Interview zur neuen Folge „Tatort“-Könige: Axel Prahl und Jan Josef Liefers


Münster. Tatort Münster: Mit der Folge „Der Hammer“ feiern Axel Prahl und Jan Josef Liefers am kommenden Sonntag (13. April) ihren 25. Auftritt als Frank Thiel und Carl-Friedrich Boerne. Über die Besonderheiten dieses Formats, Fahrräder und Autos unterhalten wir uns am Rande der Kinopremiere von „Der Hammer“ in Münster:

Herr Prahl, 25-mal Münster-„Tatort“ heißt für Sie 25-mal Damenfahrrad fahren. Warum eigentlich immer ein Damenfahrrad?

Prahl: Ist mir gar nicht aufgefallen. Ist das wirklich immer ein Damenfahrrad?

Liefers: Eine richtige hohe Querstange gab es bei Axel eh nie. Allein schon aus Arbeitsschutzgründen.

Prahl: Ab und zu muss ja auch Alberich mit dem Rad fahren.

Liefers: Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass das eine vollkommene Desinformation ist. Der aufgeklärte Zuschauer wird sofort bemerkt haben, dass Alberich niemals auf diesem Fahrrad gefahren ist. Sie ist wohl mal mit meinem Porsche gefahren, und zwar stehend.

Prahl: Sie ist auch mit meinem Fahrrad gefahren. Und zwar als wir sie mal haben stehen lassen, da musste sie mein Rad nehmen.

Liefers: O ja, das stimmt, ich erinnere mich.

Viel geschmeidiger sind Sie in den zwölf Jahren auf dem Fahrrad nicht geworden, Herr Prahl.

Liefers: Pass auf, Axel, das ist gar kein Interview, der will dich fertigmachen.

Prahl: Viel eleganter kriegt man das gar nicht hin, zumindest nicht mit diesem Fahrrad. Ich kann Sie gerne mal damit fahren lassen, dann werden Sie staunen.

Liefers: Dafür ist Axel spitze im Synchronschwimmen – mit sich selbst.

Fahrräder kommen für Professor Boerne ja nicht infrage, Herr Liefers. Da müssen es schon zwei Räder und ein paar Hundert PS mehr sein.

Liefers: Wir haben schon ein paar Mal darüber geredet, ob Boerne nicht auch Fahrrad fahren sollte. Eigentlich könnte er mit allem fahren, aber aus der Gattung der Fahrräder müsste es schon ein mundgeblasenes Exemplar sein.

Dennoch kaum vorstellbar.

Liefers: Stimmt, eigentlich ist Boerne ein Automobilist. Nicht so ein moderner, sondern ein Otto-Verbrennungsmotor-Affecionado. Aber sobald Autos ins Spiel kommen, kocht bei den Sendern ja immer dieses Schleichwerbungsthema hoch. Deshalb fahre ich ja gar nicht jedes Mal Porsche, in der aktuellen Folge ist es ein Wiesmann, die werden auf BMW-Basis in Dülmen gefertigt.

Und sind wohl noch ein bisschen teurer als ein Porsche. Kommt man da als gut verdienender Schauspieler eigentlich auf den Geschmack, wenn man mit so einer Kiste dreht?

Prahl: Nicht wirklich. Man braucht einen Schuhanzieher, um da reinzukommen, und man braucht einen Schuhanzieher, um wieder auszusteigen. Für mich wär das nix.

Liefers: Das ist der klassische Zweitwagen für jemanden, der alles hat und sich sagt: Jetzt möchte ich noch was Besonderes, Gediegenes. Die Dinger sind schon toll gemacht, aber nichts für eine Familie mit Kindern.

Gravierende Unterschiede zwischen Thiel und Boerne gibt’s ja nicht nur beim fahrbaren Untersatz, sondern auch bei der Nachtbekleidung. Thiel schläft im St.-Pauli-T-Shirt, Boerne im Seiden-Pyjama. Welche Rückschlüsse auf die Darsteller darf ich daraus ziehen?

Prahl: Ich würde sagen, er schläft im St.-Pauli-T-Shirt und ich im Seiden-Pyjama.

Liefers: Ich bin bekennender Nacktduscher.

Duschen kommt nach dem Schlafen.

Liefers: Aber ich habe auch keinen Schlafanzug.

„Der Hammer“ ist ja nicht nur denkwürdig, weil es Ihr 25. „Tatort“ ist, sondern auch, weil wir Boerne zum ersten Mal mit einer Kurzhaarfrisur sehen.

Liefers: Das war der Not geschuldet, die Alternative wäre eine Perücke gewesen. Ich hatte vorher einen Kinofilm namens „Desaster“ gedreht, in dem ich eine Glatze haben musste. Und Haare wachsen eben nur einen Zentimeter pro Monat.

Prahl: Es gab auch mal einen „Tatort“, da hatte ich einen Irokesenschnitt, der war auch der Not geschuldet. Kurz davor hatte ich das Video für „Wir sind Helden“ gedreht und mir dafür vor laufender Kamera diesen Irokesenschnitt verpassen lassen – ohne daran gedacht zu haben, dass ich danach ja den „Tatort“ drehen muss. Im Film bin ich dann die ganze Zeit mit einer Mütze rumgelaufen, und wir haben ein großes Geheimnis daraus gemacht, was wohl unter dieser Mütze steckt.

Es geht in „Der Hammer“ um ein am Rande einer Wohnsiedlung geplantes Großbordell. Ist so ein Puff eine besondere Spielwiese für Sie?

Prahl: Ein Puff ist immer eine besondere Spielwiese – Sex sells.

Liefers: Es ist der Stein des Anstoßes, und es wirkt glaubwürdig, dass man den in einer familiäreren Stadt wie Münster mit seinem katholischen und eher konservativen Background eher anstößig findet. So eine Geschichte würde in Berlin nicht funktionieren. Und Spielwiese… na ja. Ich habe schon in Puffs gedreht. Meistens dreht man ja tagsüber, da ist es in diesen Etablissements dann taghell – und wenn man das mal gesehen hat, will man abends lieber nicht mehr dahin.

Prahl: Geschweige denn irgendwas anfassen (lacht).

Apropos taghell – für den „Hammer“ gab’s außergewöhnlich viele Nachtdrehs. Macht Ihnen das was aus?

Liefers: Nachts zu arbeiten ist doch immer doof. Nachts gehören wir Säugetiere ins Bett, es sei denn, man ist jahrelang an Nachtschichten gewöhnt. Beim Film wechselt es immer: Da dreht man montags bis donnerstags tagsüber, freitags wechselt es in die Nacht, und dann ist man bis zum Samstagmorgen wach. Dann muss man ganz schnell schlafen und auch tagsüber schlafen können, weil es montags ja wieder früh weitergeht. Das Dumme ist: Ich kann einfach nicht morgens um acht ins Bett gehen und bis nachmittags um vier schlafen. Dann wache ich um zwölf wieder auf und bin völlig gerädert.

Prahl: Das kann einem das ganze Wochenende versauen. Da dreht man dann bis samstagmorgens, anschließend geht’s ab in den Flieger nach Hause. Wenn man dann am Montagmorgen um sieben wieder abgeholt wird, reicht so ein Wochenende kaum aus.

Liefers: Das ist Jetlag, ohne sich einen Millimeter fortbewegt zu haben.

Knackt „Der Hammer“ am Sonntag die 13-Millionen-Zuschauer-Marke?

Liefers: Wenn, dann gebe ich Ihnen einen aus!

Als Sie 2002 angefangen haben mit dem Münster-“Tatort“, haben Sie, Herr Prahl, mal gesagt: „Münster-,Tatort‘ drehen ist fast wie Urlaub machen“. Ist das immer noch so?

Prahl: Ich empfinde das nach wie vor so. Vor allem, wenn man wie bei den letzten Dreharbeiten hier strahlend blauen Himmel und viel Sonne hat. Das war einfach großartig. Die Unterstützung der Bevölkerung ist immer noch da, die fahren freiwillig ihre Autos weg und sind auch da noch sehr kooperativ, wo es in der Großstadt längst Probleme mit den Anwohnern gibt. Auch wenn ich die Menschen in Berlin, Hamburg und Köln durchaus verstehen kann.

Haben Sie eigentlich Zeit und Lust, hier in Münster auch mal bummeln oder in die Kneipe zu gehen?

Liefers: Wenn wir hier in Münster drehen – der Anteil wird ja leider immer weniger – dann mache ich das sehr gerne. Ich finde Münster superangenehm, es gibt tolle Cafés, die Leute sind wahnsinnig freundlich. Wenn ich mal einen halben Tag freihabe, genieße ich den richtig, spaziere rum und gehe frühstücken.

Prahl: Ich sag ja: Wie Urlaub.

Alle sind nett, niemand ist aufdringlich?

Liefers (lacht): Weißt du noch, Axel, als wir damals hier im Winter gedreht haben? Wir hatten für die Pausen einen Wohnwagen auf dem Prinzipalmarkt stehen. Es war ziemlich kalt, ich komme zum Wohnwagen – und da sitzen sechs Leute drin, haben meine Sachen einfach zur Seite geschoben und rufen: Ha, guck mal, da ist er ja!

Die haben sich vermutlich aufgewärmt.

Liefers: Ja, die dachten wohl: Die Tür ist ja offen, dann können wir uns da reinsetzen. Ich war völlig perplex, aber irgendwie war’s auch lustig. Die haben das ja ganz lieb gemeint.

Bereuen Sie eigentlich, dass Sie nicht mehr so viel in Münster drehen wie bei den ersten „Tatorten“?

Liefers: Wir haben am Anfang fast zwei Drittel der Zeit hier in Münster gedreht, das war schon schön. Jetzt drehen wir in Köln und suchen ständig nach Orten, die halbwegs so aussehen, wie es hier ist – statt einfach hier zu drehen, wo alles Münster ist. Ich würde mir mehr von diesem Kolorit, diesem Geschmack wünschen. Aber letzten Endes ist Film ein Geschäft, in dem man mit dem vorhandenen Geld wirtschaften muss.

Gibt es jemanden, der Ihnen hier in Münster ganz besonders ans Herz gewachsen ist?

Prahl: Paul Wulf, ein antifaschistischer Künstler, zu dessen Ehre die Künstlerin Silke Wagner eine lange Zeit in Münster sehr kontrovers diskutierte Skulptur geschaffen hat. Er wurde im Dritten Reich als schwachsinnig eingestuft und entging nur knapp der Vergasung. Die Politik hat sich damals sehr gegen diese Skulptur gewehrt – und ich habe mich dafür engagiert. Seit 2010 steht sie auf dem Servatiiplatz.

Und Sie, Herr Liefers?

Liefers: Ich saß irgendwann mal im Marktcafé, da kommt ein Typ vorbei, knallt mir zwei CDs auf den Tisch und sagt: Du kennst mich nicht, aber kannst bei Gelegenheit ja mal reinhören. Das war Henning Wehland, der Frontmann von H-Blockx. Wen kenne ich noch? Ah, Marina Weisband, allerdings bin ich ihr noch nie begegnet, aber ich weiß, dass sie die Sprecherin der Piraten war und hier in Münster lebt. Außerdem verbinde ich mit Münster natürlich noch unseren Kollegen Götz Alsmann, der ein großartiger Entertainer ist.

Prahl: O jaaa, der ist wunderbar!

Liefers: Und dann natürlich ein paar honorige Professoren – wir haben ja am Anfang die ganze forensische Pathologie wirklich hier in Münster gedreht. Auch in dieser Ecke gibt es Bekanntschaften und Freundschaften.

Prahl: Da gibt es übrigens auch einen Doktor Prahl. Und einen wollen wir natürlich auch nicht vergessen: Roland, den Kaiser. Der Wunderbare, es hat Spaß gemacht, mit ihm zu drehen. Ein dufter Typ.

Es gibt ja nicht nur den Münster-„Tatort“, sondern auch „Wilsberg“. Warum funktionieren die Schmunzel-Krimis in Münster so gut?

Liefers: Man hat es hier einfach nicht mit dem großen organisierten Verbrechen zu tun. So etwas, was man in einer Großstadt machen kann, wäre hier bisschen überkandidelt. Hier ist man dafür viel dichter an den Menschen, die Fälle sind nachvollziehbarer und familiärer. Das ist nicht das ganz große Verbrechen, sondern die eifersüchtige Tante oder der Freak, der keinen Puff in seiner Nachbarschaft will. Hier kann man Geschichten machen, die schrulliger und vielleicht auch vielleicht bisschen popeliger sind als in Berlin oder New York, die aber dafür auch viel mehr berühren. Da kann man dann auch den komischen Aspekt viel besser bedienen.

Realistisch ist das aber nicht, was Sie hier so drehen.

Prahl: Dieser Realitätsbezug, den der „Tatort“ immer vorgibt zu haben, nehme ich ihm eh nicht ab, deshalb finde ich diese komödiantische Richtung viel passender. Jeder Polizist lacht sich tot, wenn er den „Tatort“ sieht – also: wenn schon, dann überzeichnen und nicht so ganz ernst nehmen.

Könnte man nicht mal „Wilsberg“ und Münster-„Tatort“ zusammenführen? Die Zuschauer wären vermutlich begeistert.

Liefers: Das könnte man sicher, wenn jemand kommt und eine gute Idee hat, wie man das zusammenstöpseln kann. Es wäre naheliegend, zumal auch Leonard Lansink ein Kollege ist, den wir beide sehr mögen und dem wir in Münster öfter mal begegnen. Ich hätte damit kein Problem, aber das haben wir ja nicht zu entscheiden. Da müssten strategische Dinge zwischen den Sendern auf ganz anderen Ebenen geklärt werden.

Hätten Sie sonst noch eine gute Idee für Ihr Format?

Liefers: Einer meiner Lieblingsanfänge für den Münster-„Tatort“, zu dem es bislang leider noch nicht gereicht hat, ist, dass Thiel und Boerne in den Wiedertäufer-Käfigen oben an der Lambertikirche aufwachen und nicht wissen, wie sie dahin gekommen sind. Das wär doch mal was.


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