Was schreibt die Frau in ihrem Blog? Günther Jauch: Carina Kühne mit Downsyndrom aufs Podium

Günther Jauch redet nicht nur übers Downsyndrom, mit Carina Kühne hat er auch eine Betroffene auf dem Podium. Wir stellen sie vor. Foto: ImagoGünther Jauch redet nicht nur übers Downsyndrom, mit Carina Kühne hat er auch eine Betroffene auf dem Podium. Wir stellen sie vor. Foto: Imago

Berlin. Talk als Inklusion: Günther Jauch spricht nicht nur über Menschen mit Behinderung; mit Carina Kühne holt er eine junge Frau mit Downsyndrom direkt auf sein Podium. Wer ist dieser Talk-Gast? Ein Blick in ihren Blog.

„Ich höre immer aber, aber, aber“, sagt Carina Kühne. Da ist Günther Jauchs Talk zum Thema „Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium - Freie Schulwahl für behinderte Kinder“ fast schon vorbei. Ihre ansteckende Lust an der Inklusion war das stärkste Argument der Sendung. Carina Kühne schlug die Bedenken von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. Und sie überzeugte auch mehr als die routinierte Journalistin Kirsten Ehrhardt, die für ihr Down-Kind Henri einen Platz auf dem Gymnasium erstreiten will und die damit die Debatte angestoßen hat.

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Dabei geht Kühne nicht weniger vorbereitet in die Diskussion als Ehrhardt. Beiden merkt man an: Ihr Leben in einer Gesellschaft, die neun von zehn Down-Kindern abtreibt, ist ein beständiger Kampf. Ehrhardts Argumente sind deshalb immer abrufbar. Und auch vieles von dem, was Carina Kühne bei Jauch vorbringt, hat sie in ihrem Blog ähnlich vorformuliert. Womöglich wirkt Kühne also nur deshalb gewinnender, weil hier eine Behinderte selbst spricht. Damit macht sie erlebbar, was die Journalistin nur abstrakt mitteilen kann: „Menschen mit Behinderung sind eine große Bereicherung. Und nur jeder zweite in Deutschland macht übers Jahr diese Erfahrung.“

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Jauch verbessert das mit seinem Talk zumindest ein bisschen. Hier streitet Kühne für ihr Anliegen, mischt sich ins Gespräch und berichtet von ihrem Bildungsweg: Die Hauptschule hat sie mit einem Notenschnitt von 2,3 abgeschlossen. Mit einer Eins war sie in Englisch sogar die Beste. Auf ihrem Blog schildert sie die Widerstände, die sie zu überwinden hatte: „Der Fachberater hatte gemeint, dass ich am Englischunterricht nicht teilnehmen könnte, sondern mit meinem Sonderpädagogen in der Ecke sitzen müsste. Aber das war ein Irrtum.“ Carina Kühnes Fazit: „Ich leide mehr unter Ablehnung als unter der Behinderung.“

Zur Sonderschule nur als Praktikantin

Bei Jauch spricht Kühne sich zwar nicht gegen Sonderschulen überhaupt aus, sehr vehement aber gegen die Zwangseinweisung auf diese Schulform. Tatsächlich war sie selbst einmal in einer Sonderschule - als Praktikantin. In ihrem Blog beschreibt sie ihren Eindruck so: „Die Schule war super toll ausgestattet und einmal in der Woche fuhr die Klasse mit dem Bus zum therapeutischen Reiten. So etwas hätte ich auch gerne in meiner Schule gehabt. Trotzdem bin ich sicher, dass es für mich gut war, in eine ganz normale Schule mit normalem Unterricht zu gehen.“ Und warum? „Die Kinder in der Sonderschule werden super betreut aber sie lernen kaum Kulturtechniken.“

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Die Blog-Zitate stammen alle aus einer Kurzbiografie, die Kühne vor fünf Jahren – damals war sie 25 – über sich selbst geschrieben hat. Sie beginnt ihren Text mit der hohen Abtreibungsrate von Down-Kindern und berichtet, was ihre Mutter und ihr Vater ihr später erzählt haben: „Auch meine Eltern waren sehr traurig, als sie erfuhren, dass ich eine Behinderung habe“, schreibt sie. „Meine Eltern hatten Angst vor der Zukunft.“ Die Angst versteht sie; aber sie fragt auch, warum nur Down-Kinder sie auslösen sollen: „Keiner weiß, ob ihm morgen nicht ein Stein auf den Kopf fällt. Die meisten Behinderungen erwirbt man irgendwann im Laufe des Lebens.“

Demnächst in Ihrem Kino: Carina Kühne will Schauspielerin werden

Bei Jauch hat Carina Kühne angekündigt, dass sie neuerdings vielleicht doch nicht mehr in einen pädagogischen Beruf möchte, sondern Schauspielerin werden will. In einem Film - „Be my baby“ - wird sie demnächst tatsächlich zu sehen sein. Damit setzt sie um, was in ihrer Bloggeschichte aus dem Jahr 2009 noch eine abstrakte Überlegung war: „Vielleicht würde sich ja in unserer Gesellschaft etwas ändern, wenn es mehr Filme gäbe, in denen behinderte Menschen mitspielen und wenn es nicht so viele Behinderteneinrichtungen am Stadtrand gäbe. Wir gehören dazu!“


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