Udo Lindenberg ist topfit Ein Jogger stürmt die großen Stadionbühnen

Von Joachim Schmitz


Düsseldorf. Totgesagte leben länger: Udo Lindenberg ist mit 68 auf dem Höhepunkt seiner Karriere, spielt erstmals in Stadien und lockt mit vier Auftritten in Düsseldorf und Leipzig nahezu 200000 Fans in die Arenen. Dabei war er fast schon am Ende – als „hauptberuflicher Trinker“, wie er in unserem Gespräch freimütig einräumt. Wir unterhalten uns bei einer Zigarre im Düsseldorfer Hotel „Breidenbacher Hof“:

Udo, wir sitzen hier in dem Hotel, in dem Sie 1962 mal gearbeitet haben…

Ja, ich war 15, kam aus Gronau und habe hier angefangen als Kellnerlehrling, Liftboy und Page. Und ich hab die Aschenbecher sauber gemacht. Das war mein erstes Fenster in die große weite Welt. Und gleich eine große Bühne mit Leuten wie Maria Callas oder Yehudi Menuhin. Die sind hier ein und aus gegangen.

Es war damals also auch schon so ein edler Laden wie heute ?

Das war hier die gute Stube von Nordrhein-Westfalen. Und weil ich damals schon ein lecker aussehendes Kerlchen war, wurden mir Avancen gemacht – mal ’ne schnelle Mark machen und mit auf die Suite huschen. Von Damen und auch von Männern.

Verlockend, oder? Sie haben ja nur 50 Mark im Monat verdient...

Nichts da, ich bin ein keuscher Junge geblieben. Das bin ich ja bis heute (lacht). Das Gehalt habe ich mir mit Trinkgeld aufgebessert.

Hat’s Ihnen hier gefallen?

Na ja, ich kam ja allein nach Düsseldorf, mich kannte hier kein Mensch. Und ich werde nie vergessen, wie ich hier nachts durch diese nasskalten Straßen gezogen bin und überlegte, wo geht es lang im Leben? Ich bin von Kneipe zu Kneipe gezogen, immer allein, hatte so ein möbliertes Zimmer und auch ein bisschen Angst. Aus der Zeit weiß ich, wie sich Einsamkeit anfühlt.

Hatten Sie tatsächlich vor, ein Leben lang im Hotelgewerbe zu arbeiten, oder wollten Sie damals nur raus aus Gronau?

Natürlich wollte ich raus aus Gronau, eine Kellnerlehre machen, und dann wollte ich Schiffssteward werden. Rauf auf die dicken Kähne, die große weite Welt bereisen, als Entdecker unterwegs sein. Amazonas und all so was. Aber dann kam mir hier in Düsseldorf das mit der Musik dazwischen, diese Trommelei in der Altstadt. Mit 16 war ich dann Profi und habe zwölf Jahre lang den Profi-Trommler gemacht, bis hin zu Doldinger.

Waren Sie auch dabei, als Doldinger die „Tatort“-Melodie eingespielt hat?

Ja. Es gibt zwei Versionen davon, und bei der ersten spiele ich. Jeden Sonntagabend kannst du Udo hören.

Mittlerweile wohnen Sie seit 19 Jahren im Hamburger Hotel „Atlantic“. Kommt diese Hotel-Affinität aus der Zeit im „Breidenbacher Hof“?

Auf jeden Fall. Das Leben im Hotel ist für mich genau das Richtige. Da habe ich alles – meine Ruhe, wenn ich sie haben will, aber auch jede Menge total unterschiedliche Leute an der Bar, wenn ich das haben will. Mit denen kann ich über Texte, Shows und alles Mögliche reden, wann immer ich will. Das ist ein bisschen so wie eine WG.

Stimmt es eigentlich, dass Sie ein eigenes Kino im Hotel haben?

Ja, ein kleines Kino für zehn Leute, das die Hotelgäste auch mieten und sich Filme reinknallen können. Für mich ist das eine prima Sache – ich kann da Shows studieren, die mich interessieren.

Nächstes Jahr müssten es bereits 20 Jahre im „Atlantic“ sein...

Stimmt, schon wieder eine Sause. Das hört ja gar nicht mehr auf. Erst 40 Jahre Panikorchester, jetzt die ersten Stadionkonzerte und dann das. Alles gute Gründe für große Partys.

Die Jungs, mit denen Sie damals hier im „Breidenbacher Hof“ angefangen haben, sind mittlerweile alle pensioniert – und Sie rennen über Stadionbühnen...

Ich werde auch nie ein Rentier, sondern bleibe ein Renntier. Das hält mich fit und frisch, und das kann ich allen anderen auch nur empfehlen: Nicht aus dem Beruf aussteigen, sondern weitermachen, weil manche als Rentner doch sehr abschlaffen.

So eine Stadionbühne ist ja kein Balkon, da muss man sich schon richtig bewegen, um alle Fans gleichermaßen zu bedienen. Was für ein Fitness-Programm machen Sie?

Ich jogge in Hamburg um die Alster rum, das sind gute acht Kilometer. Ich bin ja nicht nur Nachtigall, sondern auch eine Gazelle. Und zwar eine mit Turbolader.

Mit welcher Kopfbedeckung?

Eine windschneidende Schnellmütze, so eine Rapper-Kapuze, natürlich aerodynamisch. Damit bin ich gut getarnt. Wenn mich einer erkennt, dann an meinem Gang und an meiner Schnute (lacht).

Was macht der Alkoholkonsum? Vorhin haben Sie mit Eierlikör gegurgelt, gerade trinken Sie ein alkoholfreies Weizen. Ist ja auch erst 16 Uhr...

Manchmal trinke ich gezielt Alkohol, aber nicht während meiner beruflichen Tätigkeit. Ich war in meinen Fünfzigern ja mal hauptberuflicher Trinker und sah auch entsprechend aus – wie ein Rock’n’Roll-Mops. Damals wog ich 93 Kilo, jetzt sind es wieder 67. Ich hatte einfach die Krise: Wie werde ich vom Teenager-Star zum Rock-Chansonnier? Es gab in Frankreich Charles Aznavour und Jaques Brèl, aber in Deutschland niemanden, an dem ich mich hätte orientieren können.

Wer war es denn, der damals den Schalter bei Ihnen umgelegt hat?

Den habe ich selber umgelegt. Irgendwann war’s einfach genug.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich war ein paar Mal im Krankenhaus, und der Notarzt wurde zu meinem ständigen Berater. Irgendwann dachte ich: Das kannst du der Welt nicht antun, Trauerwellen und Selbstmordwellen würden das Land überziehen, wenn ich abdanke. Die Nachtigall muss den Leuten noch ein bisschen erhalten bleiben. Ich hab den Entgiftungstropf abgemacht und bin wieder aufgestanden. Das waren schon zappelige Zeiten.

Sie haben also einen richtigen Alkoholentzug gemacht.

Ja klar, das musste schon sein.

Ein deutscher Mick Jagger sind Sie trotzdem nicht geworden – der macht Yoga und isst Müsli.

Stopp. Auf Ernährung achte ich auch. Ich nehme zum Beispiel keine Kohlenhydrate zu mir, so wie Bill Clinton das auch macht. Und Sport mache ich, habe ich ja schon gesagt – ich gehe joggen. Yoga ist bestimmt auch sehr gut, aber das mache ich nicht.

Ich habe auch gehört, dass Sie nachts im Hotelpool gerne mal zwei Kilometer schwimmen.

Das auch, aber lieber gehe ich rennen. Gehst du auch joggen?

Ja.

Und welche Strecken machst du?

Fünf Kilometer, das reicht mir vor der Arbeit.

He he, bei mir sind’s über acht, wenn ich um die Alster jogge.

Wo wir bei den alten Herren waren: Mick Jagger ist gerade Uropa geworden .

Das ist ein Glück, das mir bisher versagt geblieben ist (lacht). Ich habe ja nur einen Lindenzwerg in Ostberlin, und der ist geheim. Der will jetzt Rapper werden, aber aus sich selbst heraus, nicht im Windschatten oder Sternenstaub seines Vaters.

Was kommt nach den Open Airs? Im vergangenen Jahr war mal die Rede von einem Museum, der „Panik-City“. Ist das Projekt mittlerweile spruchreif?

Noch nicht, aber es sieht sehr nach dem Wilden Westen aus, also der Gegend hier.

Gibt’s dann auch einen neuen Film?

Der ist in Vorbereitung: Die Story vom kleinen Mats – ein westfälisch-amerikanischer Traum. Ich würde es jedem wünschen, dass so was mal abgeht in seinem Leben. Das ist wie ein Märchen.

Warum der kleine Mats?

Weil ich früher Mats hieß, als ich aus Gronau an der Donau kam. Im Film geht’s um die Zeit, bis er ein Star wird.

Wen können Sie sich in der Rolle vorstellen?

Wir haben noch keinen gefunden, wahrscheinlich machen wir ein Casting (lacht).

Die „taz“ hat Sie mal als den „erfolgreichsten nicht singenden deutschen Sänger“ bezeichnet.

Da ist ja was dran, ein Sänger in dem Sinne bin ich ja nicht. Ich bin zwar ein Meistersänger, aber nicht so, wie man das lernen kann. Du kannst auch Charakterdarsteller sagen. Meine Stimme ist wie ein Trecker, ordentlich geölt mit Whisky und Zigarren, bis sie so klang, wie ich sie haben wollte. Aber ich habe nicht eine Sekunde Gesangsunterricht gehabt, keinen Tanzunterricht, gar nichts. Ich war nur in der Baumschule.

Eine Frage muss ich noch loswerden: Wer ist der deutsche Nuschel-König – Til Schweiger oder Udo Lindenberg?

Nuscheln ist ja lässiges Sprechen, und Til Schweiger hat ja auch so seine Lässigkeiten. Wir liegen da beide gut vorne, Til und Udo – totes Rennen. Aber mein Gesang ist deutlich, weil ich Wert darauf lege, dass die Leute meine Texte verstehen.


Udo Lindenberg

wird am 17. Mai 1946 in Gronau als Sohn eines Installateurs und einer Hausfrau geboren und wächst dort zusammen mit einem älteren Bruder und zwei jüngeren Zwillingsschwestern auf. Mit 15 zieht er zu Hause aus, geht nach Düsseldorf, um eine Kellnerlehre im Hotel „Breidenbacher Hof“ aufzunehmen. Doch nicht einmal ein Jahr später ist er bereits als professioneller Musiker unterwegs, spielt in diversen Bands Schlagzeug, darunter so illustre Truppen wie Atlantis oder Klaus Doldingers Passport.

Anfang der Siebzigerjahre gründet er in Hamburg das Panikorchester und avanciert innerhalb kürzester Zeit mit Alben wie „Alles klar auf der Andrea Doria“ (1973) und „Ball pompös“ (1974 zu einem Topstar der deutschen Rockmusik, wobei er mit seinem nuschelnden Gesang als Erster die deutsche Sprache jenseits des Schlagers etabliert.

Im Laufe der Jahre werden seine Texte immer politischer, Lindenberg engagiert sich gegen Homophobie, Jugendarbeitslosigkeit, Kinder- und Jugendalkoholismus und Duckmäusertum. Er rockt gegen rechts, für Frieden, Abrüstung und Umweltschutz. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen und seinem Song „Sonderzug nach Pankow“ tritt er 1983 erstmals in Ostberlin und 1985 in Moskau auf. 1987 schickt er dem damaligen DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker einen offenen Brief und eine Lederjacke, als Gegengeschenk erhält Lindenberg eine Schalmei.

1989 wird er nach einem Herzinfarkt in einer Spezialklinik in Bad Oeynhausen behandelt, auch in den folgenden Jahren schlägt sich der exzessive Lebenswandel auf seine Gesundheit nieder. Doch Lindenberg erholt sich und feiert ein umjubeltes Comeback. Am 7. Juni 2014 gibt er in Düsseldorf das erste Stadionkonzert seiner Karriere, weitere folgen in Düsseldorf und Leipzig.

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