„Medialer Menschenhandel“ Beim Casting für Scripted-Reality-Formate

Von David Sarkar

Ein fast schon normales Bild: Wenn die Sender Rollen zu vergeben haben, stehen die Bewerber Schlange, auch wenn es wahrlich nicht viel zu verdienen gibt. Foto: ImagoEin fast schon normales Bild: Wenn die Sender Rollen zu vergeben haben, stehen die Bewerber Schlange, auch wenn es wahrlich nicht viel zu verdienen gibt. Foto: Imago

Braunschweig. Die Kölner Firma filmpool castet Laiendarsteller für Scripted-Reality-Formate. Kaum zu glauben, dass daran so viele Menschen freiwillig teilnehmen.

Etwas unsicher steht der breitschultrige Serkan (Name von der Redaktion geändert) vor einer kleinen Videokamera. Unter seinem Kinn hält er ein Pappschild, auf dem mit Edding sein Name geschrieben steht. „Ich heiße Serkan, bin 24 Jahre alt und komme aus Braunschweig“, sagt er und lässt das Schild fallen. Dann dreht er sich ins Profil.

Die Szene erinnert an eine erkennungsdienstliche Behandlung bei der Polizei. Doch der beidarmig Tätowierte muss nicht ins Gefängnis. Er ist freiwillig ins Mercure-Hotel nach Braunschweig gekommen. Er will ins Fernsehen. Den Traum teilt er sich mit neun anderen Bewerbern – beim Casting der Kölner Firma Filmpool.

1974 gegründet, produziert Filmpool heute 1500 Fernsehstunden pro Jahr. Rund 120000 Laiendarsteller hat Filmpool in seiner Kartei. Eingesetzt werden die öffentlichkeitshungrigen Kamera-Frischlinge für Scripted-Reality-Formate wie „Familienfälle“ (RTL) und „Familien im Brennpunkt“ (RTL), um prekäre Lebensumstände vor der Kamera nachzustellen. Wird ein Darsteller gebucht, erwarten ihn lange Drehtage für einen Hungerlohn.

4,50 Euro Stundenlohn

Bis zu 14 Stunden am Tag stehen die Darsteller vor der Kamera, pro Tag bekommen sie 60 Euro – ein Stundenlohn von rund 4,50 Euro. Dafür werden Fahrt- und Hotelkosten übernommen. „Das ist purer Stress. Für eine 45-Minuten-Folge hat man drei bis vier Tage Zeit, und die Bezahlung steht in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit. Das ist medialer Menschenhandel “, sagt der 24-jährige Max Wölke aus Hamburg, der vor einem Jahr für das Format „Verdachtsfälle“ vor der Kamera stand. Die kleine Gage und die noch kleinere Chance auf den großen Durchbruch halten Serkan und die anderen Casting-Teilnehmer jedoch nicht davon ab, den Schritt in die Untiefen der Nachmittagsunterhaltung zu wagen.

Doch bevor Serkan „spielen“ darf, steht erst mal sein Privatleben auf dem Programm. „Serkan, was geht bei dir? Was machst du so?“, fragt ihn ein gut gelaunter blonder Casting-Redakteur im Karohemd, der die Kunst beherrscht, seine Sprache auf die Bewerber abzustimmen.

„Alles gut so weit. Wie das Leben halt so ist. Immer auf und ab“, sagt Serkan. Früher habe er in einem Lager gearbeitet. Jetzt versuche er sich an einer Karriere als Rapper. „Bald möchte ich meine erste CD aufnehmen. Es läuft noch nicht rund, aber es wird“, berichtet er. Der Mittelpunkt seines Lebens sei jedoch sein zweijähriger Sohn. „Du bist aber früh Vater geworden! Habt ihr damals nicht aufgepasst?“, fragt die notorisch frech-fröhliche Casting-Assistentin, die alle Aussagen in einen Laptop hämmert. „Das mit dem Kind ist halt damals passiert. Leider ist die Beziehung mittlerweile kaputt, aber ich bin dennoch ein stolzer Vater“, erzählt Serkan in die Runde.

Wer beim Casting einen guten Eindruck hinterlassen will , sollte mit Angaben zu seinem Privatleben nicht geizen. Das wird schnell klar. Doch die Bewerber fügen sich bereitwillig. Das wird auch im Rollenspiel deutlich, dem Höhepunkt einer jeden Castingrunde.

Im Zusammenspiel mit dem Caster geht es darum, „verschiedene Facetten an Emotionen zu durchlaufen und zu zeigen“, wie es im Leitfaden heißt, den jeder Bewerber zu Beginn ausgehändigt bekommt. Dazu gibt es eine kurze Beschreibung der Spielszene. Prinzipiell könne man nichts Falsches erzählen: „Benutze DEINEN Wortschatz, DEINE Emotionen!! Versuche nicht, dich zu verstellen…Sei so, wie DU im ‚wirklichen Leben‘ auch bist“, empfehlen die Filmpool-Caster. Gesucht werden keine Schauspieler, sondern Menschen mit der Bereitschaft zur maximalen Emotion bei minimaler Vergütung.

Im Rollenspiel schlüpft Serkan für fünf Minuten in die Rolle eines mittellosen Prospektverteilers, der innerhalb kürzester Zeit alles verloren hat: Job, Wohnung und Freundin. Jetzt sitzt er auf der Straße und trifft nach einem Jahr Funkstille seinen Bruder wieder. „Was ist mit dir los? Warum bist du nicht arbeiten?“, fragt ihn der Caster. „Ich wurde gefeuert. Mein Chef hat gesagt, dass ich 2000 Euro aus der Firmenkasse gestohlen hätte. Aber das stimmt nicht“, sagt Serkan. Der Bruder provoziert ihn weiter. Er sei schon immer der coolere Typ gewesen.

„Du warst doch immer schon ein Weichei, der nichts gebacken bekommt“ schallt es dem Gescheiterten entgegen. Ein Wortgefecht entsteht, in dem der Bruder zugibt, das Geld gestohlen zu haben. „Du warst das, Alter? Was bist du für ein Arschloch? Du bist mein Bruder, Mann“, schreit Serkan. „Geh doch zu deiner Freundin“, rät der Caster. Das ist das Stichwort. Serkan sinkt auf einen Stuhl. Jetzt soll er trauern. „Sie hat mit mir Schluss gemacht. Ich vermisse sie so sehr. Sie war die Liebe meines Lebens“, schluchzt der 24-jährige Casting-Kandidat aus Braunschweig.

120000 Bewerber

Überraschung, Wut, Hass und Traurigkeit – Serkan versucht die gesamte Bandbreite seiner Emotionen zu zeigen. Er macht seine Sache gut. Das findet auch der Caster: „Das war super. Du bist richtig aus dir rausgekommen“, erhält Serkan sein Lob. Und lächelt. Sein Bewerbungsvideo wird er nie zu sehen bekommen. Es gehört jetzt Filmpool, samt der eingefangenen Gefühle.

Ungewiss bleibt auch, ob Serkan jemals vor einer Fernsehkamera stehen wird. Mit ihm warten noch 120000 andere Laiendarsteller auf die nächste Rolle. Und mit jedem Casting werden es mehr.