Die Auflage steigt beständig Giovanni di Lorenzo erklärt den Erfolg der „Zeit“

Seit April erscheint „Die Zeit“ mit einem Lokalteil für Hamburg und hat dadurch 15000 Probeabos hinzugewonnen. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ist zufrieden, aber nicht satt. Foto: dpaSeit April erscheint „Die Zeit“ mit einem Lokalteil für Hamburg und hat dadurch 15000 Probeabos hinzugewonnen. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ist zufrieden, aber nicht satt. Foto: dpa

Osnabrück/Hamburg. Die Auflage steigt seit Jahren: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ ist nahezu die einzige Zeitung in Deutschland, die sich mit ihrem Printprodukt über wachsende Leserzahlen freuen kann. Ein Gespräch mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo beleuchtet die Gründe des Booms.

Das Blatt aus Hamburg schloss das Jahr 2013 mit der höchsten Auflage ab , die es je in einem vierten Quartal erreicht hat. Und durch den neuen Lokalteil für die Stadt an der Elbe gewann sie allein dort seit Anfang März dieses Jahres 15000 Probeabos hinzu. Schon die letzte Seite ist etwas Besonderes.

Leser beteiligt

Dort, wo bei anderen Blättern häufig die Todesanzeigen stehen, befindet sich bei der Hamburger Wochenzeitung das Ressort „Die Zeit der Leser“. Seit dem 31. März 2010 ist hier zu entdecken, was die Leser im Alltag beglückt, so in der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“. Zudem senden sie Fotos ein, die den Lauf der Dinge dokumentieren, befassen sich mit Lieblingsbegriffen und formulieren bekannte Gedichte um.

Nein, wehrt Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit unserer Zeitung ab, den Stein der Weisen habe „Die Zeit“ nicht gefunden. „Wir spüren auch einen Einbruch am Kiosk, beim Einzelverkauf. Nicht aber bei den Abonnements. Die steigen“, sagt der Chefredakteur der Wochenzeitung. Im August hat er diesen Posten seit zehn Jahren inne.

Erstmals am 21. Februar 1946 gedruckt, hat „Die Zeit“ heute eine Auflage von 515500 Stück und erreicht wöchentlich etwa 1,6 Millionen Leser. Das war lange nicht abzusehen. So wurde das Lieblingsblatt des Verlegers Gerd Bucerius zu Beginn querfinanziert: Die Gewinne des Magazins „Stern“ subventionierten mehr als 20 Jahre lang „Die Zeit“.

„Ich mach auch richtig peinliche Sachen“, sagt Giovanni di Lorenzo auf die Frage, wie die Auflage gesteigert wird. Wenn er im Bahnhofskiosk sieht, dass jemand die aktuelle Ausgabe betrachtet und dann doch nicht kauft, erkundigt er sich nach dem Grund. „Erst sind sie erschrocken, aber dann sprechen wir darüber“, sagt der Chefredakteur mit Vertriebsambitionen.

Die aktuellen Erfolge führt di Lorenzo auf drei Aspekte zurück. Erstens: „So schrecklich es war, es hat uns geholfen, in den Abgrund geschaut zu haben.“ Allerdings blickt er dabei nicht auf die Anfänge zurück, sondern auf eine Krise des Blattes zu Beginn dieses Jahrtausends. Damals habe die Redaktion am Fortbestand arbeiten müssen und einiges daraus gelernt, aber: „Es kann sein, dass sich der Erfolg in zwei Monaten schon umkehrt.“

Erfolgskriterium Nummer zwei sei die Erweiterung des Angebots. Dazu zählen Hefte wie „Zeit Campus“ für Studenten, das Kindermagazin „Zeit Leo“, Diskussionsrunden zu aktuellen Fragen, eine eigene Bildungsakademie und der Zeit Wissen-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“.

Zudem wartet das Blatt immer wieder mit neuen, zum Teil ungewöhnlichen Ressorts auf, die sich an Leserinteressen orientieren. Dazu gehört die „Zeit der Leser“ und seit einem Jahr eine Fußballseite, die zu Beginn heftig diskutiert wurde. Derzeit hat „Die Zeit“ 13 Ressorts.

„Wir versuchen, uns neuen gesellschaftlichen Themen zu öffnen“, nennt di Lorenzo den dritten Punkt, den er für erfolgsbegründend hält: „Dadurch haben wir auch Leser gewonnen, die sonst Manschetten hatten, ,Die Zeit‘ zu lesen.“ Angstfrei stelle sich die Redaktion der Leserforschung: „Wir betreiben aber keinen Quotenjournalismus“, betont er.

Und die Leser? Sie schätzen das Blatt für hohe Qualität, Glaubwürdigkeit und konträre Meinungen. Der Satz der einstigen Chefredakteurin und Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff – „Wir wollen den Leser nicht indoktrinieren“ – gilt bis heute.

Politiker, Sportler, Künstler öffnen sich zuerst in der „Zeit“ zu persönlichen Themen. So Uli Hoeneß wegen seiner Geldgeschäfte, Helmut Dietl wegen seiner Krebserkrankung, und der ehemalige Fußballspieler Thomas Hitzlsberger outete sich als schwul.

Das liegt sicherlich auch daran, dass „Die Zeit“ Menschen nicht in ihrer Persönlichkeit angreift, wenn sie in ihrem Leben einmal Mist gebaut haben. Meistens zumindest. Jüngst allerdings mutmaßte eine „Zeit“-Redakteurin in einem Bericht über den Politiker Sebastian Edathy, gegen den wegen Kinderpornografie ermittelt wird: „Sein Jagdhund Felix, der in seinem Appartement auf ihn wartete, muss für ihn eine Art große Liebe gewesen sein.“ Der Satz sei grenzwertig, weil die Autorin das offenbar nicht genau wisse, meint di Lorenzo. Den Gedanken aber, dass dieser Satz Edathy in die Nähe von Sodomie rücken würde, bezeichnet er als überkorrekt.

Man nimmt sich Zeit

Zum Erfolg des neuen Lokalteils vermag di Lorenzo jetzt noch nichts zu sagen. Das müssten die kommenden Ausgaben zeigen. Und vielleicht ist genau dies das Erfolgsgeheimnis der „Zeit“: Die Zeit, die sich Verlag und Redaktion nehmen, um auf Themen und Leser zu blicken. Die Zeit, die es braucht, um am Blatt, an fundierten Beiträgen und an der Entwicklung weiterer Angebote zu arbeiten, um dauerhaft ein gutes Produkt anzubieten – und für die Leser eine Inspirationsquelle zu sein.


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