der Webseite wieder nach unten. Laut similarweb.com gab es im Juni 9,2 Millionen geschätzte Besuche auf heftig.co, im Mai waren es etwa 11,8 Millionen. Im Schnitt wurde die Seite eine Minute und 41 Sekunden besucht. Die Absprungrate betrug 72,94 Prozent. Das heißt also, die Leser klicken bei Facebook auf einen Link, schauen sich die Geschichte an und verschwinden wieder. Kaum jemand sieht sich dauerhaft auf der Webseite um.

Nachahmer und Kritik

Der Erfolg der Seite hat in Deutschland schnell Nachahmer gefunden. Sogar seriöse Nachrichtenmagazine wie „Spiegel Online“ oder „Süddeutsche Zeitung“ nutzen den „Heftigstyle“ in den sozialen Medien. Doch je mehr Medien das machen, desto mehr Kritik gibt es. Der Twitteraccount „Erspart dir den Klick“ zeigt auf, dass die meisten Nachrichtenseiten mit dem Cliffhanger spielen, indem er die Tweets von ihnen retweetet und gleichzeitig die Antwort gibt.

Das Vorbild für den anonymen Twitteraccount kommt aus den USA, dem Ursprung der Klick-Köder. „Saved you a click“ entlarvt ebenfalls die Cliffhanger der Nachrichtenseiten, über 124000 Menschen folgen dem Account. Die Fanzahl des deutschen Accounts ist noch recht gering (knapp 1100 Follower), wächst aber stetig.

Ein Beispiel: Der WDR twitterte am 7. Juli: „Die Todesursache der 6500 Jahre alten Kindermumie „Detmold Child“ ist geklärt. Im Retweet antwortete @ErspartdenKlick: „Angeborener Herzfehler“. Nun kann man den Tweet vom WDR natürlich nicht mit dem „Heftigstyle“ vergleichen. Denn sonst hätte er geheißen: „Du wirst nie glauben, woran die 6500 Jahre alte Kindermumie gestorben ist.“ Das Prinzip wird aber schnell klar: Der Cliffhanger wird ausgehebelt. Ein besonders absurdes Beispiel von bild.de vom 28. Juni: „Heute vor 100 Jahren geschah in Sarajewo ein Attentat, das die Welt für immer veränderte.“ Die Reaktion von „Erspart Dir den Klick“ ist so einfach wie treffend: „Ernsthaft?“

Ob das alles immer so ernst genommen werden muss, kann aber auch infrage gestellt werden. Was soll’s, die Geschichten tun doch keinem weh, sie erfreuen die Leser, und gut ist. Ja, so kann man das sehen. Aber man kann auch die rechtliche Seite anschauen. Und da sah es lange für die Macher von „Heftig“ schlecht aus. Kein gesetzlich vorgeschriebenes Impressum, kein Hinweis auf die Autoren der Texte, klare Verstöße gegen das Urheberrecht bei Artikeln und vor allem Bildern. Dem Leser dürfte es in der Regel egal sein, dem Urheber ist es natürlich nicht.

Nachdem eine kleine mediale Suchaktion nach den Machern von „Heftig“ losgetreten wurde, wurden meedia.de und die „Wirtschaftswoche“ fündig: Michael Glöß und Peter Schilling heißen die Urheber der Seite.

In einem Interview mit der Wirtschaftswoche betonten sie, dass sie eben keine Journalisten seien, die Inhalte erstellen, „sondern sie nur kuratieren“, also zusammenstellen, „und nicht klauen“. Interessant, dass Glöß und Schilling behaupten, sie würden nicht gegen Urheberrechte verstoßen, gleichzeitig aber viele Links, die bis April bei Facebook geteilt wurden, nicht mehr erreichbar sind. Alte Texte wurden von „Heftig“ entfernt, ein Impressum wurde erstellt. Hat da jemand doch Angst vor Klagen?


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