Moderatoren gut vorbereitet Interviewsendungen im öffentlich-rechtlichen Radio

Zwölfzweiundzwanzig vom Rundfunk Berlin-Brandenburg mit Ingo Kahle, zu hören samstags von 12.22 bis 13 Uhr. Foto: RBBZwölfzweiundzwanzig vom Rundfunk Berlin-Brandenburg mit Ingo Kahle, zu hören samstags von 12.22 bis 13 Uhr. Foto: RBB

Osnabrück. Seit Sandra Maischberger von N-TV in die ARD wechselte, gibt es im deutschen Fernsehen kein bedeutendes regelmäßiges Interview-Format mehr. Das öffentlich-rechtliche Radio hingegen bietet täglich Sendungen, in denen eine Person ausführlich zu Wort kommt. Die besten Gespräche führt ein Berliner Journalist, der seinen prominenten Gästen nichts durchgehen lässt.

Es gibt viele Gründe, Roger Willemsen gut zu finden. Mit „Willemsens Woche“ hat er die beste Gesprächssendung im deutschen Fernsehen moderiert, er ist sozial engagiert, und dem Talkgast Willemsen verdanken wir Zitate wie: „In der Liebe betreibe ich Vielfelderwirtschaft.“ Gegen Roger Willemsen spricht aber eines: Seine Bücher sind voll von selbstverliebten Fremdwortgewittern, in denen die Erkenntnis umkommt.

Ihm das höflich ins Gesicht zu sagen, hat sich bislang niemand getraut. Und dann kam Ingo Kahle: „Wird es die Klofrau verstehen, wenn Sie über die CSU-Abgeordnete Dorothee Bär schreiben: ‚Das Flageolett ihrer Stimme färbt der fränkische Akzent‘?“

Seit 2006 moderiert Kahle beim Inforadio des RBB die Gesprächssendung „Zwölfzweiundzwanzig“ , in 37 Minuten befragt er Menschen zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Meinung hält er dabei nie hinter dem Berg. Dass etwa Roger Willemsen den ehemaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière „Vollzugsbeamter in Kriegsfragen“ nennt, weckt bei Kahle unangenehme Assoziationen: „Das ist nicht weit entfernt vom Schreibtischtäter, finde ich.“

Roger Willemsen war schon in praktisch jeder Interview-Sendung im deutschen Radio zu Gast, in vielen mehrfach, deshalb taugt er als Vergleichsmaßstab. Fazit: Glänzen durfte er überall – gefordert wurde er nur von Ingo Kahle. Dem 63-jährigen Journalisten sind alle Formen von Übertreibung, von überzogenen Erwartungen und Unsachlichkeit zuwider. Seinem Gesprächsgast Willemsen haut er deshalb so lange Beispiele aus dessen Bestseller „Das Hohe Haus“ um die Ohren, bis der entnervt sagt: „Das ist jetzt ein solcher Kleinkram!“

Das kann man so sehen. Man könnte aber auch sagen, dass Ingo Kahle unter deutschen Interviewern eine riesige Ausnahme ist; weil er sich exzellent vorbereitet, weil er ein Buch nicht nur als Anlass, sondern als Grundlage eines Gesprächs versteht und weil er nicht dieselben öden Fragen wie alle anderen stellt.

Das hohe Niveau von „Zwölfzweiundzwanzig“ erreichen nur wenige Sendungen. Eine von ihnen ist „Fragen an den Autor“ , die seit 1969 im Saarländischen Rundfunk läuft. In jeder Ausgabe wird ein Sachbuch vorgestellt, fester Moderator ist seit 1999 Jürgen Albers. Als Redakteur und Moderator betreut er die Sendung bereits seit 1982, viele Saarländer sind mit ihm aufgewachsen. Genau wie Ingo Kahle ist Jürgen Albers stets hervorragend vorbereitet, nicht selten kennt er das vorgestellte Buch besser als der Verfasser.

„Fragen an den Autor“ hat übrigens zwei Podcast-Seiten: Die eine listet die aktuellen Ausgaben auf, die andere ausgewählte „Klassiker“ . Der überstrapazierte Begriff ist hier angebracht, denn wer sich für die jüngere Kulturgeschichte der Bundesrepublik interessiert, bekommt bei diesem Angebot feuchte Augen.

Neben „Zwölfzweiundzwanzig“ und „Fragen an den Autor“ gibt es noch viele andere gute Interview-Sendungen in den Hörfunksendern der ARD. Hörenswert sind auf jeden Fall „Redezeit – Neugier genügt“ auf WDR5, „Eins zu Eins“ auf Bayern 2 und „Doppelkopf“ auf HR2 Kultur.

Alle erwähnten Sendungen sind auf den Internet-Seiten der jeweiligen Sender oder zum Beispiel unter www.podcast.de zu finden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN