Interview mit dem „Tatort“-Star Ist Lena Odenthal lesbisch, Frau Folkerts?

Nanu! Sind wir im falschen Film? Ulrike Folkerts ist am kommenden Sonntag im Zweiten statt im Ersten zu sehen – als trauernde Verliebte in der Romanze „Ein Sommer in Amsterdam“. Foto: dpaNanu! Sind wir im falschen Film? Ulrike Folkerts ist am kommenden Sonntag im Zweiten statt im Ersten zu sehen – als trauernde Verliebte in der Romanze „Ein Sommer in Amsterdam“. Foto: dpa

Berlin. Ulrike Folkerts im Interview: Wann hat die „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal ihr Coming-out als Lesbe? Und was taugen die Drehbücher des „Tatort“ aus Ludwigshafen? Die Schauspielerin redet Klartext.

Am kommenden Sonntag macht Ulrike Folkerts dem „Tatort“ Konkurrenz: In der ZDF-Romanze „Ein Sommer in Amsterdam“ (ZDF, 25. Mai, 20.15 Uhr) spielt sie eine Frau auf der Suche nach dem Resultat ihrer Eizell-Spende. Im Interview spricht sie über den verblüffenden Rollenwechsel, 25 Jahre als Ermittlerin und den Kampf gegen schlechte „Tatort“-Bücher. Wann Lena Odenthal ihr Coming-out hat und wann die Figur stirbt, verrät sie auch: Nie!

Frau Folkerts, in „Sommer in Amsterdam“ werden Sie mehrfach als bekiffte Deutsche bezeichnet – wie viel Wahrheit steckt im Dialog?

Amsterdam riecht nach Gras, aber ich vertrage es nicht. Ich habe es in meinem Leben mehrmals versucht. Es geht nicht. Vom Kiffen falle ich in Ohnmacht, und nach dem Erwachen geht es mir vier Stunden schlecht. Das ist nicht das, was ich mir von einem Rausch verspreche. Insofern muss ich den Zustand beim Drehen mit einem angenehmen Schwips vergleichen.

Hatten Sie denn mit anderen nationalen Rauschmitteln Kontakt: halluzinogenen Frikandels zum Beispiel? Die holländische Küche hat ja manchen Abgrund parat.

Ich war natürlich fest in den Händen des deutschen Caterings. Was mich aber fasziniert hat, sind die Lebensmittelautomaten, die es dort überall gibt. Ich habe mich nicht rangetraut. Es weiß ja keiner so genau, was da drin ist - und wie lange schon. Nachts ist das aber hochfrequentiert.

Wahrscheinlich von den heißhungrigen Kiffern! Ein Amsterdamer Geschäft haben Sie fotografiert und bei Facebook gepostet - weil eine Katze im Schaufenster döst.

Für genau diese Chaos-Kioske liebe ich die Stadt. In Amsterdam gibt es lauter kleine Lädchen, die das absolute Gegenprogramm zu den Supermarkt-Ketten anbieten. Herrlich!

Im „Tatort“ sind Sie auch mit einer Katze assoziiert; bei Facebook habe ich viele Hunde fotos entdeckt.Im „Tatort“ sind Sie auch mit einer Katze assoziiert; bei Facebook habe ich viele Hunde fotos entdeckt.Im „Tatort“ sind Sie auch mit einer Katze assoziiert; bei Facebook habe ich viele Hunde fotos entdeckt.Im „Tatort“ sind Sie auch mit einer Katze assoziiert; bei Facebook habe ich viele Hunde fotos entdeckt.Im „Tatort“ sind Sie auch mit einer Katze assoziiert; bei Facebook habe ich viele Hunde fotos entdeckt.

Das ist ein Leih-Hund, ein Labrador-Mix, den ich mir immer zum Joggen ausborge. Er gehört einer Freundin, und ich kenne ihn quasi seit Welpentagen. In meinem Beruf kann ich mir nicht guten Gewissens einen eigenen Hund zulegen, jedenfalls keinen, der viel Auslauf braucht – der langweilt sich am Set.

Ist Facebook für Schauspieler heute Pflicht?

Es gibt in der Branche Leute, die es einem raten, damit man die Zuschauer erreicht. Aber ich bin nicht der Mensch, der jedes Mal einen Post schreibt, weil er mit der Zeitung auf dem Klo sitzt. Ich bin vorsichtiger und bewirtschafte auch noch ganz bescheidene Zahlen. Aber es fängt an, mir Spaß zu machen.

Til Schweiger hat gerade die Marke der Gefällt-mir-Million gerissen. Der postet allerdings auch Fotos, auf denen seine Katze Kapuzenshirts trägt und der Hund seiner Tochter eine raucht.

Schweiger ist ein Kommunikationsmensch; und das beherrscht er auch im Internet gut.

Ihre Figur im ZDF-Film sagt: „Ich brauche viel Liebe, hasse Lügen und laue Gefühle, und ich liebe Menschen, die nicht den kürzeren, sondern den schöneren Weg gehen.“ Stammt das aus Ihrem eigenen Buch über das Glück?

Das nicht, aber den letzten Satz finde ich wirklich gut. Der kürzere Weg ist bequemer, weil bekannt und sicherer. Da passiert mir nichts– weil überhaupt nichts passiert. Der schönere Weg ist neu, aufregend, voller Überraschungen, dauert länger, fordert Mut und eröffnet neue Perspektiven. Den würde ich auch wählen.

Mit dem ZDF-Herzkino haben Sie ja auch wirklich gerade einen völlig neuen Weg eingeschlagen.Mit dem ZDF-Herzkino haben Sie ja auch wirklich gerade einen völlig neuen Weg eingeschlagen.Mit dem ZDF-Herzkino haben Sie ja auch wirklich gerade einen völlig neuen Weg eingeschlagen.

Und es war für mich nicht eindeutig, ob ich es machen soll. Der Sonntagabend hat im zweiten Programm ein ganz anderes Publikum als im Ersten beim „Tatort“. Da geht’s um Romantik und ums Happy End. Will ich das? Warum nicht! Die Geschichte fand ich sehr skurril: Eine Frau macht sich auf die Suche nach dem Kind, das vor über 20 Jahren aus ihrer Eizellenspende entstanden ist. Ihre Motivation ist aber die Trauer um das eigene tote Kind – und bei diesem Thema konnte ich andocken.

Sie berufen sich für Ihre Rolle auf Gespräche mit einer Mutter, die wirklich ihr Kind verloren hat – legt der „Sommer in Amsterdam“ es etwa auf realistische Psychologie an?

So wie Sie fragen, finden Sie die Psychologie offenbar seltsam! Es liegt vielleicht an der Erzählweise. Wir zeigen meine Figur immer wieder im Gespräch mit ihrer toten Tochter, weil das Kind für sie noch präsent ist. Das ist ein filmisches Mittel für einen Vorgang, den ich wirklich realistisch finde. Die Toten sind ja nicht einfach so weg, man lebt mit ihnen weiter.

Bestimmt. Aber berichtet man seinem neuen Flirt ausgerechnet dann von seinem Trauma, wenn man barfuß durch die Springbrunnen Amsterdams spaziert? Da finde ich die Melo-Romanze sehr versöhnlich.

Ich glaube, dass meine Figur nicht über den Tod der Tochter hinweggetröstet wird – und schon gar nicht durch die neue Liebe. Was ihr Hoffnung gibt, ist die Tatsache: Es gibt aus ihrer Eizelle einen Sohn, der lebt und fröhlich ist. Aber Ihr Begriff der Melo-Romanze gefällt mir ganz gut. Als solche richtet sich der Film natürlich an ein bestimmtes Publikum, das bei dieser Geschichte anders mitgeht als ein Krimi-Publikum, zu dem Sie wahrscheinlich gehören.

Suchen Sie bewusst den Bruch zur „Tatort“-Kommissarin?

Ich habe Lust das Publikum zu überraschen. Den Herzkino-Fernsehabend erwartet keiner von mir. Ein Grund mehr, es zu machen! Man verbindet etwas ganz anderes mit mir: Krimi, am besten mit gesellschaftlicher Relevanz.

Zumal Sie ungeheuer lange beim „Tatort“ dabei sind.

25 Jahre. Im Oktober läuft beim „Tatort“ Lena Odenthals Jubiläumsfall: „Blackout“.

Wird es was Besonderes?

Es geht mehr um Lena Odenthal als um den Fall. Es gibt den Tag X, an dem die eine Leiche die eine zu viel ist – und die Kommissarin in eine Krise gerät. Und dann fragt diese Frau sich: Will ich so weiter- machen? Muss ich mein Umfeld ändern? Meine Einstellung zum Job? Mein ganzes Leben? Es wird eine Folge, in der Lena viel nachdenken muss, sich besäuft, nicht mehr schlafen kann. Das würde ich in diesem Job auch tun. Ich habe mit Kommissarinnen aus Mordkommissionen gesprochen: Die erleben den Horror; die haben mir Fotobände gezeigt, die man nicht aushält. Echte Ermittlerinnen beschäftigen sich fast täglich mit Gewalt gegen Frauen und Kinder, Verwahrlosungsfällen, und sie wissen: Oft können sie den Tätern nichts nachweisen oder müssen sie nach fünf Jahren wieder in die Welt zurücklassen. Ich würde durchdrehen.

Da ist der Jubiläumsfall ja ein guter Zeitpunkt für das Thema.

Für mich ist das wirklich schön zu spielen. Endlich kann ich wieder was Relevantes über Frau Odenthal erzählen. Lena ist doch in 25 Jahren als Kommissarin austauschbar geworden. Das liegt natürlich auch an den Geschichten. Eine neue Kollegin gibt es ab Oktober übrigens auch, eine jüngere, die für Reibung sorgt und den Laden aufmischt. Das brauchen auch wir. Der SWR tauscht nicht das Team aus, aber er ergänzt es.

Lena Odenthal ist eine lebensbegleitende Rolle – ist es auch eine Rolle, von der allein man leben kann? Sie drehen etwa drei Fälle im Jahr.

Seit einiger Zeit nur noch zwei, ich habe reduziert – eben um andere Sachen zu machen. Ob man davon leben kann, hängt vom Lebensstandard ab. Ich könnte schon von zwei Fällen leben. Aber das ist ja nicht mein Ziel. Mein Ziel ist, in unterschiedlichen Rollen zu tun zu haben. Deshalb mache ich den „Sommer in Amsterdam“. Deshalb drehe ich fürs ZDF in Prag gerade einen historischen Stoff, einen Kostümfilm: Ich spiele eine Gräfin im Jahre 1813. So hat mich auch noch keiner gesehen. Als Schauspieler und Schauspielerinnen brauchen wir die Herausforderung, und natürlich ist es super, wenn wir davon auch leben können!

„Sommer in Amsterdam“ läuft am Sonntagabend. Wissen Sie, welchem „Tatort“ -Team Sie Konkurrenz machen?

Meinem eigenen nicht, das weiß ich. Aber eigentlich gar keinem: Denn angeblich haben die Sendeplätze ein komplett unterschiedliches Publikum – die „Tatort“-Fans werden nicht zum ZDF schalten und die Herzkino-Zuschauer nicht zur ARD.

1989 war Lena Odenthal ein singulärer TV-Frauentyp. Ist die Fernsehlandschaft inzwischen vielfältiger?

Jeans und Lederjacke tragen jetzt viele, damals war die Figur aber mutig. Interessante Frauenrollen dürfte es im TV ruhig öfter geben. Die spannenderen Charaktere sind oft den Männern vorbehalten; als Frau muss man immer noch aufpassen, nicht wieder die alten Klischees zu bedienen.

Der „Tatort“ feiert seit einigen Jahren Quotenrekorde und genießt eine immer stärkere mediale Aufmerksamkeit. Können Sie sich das erklären?

Bestimmt nicht. Nicht ohne Grund wird ja sogar wissenschaftlich untersucht, warum der „Tatort“ so eine gesellschaftliche Rolle spielt. Ich lese das gern und besonders gern auch Polemiken dazu, die diese Pseudowichtigkeit angreifen. Zum Glück! Nicht jeder „Tatort“ ist ein Meisterwerk, nicht wahr?

Beispiele! Welche Ihrer Fälle mochten Sie, welche nicht?

„Kassensturz“ war gut; der Film greift das Thema von verzweifelten Supermarkt-Angestellten auf. Unseren Ehrenmord-Fall fand ich auch wichtig. Noch ein guter: „Hauch des Todes“. Der handelte von einem Serienmörder, der Frauen in Folie einwickelt. Das war endlich wieder einmal ein Fall, bei dem man den Täter von Anfang an kannte – und trotzdem mitfieberte.

Das waren jetzt nur gute Fälle.

Gut, hier kommen die Negativbeispiele: „Tod einer Lehrerin“ war ein unentschiedener Krimi. Eigentlich ging es darum, dass afrikanische Mädchen auch in Deutschland beschnitten werden – was hier natürlich ein Verbrechen ist. Aber der Krimi hat sich dem sensiblen Thema überhaupt nicht gestellt. 75 Minuten ging es in 08/15-Manier um falsche Fährten. Das war mir zu wenig. Oder bei meinem letzten Fall „Zirkuskind“. Es kam keine Spannung auf, obwohl sich das Buch gut las und sich der Dreh gut anfühlte. Manchmal klappt es nicht.

Ist nicht auch die gesellschaftliche Relevanz manchmal ein Stolperstein? Wenn Max Ballauf auf einmal zu viel Bier trinkt, weil die WDR-Redaktion über habituellen Alkoholismus aufklären will, fühle ich mich um den Krimi betrogen. Dagegen sind Til Schweigers Genre-Fälle erfrischend.

Den ersten Schweiger-Fall fand ich auch gut, die Action, den knallharten Gangsterfilm. Der zweite Fall hat mich enttäuscht: Die Figuren waren entweder nur gut oder nur böse. Worum ging es? Nur um die Frage, wer wen zuerst killt. Das war mir zu viel Testosteron. Verstehen Sie mich nicht falsch. Schweigers Versuch, den „Tatort“ neu zu erfinden, amerikanischer zu erzählen, finde ich total gut. Aber er spricht eben nur eine bestimmte Klientel an, zu der ich nicht gehöre.

Der Rostocker „Polizeiruf 110“ hat mit Charly Hübners Figur genau so eine ambivalente Figur, wie Sie sie einfordern.

Das stimmt, aber das muss eben geschrieben werden, und man muss dann auch selbst dranbleiben. Das sind eben keine Serien, die weitergesponnen werden. Es kommen immer wieder neue Autoren. Die interessiert der Plot, die Kommissare werden gegebenenfalls austauschbar. Eine starke Redaktion, die sich jeweils für die Persönlichkeiten der Kommissare einsetzt, ist sehr wichtig.

Arthur Conan Doyle hat seine Erfolgsfigur Sherlock Holmes irgendwann nicht mehr ertragen und in den Tod geschickt. Haben Sie Mordfantasien gegen Lena Odenthal?

Ich möchte nicht mal, dass sie überhaupt stirbt. Am Ende der Rolle soll sie irgendwo hingehen, weit weg, aber am Leben bleiben. Bis dahin will ich sie aber noch lange spielen. Ich habe mich immer fürs Weiterkämpfen entschieden: für bessere Drehbücher und für andere Projekte neben dem „Tatort“. Das klappt gerade gut. Also mache ich weiter wie bisher. Der Fall im Oktober, „Blackout“, ist eine große Motivation.

Einen Fall haben Sie nicht erwähnt: den Hip-Hop-„Tatort“, in dem Lena Odenthal sich in eine junge Frau verliebt.

Die hat sich nicht verliebt. Sie tut so, als würde sie eine Frau küssen, damit sie von anderen Polizisten auf der Straße nicht gesehen wird. Da ist kein Verlieben.

Der Fall fängt auffällig damit an, dass Lena Odenthal superschlechten Männersex hat.

Und in der Fantasie der Journalisten wurde daraus Lenas Coming-out. In der „Bild“ stand die Schlagzeile. „Endlich küsst Ulrike Folkerts eine Frau“. Vielleicht haben wir es insgeheim darauf angelegt, aber es war nur ein Scherz. Ich werde aus der homosexuellen Community immer wieder gefragt, wann Lena Odenthal endlich lesbisch wird. Nie! Weil es viel zu nah an mir dran ist. Das hätte man von Anfang an machen können, aber vor 25 Jahren war es undenkbar. Jetzt mache ich es nicht mehr. Bin ich verrückt? Ich möchte nicht mich selbst spielen.

Dass die Frage kommt, spricht immerhin für Ihre Vorbildfunktion als öffentliche Lesbe.

Und wir brauchen auch Leute, die in öffentlich-rechtlichen Talkrunden für die Rechte der Homos eintreten. Es ist weiterhin wichtig: Kinder gebrauchen „schwul“ auf dem Schulhof als Schimpfwort. Wie muss es jemandem gehen, der diese Form der Liebe gerade in sich entdeckt? Vorbilder sind also wichtig. Vorbild bin ich gerne weiterhin, aber nicht mehr in vorderster Front. Jetzt sind die Jüngeren dran.


Ulrike Folkerts wird am 14. Mai 1961 in Kassel geboren. Nach der Ausbildung an der Hannoveraner Schauspielschule spielt sie zunächst am Oldenburg Staatstheater. 1989 ist sie zum ersten Mal als Ludwigshafener „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal zu sehen.

In diesem Herbst wird sie die Rolle ein Vierteljahrhundert lang gespielt haben – womit Folkerts Horst Tappert als ausdauerndsten Ermittler im deutschen Fernsehen einholt.

Der SWR feiert das Jubiläum mit der Folge „Blackout“, in der nicht der Fall, sondern die Person der Ermittlerin im Zentrum stehen soll.

Am kommenden Sonntag wechselt Folkerts das Fach und spielt die Hauptrolle in der ZDF-Romanze „Ein Sommer in Amsterdam“.

Auch auf Theaterbühnen ist sie weiterhin zu sehen. 2005 und 2006 war sie im Salzburger „Jedermann“ die erste Frau in der Rolle des Tods. Ulrike Folkerts ist mit der Künstlerin Katharina Schnitzler zusammen und lebt in Berlin.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN