Watchblog „Topf voll Gold“ nimmt Regenbogenpresse aufs Korn

Günther Jauch findet sie gut: Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak klopfen der Regenbogenpresse kräftig auf die Finger.Günther Jauch findet sie gut: Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak klopfen der Regenbogenpresse kräftig auf die Finger.

Osnabrück. Höchst lesenswert: Seit einem Jahr nehmen Moritz Tschermak und Mats Schönauer in ihrem Watch-Blog „Topf voll Gold“ die Regenbogenpresse aufs Korn.

Ein Topf voll Gold soll sich am Ende des Regenbogens befinden, so besagt es ein Märchen. Einen Topf voll Gold hat die Regenbogenpresse längst gefunden: Etwa eine halbe Milliarde Hefte gehen jährlich in Deutschland über den Tresen. Das sind satte Verkaufszahlen – mit zumeist erfundenen Geschichten. Letzteres nimmt der Watchblog „Ein Topf voll Gold“ aufs Korn.

Moritz Tschermak tippt noch die tägliche Rubrik „Schlagzeilen basteln“ in seinen Laptop, während das Skype-Gespräch für unsere Zeitung bereits angefangen hat. „Tschuldigung, wir sind gleich so weit“, sagt der Journalist, der sich mit Mats Schönauer die Regenbogenpresse vorgeknöpft hat.

Seltsame Welt

Ein Klick auf die Seite der Blogger, und man ist mittendrin in der seltsamen Welt, die Prominente auf eine Art in die Öffentlichkeit zerrt, die den wenigsten Betroffenen angenehm ist. So soll Schwedens Kronprinzessin Victoria Stunden der Angst verbracht haben, lässt die Zeitschrift „Die Aktuelle“ verlauten. Neben einem Foto, auf dem die vermeintlich Ängstliche ihre Augen hinter einer Sonnenbrille verbirgt, steht: „Estelle, wo bist du bloß?!?“

Eine Entführung am Hofe in Stockholm? Weit gefehlt. Während Victoria in Ghana weilte, soll ihr Gatte Prinz Daniel sein Telefon verlegt haben. Über Stunden habe sie deshalb nicht gewusst, wie es der kleinen Estelle geht. So klärt das Heft auf, was hinter der vermeintlichen Schlagzeile steckt.

Mehr als heiße Luft bleibt selten übrig bei den Storys über die Reichen und angeblich Schönen, aus denen sich die rund 70 Titel der deutschen Klatschpresse speisen. Oft hallen die Storys nicht lange nach. Andere bleiben dauerhaft hängen, verletzen die Privatsphäre, berühren intimste Dinge, bei denen es auch um Leben und Tod geht. Das empört Mats Schönauer noch immer: „Es ist geschmacklos, wie das Schicksal von Schwachen ausgeschlachtet wird“, sagt er und nennt die andauernde Berichterstattung über Michael Schumacher, der seit Dezember 2013 im Koma liegt. Die Familie des ehemaligen Rennfahrers komme deswegen kaum zur Ruhe.

Den „speziellen“ Umgang mit der Wahrheit wollen die beiden Journalisten den Blättern nicht durchgehen lassen. Deshalb führen sie die Geschichten in ihrem Watchblog ad absurdum. Diese Blogs sind Internettagebücher, die eine Sache dauerhaft kritisch beleuchten – in diesem Fall „den gedruckten Quatsch“ der Regenbogenpresse, wie Tschermak ihn nennt.

Es werde kaum darüber berichtet, wie die Blätter arbeiten. Zudem befasst sich die Journalismus-Forschung kaum mit ihnen. Auch deshalb ist der Blog Teil ihrer Bachelor-Arbeit, mit der Schönauer und Tschermak Mitte März ihr Journalistik-Studium in Dortmund beendet haben. Jetzt überlegen die beiden, ein Buch über die Ergebnisse zu schreiben.

Üble Berichte zerpflücken sie zudem nicht nur im Blog, sie leiten sie auch an die Betroffenen weiter und prangern die Berichte beim Deut-schen Presserat an – mehrere Rügen und Missbilligungen sprach der im vergangenen Jahr daraufhin aus. Seit Kurzem verfassen die beiden zudem alle 14 Tage montags eine Kolumne im Berliner „Tagesspiegel“.

Inzwischen leben die beiden in Berlin. Moritz Tschermak arbeitet als freier Journalist, Mats Schönauer leitet den Bild-Blog, der sich kritisch den Inhalten der Zeitung mit den vier großen Buchstaben widmet.

Aber auch den „Topf voll Gold“ wollen sie weiterbetreiben, für den sie von Prominenten wie Günther Jauch bereits positive Rückmeldung bekommen. Zeitlich sei das durchaus machbar. Denn viel Recherche brauche es zumeist nicht, um zu entdecken, dass den Berichten der wahre Kern fehlt. Derzeit überlegen sie, ob und wie sie ihren Blog finanzieren könnten – denn die Zusammenarbeit mit Werbepartnern würde eine neue Form der Verpflichtung bedeuten. Und ob sich das bei den Besucherzahlen lohnt? Zwischen 1500 und 2500 Leser besuchen die Seite täglich, bei besonderen Themen seien es auch mal 10000, sagen die beiden. Bislang können Leser über Flattr freiwillig etwas zahlen.

Schlagzeilen-Basteln

Ständig denken sich die zwei Aktionen aus, wie das Schlagzeilen-Basteln: Sie platzieren eine wahre Geschichte auf ihrem Blog. Die Leser können dann mögliche Schlagzeilen für die Regenbogenpresse daraus formulieren. „Die sind oft besser als wir“, sagt Tschermak.

Für die Tage vor dem 1. Geburtstag am 11. April haben sie besondere Aktionen geplant: So sollen die Leser dabei helfen, folgende Frage zu klären: Warum kaufen so viele Menschen diese Hefte?


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