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„Bild“ verdammt die „Schweine-Presse“ Schumis Managerin Kehm klagt bei Jauch über „Focus.de“


Berlin. Michael Schumachers Managerin Sabine Kehm war Gast bei Günther Jauch. Sie sprach über den Gesundheitszustand von Schumacher - und über den mitunter schmutzigen Umgang der Medien damit. Und Draxler von der „Bild“ wettert über die „Schweine-Presse“.

Schon am Titel von Günther Jauchs aktuellem ARD-Talk ist der Balanceakt abzulesen: „’Wie geht es Michael Schumacher?‘ - Prominente und die Grenzen der Berichterstattung“ heißt die Sendung. Und tatsächlich will Jauch natürlich beides von Michael Schumachers Vertrauter erfahren: Wie es dem verunglückten Sportler geht. Und welche Grenzüberschreitungen Sabine Kehm der Unfall-Berichterstattung vorzuwerfen hat.

Jauch reagiert auf die besondere Situation, indem er Kehm noch vor der Vorstellung seiner übrigen Gäste das Wort erteilt. „Es gibt Fortschritte, die uns Mut geben. Es sind kleine Momente, des Bewusstseins und der Wachheit“, antwortet die Vertraute Schumachers auf die auch in ihren Augen berechtigte Anteilnahme an Schumachers Gesundheitszustand. Sie bittet um Verständnis, dass sie konkretere Ausführungen als Bruch der Privatsphäre begreifen würde – und spätestens im Fall einer Reha die Kooperation mit den Medien einstellen wird. Immerhin aber erklärt sie Jauch noch, dass Mediziner erst dann von „Momenten des Bewusstseins“ sprechen, wenn Interaktion mit dem Patienten möglich ist. Das scheint bei Schumacher also der Fall zu sein.

„Ich halte das für verwerflich“

Zu der Frage nach einer grenzüberschreitenden Berichterstattung hat Kehm erschreckende Extremerfahrungen beizutragen. „Sehr viele Leute haben versucht, in die Intensivstation vorzudringen“, berichtet sie. Ein Reporter habe sich dazu als Priester verkleidet, ein anderer als Vater Michael Schumachers ausgegeben. Kehm klagt auch über vermeintliche Experten, die den Gesundheitszustand des Sportlers von außen kommentieren - und damit den Druck auf die behandelnden Ärzte und auf die Familie erhöhen. Kehm: „Ich halte das in Teilen für sehr verwerflich.“ Kritik äußert sie dabei auch über die Boulevardmedien hinaus: So verletzten auch andere Medien die Gefühle der Betroffenen; als Beispiel nennt sie den Schumacher-Live-Ticker von focus.de. Tatsächlich wird im „Focus“-Ticker, noch während Kehm spricht, auch der Jauch-Talk mitgeschrieben, sodass die Kollegen nun ihre eigene Schelte tickern müssen. (In der Nachkritik fragen die „Focus.de“-Autoren dann, wieso Jauch nicht über ein wichtigeres Thema talkt – über ein wichtigeres als das also, zu dem sie selbst gerade den Live-Ticker gefüllt haben.)

Welchen Schaden spekulative Berichterstattung über Krankheiten anrichtet, macht dann Monica Lierhaus‘ Lebensgefährte Rolf Hellgardt am eigenen Beispiel deutlich. Im Fall seiner Partnerin hätten Blätter getitelt: „Hurra, Monica Lierhaus ist wieder wach“ - zu einem Zeitpunkt, als die Moderatorin tatsächlich noch im Koma lag. „Alle auf der Straße sprechen einen darauf an“, sagt Hellgardt. „Kaum auszuhalten!“ Von Jauch muss er sich danach fragen lassen, wieso er mit einem öffentlichen Heiratsantrag dann selbst die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten verwischt habe. Hellgardt sieht das heute auch als Fehler, verweist aber auf die Ausnahmesituation nach der mehrjährigen Krankheitsgeschichte.

„Bild“-Mann geißelt die „Schweine-Presse“

Für die Seite der grenzwertigen Berichterstattung sitzt „Sportbild“-Chefredakteur Alfred Draxler in der Runde. Ihm gelingt es bei Jauch erstaunlicherweise, die „Bild“ als den sauberen Boulevard dastehen zu lassen. Er nimmt im Fall Schumacher Zurückhaltung für sich in Anspruch, deutet bewusst unveröffentlichte Geschichten schwer kranker Profi-Sportler an und grenzt sich unwidersprochen mit markigen Worten von Blättern ab, die mit Lügen Auflage machen: „Das ist kein Journalismus, das ist Schweine-Presse.“ Was Draxler entgegenkommt: Es stehen nicht mehr nur die Boulevardblätter in der Kritik. Der Medienrechtler Dominik Höch wirft auch den Online-Auftritten der seriösen Zeitungshäuser grenzwertige Methoden vor. Der Jurist weist außerdem darauf hin, dass in sozialen Netzwerken heute fast jeder publiziert: „Jeder ist eine Redaktion und kann diffamieren und in die Privatsphäre anderer eingreifen.“

Journalismus aus der Mülltonne

Dass die „Bild“ sich bei Günther Jauch so unerwartet gut verkauft, liegt aber vor allem an der Gästeliste: Mit dem Paparazzo Hans Paul sitzt ein Fotoreporter in der Runde, der die Rolle des Schurken geradezu lustvoll übernimmt. Mit funkelnden Augen berichtet er von Fotos, die er aus einer Mülltonne mit Sehschlitzen schießt. Seine „Jagd auf Prominente“ rechtfertigt er damit, dass seine Opfer ihre intimsten Geschichten ohne ihn nur selbst zu Geld machen würden. Sein Beispiel dafür ist Harald Juhnke, dem er im Krankenhaus eingestandenermaßen im Arztkittel nachgestellt hat. Paul: „Ich sehe das als Spiel.“ Auf den Hinweis, dass Mülltonnen-Verstecke illegal seien, fällt ihm nur ein: Die Herkunft aus der Tonne ist seinen Fotos später nicht mehr nachzuweisen. Außerdem vertritt Paul die Vorstellung, dass er für die Legalität seiner Bilder gar nicht verantwortlich sei: „Rechtswidrig? Das entscheidet die Redaktion.“

Jauch in eigener Sache

Der Balance-Akt im Umgang mit der Schumacher-Vertrauten ist der eine Stolperstein der Sendung. Der andere ist die innere Beteiligung des Moderators am Thema. Jauch selbst gilt als strenger Hüter seiner Privatsphäre; um die Berichterstattung über seine Hochzeit hat er prozessiert. Dass er diesmal also indirekt auch über sich selbst spricht, thematisiert Jauch augenzwinkernd: Im Interview mit Moritz Tschermak vom Watch-Blog „topfvollgold“ hält Jauch eine Illustrierte mit Jauch-Berichterstattung in die Kamera: „So wüst lebt er - skandalöse Zustände im Villenviertel“, titelte das Blatt über den Moderator. Im Innenteil ging es dann um Potsdamer Schlaglöcher.


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