YouTube-Spott für EU-Grüne Was hat LeFloid, das Terry, Jan und Ska nicht haben?

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Berlin. Ein YouTube-Video der grünen EU-Parlamentarier Ska Keller, Jan Philipp Albrecht und Terry Reintke erntet Spott. Wir erklären, was sie falsch machen – im Vergleich mit dem YouTube-Könner LeFloid.

Die grünen EU-Parlamentarier Ska Keller, Jan Philipp Albrecht und Terry Reintke erklären ihre Arbeit auf YouTube – und werden kritisiert („Gaga-Auftritt“), ausgelacht („Fremdschämen für Fortgeschrittene“) und als Teletubbies veralbert. Was ist schief gelaufen? Wir analysieren das Video, und zwar im Vergleich mit einem Profi der YouTube-Polit-Vermittlung: LeFloid. Er ist so etwas wie der YouTube-Nachrichtensprecher, informiert über Rassismus im Fußball, Amokläufe und Kampfroboter und hat dank seiner fast zwei Millionen Abonnenten gerade den Publikumspreis des Grimme Online Awards geholt.

Ist das Grünen-Video wirklich so mies?

Ja! Es ist ein Debakel. Die hibbelige Terry Reintke trägt ihre Vorfreude auf „ganz spannende Ausschüsse“ eigentlich gar nicht vor; sie tanzt sie. Und sie wirkt dabei wie eine Schülerpraktikantin mit Waldorf-Hintergrund, aber nicht wie eine Entscheidungsträgerin. Bei LeFloid ist es umgekehrt. In seinem bürgerlichen Leben studiert er als Florian Mundt zwar tatsächlich Psychologie und Rehabilitationspädagogik – wirkt vor der Kamera aber trotzdem weder schüler- noch lehrerhaft. Wir wählen zum Vergleich einen Clip, in dem er sich ganz wie Terry, Jan und Ska für das EU-Parlament stark macht. (Ab Minute 2:41)

Hier geht‘s zum YouTube-Gewissenstest mit LeFloid.

„Fick doch die Wand an!“ – Dialog und Publikumsansprache

Als Terry Reintke plötzlich im Bild steht, sind Jan und Ska total verdutzt: „Huch, Alter, Terry, was machst du denn hier?“ Darauf Terry: „Ich bin doch jetzt auch neu gewählte Abgeordnete“. Nun wieder Jan: „Was? Geil! Sauber!“ Was machen Jan und seine Freunde falsch? Sie erzählen sich die ganze Zeit Dinge, die sie schon wissen, und versuchen dabei, jung rüberzukommen. LeFloid spricht seine Fans direkt an und das mit Redewendungen wie „Fick doch die Wand an“. Für die Altersgruppe der EU-Paramentarier klingt es ulkig, aber es ist authentisch und gefällt auch der Zielgruppe.

Hirnfresser-Amöbe im Bundestag: Hier geht‘s zum Porträt von Florian Mundt alias LeFloid.

Juchuuuh! – Titel, Teaser, Intro

Wie locken die Grünen ihr Publikum ins Video? So: Jan und Ska erscheinen und sagen „Hallo, da sind wir mal wieder, Jan und Ska aus Straßburg, live von der allerersten Sitzung der allerersten Legislatur!“ Das ist das Stichwort für Terry, als verrücktes Fröschchen von rechts ins Bild zu hopsen: „Juchuuh! Hi!“. Ein absoluter Hingucker, aber kein guter. Auch wenn‘s wehtut. Kein Mensch interessiert sich bei YouTube für das EU-Parlament. LeFloid zieht seine Schlüsse daraus, bettet das Thema in ein Magazinformat und verschweigt es in seinem Titel „Mal eben 33.000 EURO im Monat verdienen. / Elliot Rodger - Amoklauf, weil er noch Jungfrau war?“. Noch vor seinem cartoonigen Dubstep-Vorspann lässt er sich außerdem von einem eingeblendeten Kampfroboter erschießen. Ein toller Hingucker, aber wahrscheinlich ungeeignet für die grüne Klientel.

Schülergruppe vs. Jedi-Ritter: Bauten und Dekoration

Als Ska Keller einen komplizierten Monolog über den Parlamentspräsidenten aufsagt, fällt das Zuhören besonders schwer. Die Grünen haben sich fatalerweise vor einer Rolltreppe aufgebaut, auf die sich in diesem Moment eine träge Schülergruppe schiebt. Die Jugend guckt sich das Geschehen genauso lustlos an wie man selbst. Vermutlich durch das offensive Herumhopsen von Terry ist außerdem die Kamera ein bisschen verrutscht. Über den Parlamentariern ist noch Luft, dafür sieht man ihre Hände nur dann, wenn sie mit der Natürlichkeit des Teleshop-Verkäufers in die Luft gerissen werden. Mit einem Schlag versteht man die Merkel-Raute. In LeFloids Studentenbuden-Studio glotzt natürlich keiner ins Bild, mit Ausnahme eines lebensgroßen Jedi-Ritters, der für die soliden Interessen des Nachrichtenmanns bürgt.

Zonk! Bazoom! – die Postproduction

Versagen in der Postproduction ist bei YouTube tödlich. Wie es richtig gemacht wird, weiß LeFloid: In seinen Videos baut er Animationen ein, jagt sich per Trick in die Luft, kommentiert sich mit eingeblendeten Sprechblasen oder schreibt, wo der Anlass es erlaubt, in schöner Comic-Typo „Zonk“ übers Bild. Und – er beherrscht die Montage! Sein Beitrag über Martin Sonneborn im EU-Parlament ist etwa zwei Minuten lang, geschnitten er mehr als 30 Mal und das oft mitten im Satz. Dadurch entsteht ein Tempo, bei dem Terry, Ska und Jan sich vermutlich übergeben müssten. Ihr visuelles Konzept besteht darin, sich einfach drei Minuten vor der Kamera aufzubauen. Das Resultat kommt dann ungeschnitten ins Netz. Und offenbar ja auch unbesehen. Kein Wunder, wenn man dann als Teletubbie dasteht. (Unbedingt lesen: unser Sonneborn-Interview.)

„Gefällt mir!“ – Quote und Akzeptanz

Der Misserfolg in Zahlen: Terry, Jan und Ska wollen die YouTube-Zuschauer erreichen. Und immerhin: Das klappt! Ska Keller kann über 190.000 Zugriffe auf den Film verbuchen. Spektakulär viel, gemessen an der Zahl von 394 Fans, die ihren Kanal abonniert haben. Warum die 190.000 nicht auch Abonnenten werden, spiegelt die Bewertung: 158 Likes stehen 2105 gesenkte Daumen gegenüber. Zum Vergleich: LeFloid holt mit beinah zwei Millionen Abonnenten 830.000 Views, 71.000 Fans gefällt es, 664 Bewertungen sind negativ.


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