Vitalität im Alter! 50. Grimme-Preis: Die Geehrten sind besser als die Gala

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Berlin. In Marl wurde zum 50. Mal der Grimme-Preis verliehen. Die ausgezeichneten Sendungen sind klasse – auch wenn der Abend selbst nicht besonders preiswürdig war.

Erst ganz am Schluss der Preis-Gala kommt Stimmung auf. Klaus Doldinger spielt seine „Tatort“-Melodie, feiert damit die Besondere Ehrung der Krimi-Reihe – und holt zum Mitrappen Eko Fresh auf die Bühne. „Herr Doldinger“, ruft da Rita Süssmuth, die den Preis als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbands übergibt. „Herr Doldinger! Sie und Eko Fresh! Das ist Vitalität im Alter! Sowas brauchen wir!“ Tatsächlich ist der Grimme-Preis am Freitag zum 50. Mal vergeben worden. Das ist noch kein Greisenalter, aber ein bisschen mehr Vitalität hätte der Verleihung trotzdem gut getan. Die spritzigen Momente der guten zwei Stunden sind schnell erzählt. Klaas Heufer-Umlauf (geehrt für „Circus Halligalli“) singt mit ehrlichem Bemühen einen Frank-Sinatra-Song. Heinrich Breloer lobt mit dem Dokudrama in einem nicht endenden Redeschwall genau das Genre, für das sein eigener Name steht. Und Jan Böhmermann (geehrt für das „NEO Magazin“) schießt für seine Mutter ein Selfie mit dem Bundespräsidenten.

Das launige Gruppenselbstporträt ist ein Zitat aus der Oscar-Nacht . Und tatsächlich wird der Grimme-Preis immer wieder mal als deutscher TV-Oscar bezeichnet. Das ist falsch, denn einerseits wird der Grimme-Preis von einer kenntnisreichen Fachjury vergeben. Andererseits sind die Oscars trotzdem viel spannender. Weshalb bei ihrer Verleihung die halbe Welt zusieht, aber nur das Spartenpublikum von 3sat zuschaltet, wenn die deutsche TV-Elite im Theater Marl zusammenkommt.

Denn bei den Oscars zittern die Nominierten stundenlang vor laufender Kamera, während die Grimme-Preisträger sich ihre vor Wochen verkündeten Ehrungen in Marl nur noch abholen. Das nimmt dem Abend den ängstlichen Suspense – und ohne den braucht es auch keine Ironie, die in Los Angeles als Blitzableiter dient. In Marl herrscht bis zum Schluss der freundlich getragene Ton, den der Bundespräsident im Grußwort vorgegeben hat. Zum ersten Mal gelacht wird nach knapp einer Stunde, als mit Martin Sonneborn (geehrt für „Sonneborn rettet die Welt“) der lustigste Mensch des Abends die Bühne betritt. Er will auch ein Selfie machen. Mit der Freundin des Bundespräsidenten. Michael Steinbrecher, der Moderator, hat einen lockeren Moment und erklärt: „Das neben ihm ist aber die Ministerpräsidentin.“ Ansonsten leitet Steinbrecher nett von einem Preisträger zum nächsten über und verliest ein paar Worte aus den Begründungen der Jury. Jan Böhmermann und Joko und Klaas, die in der Kategorie Unterhaltung siegen, ermahnt er sogar, sich einmal „ganz ohne Ironie“ zum Preis zu äußern. Klaas Heufer-Umlauf tut es und „versinkt in Demut“.

In der Kategorie Information und Kultur spricht Steinbrecher mit den Menschen hinter Dokus über Friedensaktivisten („The Voice of Peace“), Schwerverbrecher („Restrisiko“), moderne Arbeitswelten („Work hard - Play hard“) und Miet-Unrecht „Betongold“ – und mit dem weltrettenden Reporter Martin Sonneborn.

In der Sparte Fiktion wird der DDR-Krimi „Mord in Eberswalde“ geehrt, die Thome-Verfilmung „Grenzgang“ , das Kunduz-Doku-Drama „Eine mörderische Entscheidung“ , die Serie „Zeit der Helden“ – und mit dem österreichischen Fall „Angezählt“ außerdem der erst siebte von 900 „Tatort“-Krimis, die bislang mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurden. Zwischendurch spielt Klaus Doldinger Melodien aus seinen Soundtracks zu „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ und die deutsche Eurovision-Band Elaiza ihr Lied für Kopenhagen.

Immer wieder wird das Qualitätsfernsehen beschworen. Vor allem bei den Dokumentationen sind sich alle einig. Michael Steinbrecher fordert bessere Sendezeiten ein. Die Produzentin Dagmar Biller wünscht sich großzügigere Formatlängen. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hofft, dass Produzenten von ihrer Arbeit leben können. Alle wollen gutes Fernsehen. Dass die Gala selbst kein gutes Fernsehen ist, bleibt ein Schönheitsfehler.

Die Hauptsache aber bleibt: Was in Marl ausgezeichnet wird, ist wirklich gut. Und dass es der Grimme-Preis ins 50. Jahr geschafft hat, hat womöglich gerade mit seiner unaufgeregten Solidität zu tun. Der Deutsche Fernsehpreis wollte witziger sein – und ist gerade gescheitert


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