Elf Tote WDR-Doku: Amoklauf an einer deutschen Schule

Von Reinhard Lüke

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Köln. Die Dokumentation „Der Amoklauf von Volkhoven – Protokoll einer Katastrophe“ erinnert im WDR Fernsehen zu später Stunde an den ersten Amoklauf an einer deutschen Schule vor 50 Jahren.

Der 11. Juni 1964 ist ein sonniger Tag im ländlichen Kölner Vorort Volkhoven. In der örtlichen Volksschule haben Kinder und Lehrer gerade die erste Stunde hinter sich gebracht, als ein Mann in Arbeitskleidung mit seltsamen Gerätschaften den Schulhof betritt, auf dem gerade Turnunterricht stattfindet. In der einen Hand trägt er eine Lanze, in der anderen ein langes Rohr, das durch einen Schlauch mit einem Metallbehälter verbunden ist, den er auf dem Rücken trägt. Die Kinder schauen den Mann neugierig an und halten ihn für einen Handwerker oder Gärtner. Doch als der Fremde sich ihnen wortlos bis auf ein paar Meter nähert, schießt plötzlich ein gewaltiger Feuerstrahl aus dem merkwürdigen Rohr, und für Schüler und Lehrer beginnt ein zwanzigminütiger Albtraum, den elf Menschen nicht überleben werden. Unter ihnen auch der Täter, der noch auf dem Schulhof das Pflanzenschutzgift E 605 zu sich nimmt, woran er am Abend desselben Tages stirbt.

Der Mann, der von den Boulevardmedien am Tag darauf als „Flammenteufel“ und „Bestie“ tituliert wird, ist in Volkhoven kein Unbekannter. Walter Seifert, zum Zeitpunkt der Tat 42 Jahre alt, wohnt selbst in dem Ort, hat aber kaum Kontakt zu seinen Nachbarn und gilt als verbitterter Eigenbrötler.

Horrorszenario

Nach dem Krieg ging er in den Polizeidienst, wurde jedoch nach einem Jahr wieder entlassen, weil man bei ihm Tuberkulose diagnostiziert hatte. Danach lieferte er sich erfolglos einen jahrelangen Rechtsstreit mit den Behörden, die sich weigerten, seine Krankheit als Folge seiner Kriegsgefangenschaft anzuerkennen und ihm eine höhere Rente zu gewähren. Zudem verstarb während dieser Jahre auch noch Seiferts Ehefrau bei einer Fehlgeburt.

Warum der Mann seinen Frust am 11. Juni 1964 mit einem selbst gebauten Flammenwerfer ausgerechnet an Kindern und Lehrern ausließ, die für sein Unglück nun wirklich nichts konnten, vermag auch die Dokumentation von Lothar Schröder nicht zu klären. Stattdessen rekonstruiert der Film anhand von Archivbildern, Polizeiakten und Erinnerungen von Zeitzeugen minutiös den monströsen Tathergang. Vor allem in den Schilderungen der ehemaligen Schüler, die zum Teil bis heute auch körperlich gezeichnet sind, wird das ganze Ausmaß des Horrorszenarios deutlich.

„Ich dachte, draußen wäre irgendein Indianerspiel im Gange, als ich vor dem Fenster schreiende Kinder mit seltsam leuchtenden Köpfen vorbeilaufen sah“, erinnert sich eine Frau. Eine andere erklärt, dass sie bis heute keine offenen Kamine, Kerzen und Grills ertrage. Hinzu kommen die bewegenden Aussagen einer ehemaligen Krankenschwester und eines Pflegers, die damals 28 Kinder mit schwersten Verbrennungen im Krankenhaus betreuten, von denen acht ihr Martyrium nicht überleben sollten.

Über die Tat hinaus erzählt der Film aber auch ein Stück Zeitgeschichte der 60er-Jahre. Da ist von Polizeibeamten ohne Führerschein die Rede, von fehlender psychologischer Betreuung, von Krankenhausvorschriften, die ein halbes Jahr lang Eltern den Zugang zu ihren verletzten Kindern verwehrten, und von Journalisten, die nicht unbedingt durch Taktgefühl glänzten. Da hält in einer Archivsequenz beispielsweise ein Fernsehreporter einer unverletzten Schülerin unmittelbar nach der Tat ein Mikro unter die Nase, und der örtliche Pfarrer erinnert sich noch heute an eine sensationslüsterne Pressemeute: „Wir mussten vor allem die verzweifelte Mutter des Täters, die auch in Volkhoven wohnte, vor den Journalisten schützen.“

Eine bewegende Dokumentation anlässlich des 50. Jahrestages dieses ersten Amoklaufs an einer deutschen Schule, an der nur ein paar effekthascherische, gänzlich überflüssige szenische Nachstellungen ärgerlich sind.

Der Amoklauf von Volkhoven, WDR, Freitag, 6. Juni, 23.15 Uhr.


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