Doppeltes Kinderzimmer Bewegende 37-Grad-Doku über Trennungskinder im ZDF

Von Reinhard Lüke



Osnabrück. Zumindest in Großstädten sieht man zunehmend häufiger Kinder, die freitags auf dem Weg zur Schule nicht nur ihren Ranzen dabei haben, sondern auch kleines Reisegepäck mit sich führen. Die Taschen oder kleinen Koffer sind weniger ein Hinweis für einen Wochenendtrip, sondern Erkennungsmerkmal für Scheidungskinder, die mal bei dem einen, mal bei dem anderen Elternteil leben. Freitag ist Wechseltag. Das ZDF nimmt sich dieses Themas heute Abend in der Reihe „37 Grad“ an.

Rund 150000 Kinder pro Jahr erleben in Deutschland das Scheitern ihrer Familien. Wobei der Regelfall trotz gemeinsamen Sorgerechts hierzulande noch immer so aussieht, dass die Kinder nach der Trennung bei der Mutter bleiben und alle vierzehn Tage ein Wochenende beim Vater verbringen. Männer machen gerade einmal zehn Prozent der Alleinerziehenden aus. Aber es gibt auch zunehmend Paare, die sich die Betreuung ihrer Kinder auch nach der Scheidung paritätisch teilen. Vorausgesetzt, die beruflichen und räumlichen Situationen von Vater und Mutter lassen es zu.

So wie bei Andreas und Ines, die nach ihrer Trennung in nicht weit von einander entfernten Wohnungen in der Nähe von München leben und das sogenannte „Doppelresidenz-Modell“ praktizieren. Ihre beiden achtjährigen Zwillinge Moritz und Paul ziehen alle paar Tage um. Mit kleinem Gepäck. Denn natürlich gibt es bei diesem Modell Kinderzimmer und vieles andere doppelt.

Das Beste wollen für die Kinder

In der Reportage aus der Reihe 37 Grad von Ulrike Schenk schildern Andreas und Ines eindrucksvoll, welche Probleme dieses Modell mit sich bringt, obwohl sich beide sicher sind, dass es für sie und ihre Kinder das Beste ist. Solange sie noch zusammen waren, hat sich vorwiegend die Mutter um die Zwillinge gekümmert. Nach seinem Auszug musste der Vater nicht nur lernen, wie man eine Waschmaschine bedient, sondern sich vor allem erstmals mit dem Alltag seiner Söhne vertraut machen. Hilfe bei den Hausaufgaben leisten, Termine beim Kinderarzt wahrnehmen, die Jungs zum Training fahren.

Zudem wird deutlich, dass die gemeinsame Kinderbetreuung in getrennten Wohnungen nur funktioniert, wenn die Partner mindestens so viel miteinander reden wie vor der Scheidung. Aber selbst das garantiert noch längst keinen reibungslosen Ablauf. Denn Moritz und Paul hoffen noch immer inständig, dass alles wieder so wie früher wird. Demonstrativ decken sie den Tisch vor jeder Mahlzeit für vier Personen, und auf die Frage nach ihren Geburtstagswünschen betteln sie: „Dass wir noch einmal alle zusammen in den Urlaub fahren!“ Eine wahrlich beklemmende Szene des Films. Einerseits täten Andreas und Ines nichts lieber, als ihren Kindern den Herzenswunsch zu erfüllen. Andererseits wissen sie, dass solch ein Urlaub bei den Zwillingen nur die Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung nähren würde. Die sie beide nicht wollen.

Auf das Sorgerecht verzichtet

Sorgen, die Markus aus Mainz, der zweite Vater, der in dieser Reportage zu Wort kommt, liebend gern hätte. Er hat seinen sechsjährigen Sohn Daniel seit dessen Geburt nur elfmal gesehen. Und das auch immer nur für ein, zwei Stunden. Mehr Zeit gewährt ihm die Kindsmutter, mit der er nie verheiratet war, nicht. Das Problem: Als die Beziehung gleich nach Daniels Geburt in die Brüche ging und seine Ex-Partnerin nach Fehmarn zog, verzichtete Markus trotz anerkannter Vaterschaft auf sein Sorgerecht, weil er es für seinen Sohn für das Beste hielt, wie er sagt. Was er inzwischen zutiefst bedauert. So hat er heute nur ein Umgangsrecht , dessen Durchsetzung er wegen der gänzlich unkooperativen Mutter vor Gericht erkämpfen will.

Der sehenswerten Reportage gelingt es vorbildlich, in nur dreißig Minuten anhand zweier Fälle die vielfältigen Probleme aufzuzeigen, die getrennt lebende Eltern und vor allem deren Kinder haben. Wobei die Autorin wohltuend auf Statistiken, Off-Kommentar und Expertenmeinungen verzichtet und sich ganz auf ihre Protagonisten konzentriert.

37 Grad: Ich will trotzdem Vater sein! ZDF, 22.15 Uhr


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