Die verlorene Generation Serienfans tauschen sich auf „serienjunkies.de“ aus

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Hollywoodschauspieler Kevin Spacey ist derzeit Hauptdarsteller in „House of Cards“, einer der beliebtesten US-Serien. Gerade wurde dort die zweite Staffel ausgestrahlt. Foto: dpaHollywoodschauspieler Kevin Spacey ist derzeit Hauptdarsteller in „House of Cards“, einer der beliebtesten US-Serien. Gerade wurde dort die zweite Staffel ausgestrahlt. Foto: dpa

Osnabrück. Immer wieder ist in diesen Tagen von einer seltsamen Spezies zu lesen, den Serienjunkies. Sie scheren sich nicht um Sendezeiten, einige von ihnen besitzen angeblich nicht einmal mehr einen Fernseher. Wer sind diese Menschen, und wo treiben sie sich herum? Natürlich im Internet.

Das Fernsehen läuft dem Trend hinterher, zumindest in Deutschland. Immer öfter werden Serien en bloc programmiert, im Wissen um das Konsumverhalten der jungen Serienfreunde. Doch die echten Fans haben ihre Lieblingsshows längst gesehen, wenn sie dann endlich ihren Weg ins deutsche Fernsehen gefunden haben – im Internet, auf illegale, halb legale, immer öfter aber auch auf legale Weise, in den Mediatheken, Video-on-demand- oder Streaming-Portalen, deren Zahl und technische Qualität weiter zunehmen. Einer Studie von ARD und ZDF zufolge schauen bereits rund 23 Millionen Onliner regelmäßig Videos im Internet.

Mit der Entwicklung, Serien direkt nach der US-Erstausstrahlung im Netz anzuschauen, kehrt paradoxerweise ein alter, fast vergessen geglaubter Mechanismus zurück: das Hinfiebern auf die nächste Folge. Bereits gesendete Staffeln werden vom gemeinen Serienfan gern am Stück verschlungen – im Jargon der Serienfreaks „Binge Watching”. Doch wer den neuesten Stoff will, frisch und warm aus der TV-Schmiede, der muss warten. Die Zeit bis zur nächsten Episode kann dennoch sinnvoll gefüllt werden. Mit dem Kommentieren, Spekulieren und Recherchieren zu den Hintergründen und Interpretationen rund um die laufenden Lieblingsserien. Für diese ungeduldige Zielgruppe gibt es mittlerweile mehrere Internetseiten, in denen News, Blogs, Podcasts und Serienplaner zur Verfügung stehen. Diese Seiten sind längst keine reinen Nischenprodukte mehr. So verzeichnet „serienjunkies.de“ monatlich etwa eine Million Neuaufrufe, die Kölner Konkurrenz „fernsehserien.de“ der Firma „imfernsehen.net“ nach eigenen Angaben gar vier Millionen.

Auch innerhalb dieser Szene differenziert sich das Publikum, und damit auch das Angebot, weiter aus. Während „fernsehserien.de“ ein breiteres Spektrum auch an deutschen Serien abdeckt, hat sich „serienjunkies.de“ auf US-Serien spezialisiert. Die Zielgruppe ist erklärtermaßen gebildet und zwischen 14 und 49 Jahren. In einer Studie von 2010, die auch auf der Seite veröffentlicht wurde, findet sich unter den beliebtesten Serien etwa von Studierenden keine einzige deutsche Serie.

US-Serien-Hit „Game of Thrones“

Diese Unterteilung erinnert stark an das gute alte Fernsehen. Besonders die Privatsender avisierten lange Zeit die Gruppe der 14- bis 49-Jährigen als Zielpublikum – der Werberelevanz wegen. Doch das Kapital, das die Werbekunden interessiert, verschiebt sich in der Alterspyramide immer weiter nach oben. Und so bedient das klassische Fernsehen immer stärker die Geschmäcker der Älteren, während das ehemalige Lieblingspublikum sich verstärkt dem Netz und den US-Importen zuwendet. Der Journalist und Entertainer Jan Böhmermann spricht von einer ganzen Generation, die das Fernsehen verloren hat.

Viele dieser verlorenen Generation finden ihr Zuhause auf Seiten wie „serienjunkies.de“. Als Anfang des Jahres eine vom US-Sender Fox und dem Konzern Vodafone in Auftrag gegebene Studie bei Serienkonsumenten ähnliche Entzugserscheinungen feststellte wie bei Opiatabhängigen, schien der Begriff des Serienjunkies endgültig wissenschaftlich untermauert. Die Probanden für die Studie wurden übrigens auch über das Forum von „serienjunkies.de“ rekrutiert.

Die Macher der Seite sind selbst große Serienfans. Das Portal begann als kleine Fanseite, die lediglich einen Überblick über die Serienlandschaft bieten sollte. Mittlerweile beschäftigt die Berliner Firma mehrere fest angestellte Redakteure und hat sich unter Medienschaffenden zu etwas wie einem Branchendienst gemausert.

Nicht nur Serienfans, sondern auch TV-Profis beziehen von hier Informationen, die über Twitter und andere Kanäle aus dem gelobten Serienland USA generiert werden. Zur Stoßzeit, wenn die US-Sender in den sogenannten „Upfronts“ den Werbekunden und der Weltöffentlichkeit verkünden, welche Sendungen fort- oder abgesetzt werden, müssen bei „serienjunkies.de“ sogar Nachtschichten geschoben werden, wie die „taz“ kürzlich berichtete.

Nicht zu verwechseln ist die Seite übrigens mit “serienjunkies.org”, wo Serien kostenlos zu haben sind – hier betreten die Fans man allerdings eine rechtliche Grauzone.

Besonders beliebt bei deutschen Serienfans sind „How I met Your Mother“ , „Game of Thrones“ , „House of Cards“ , „The Walking Dead“ und „Sherlock Holmes“ .


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN