Scholz an Lindner: Labern Sie nicht! FDP-Chef Christian Lindner bei Jauch blamiert

Günther Jauch schmunzelt: Beim Thema Miete ist er als Hausbesitzer völlig entspannt. Foto: dpaGünther Jauch schmunzelt: Beim Thema Miete ist er als Hausbesitzer völlig entspannt. Foto: dpa

Berlin. Günther Jauchs ARD-Talk diskutiert Mietpreisbremse und energetische Sanierung. FDP-Chef Christian Lindner provoziert Sanierungsopfer, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz beschimpft ihn als ahnungslos, und der Soziologe Andrej Holm widerspricht beiden.

Damit ja keiner Witze macht, feuert Jauch in seinem Talk die schönste Pointe selbst ab. Bei der Vorstellungsrunde fragt er bei jedem die Wohnverhältnisse ab und räumt ein: Er selbst ist als Eigentümer eines Potsdamer Einfamilienhauses all der Probleme ledig, um die es heute geht - die hohen Mieten in städtischen Top-Lagen und Sanierungen, die Wohnraum unbezahlbar machen.

Olaf Scholz dagegen ist nicht nur als Mieter, sondern auch als Hamburgs Erster Bürgermeister ein Mann der Praxis. Bürgermeister ist er geworden, weil seine Vorgänger zig Tausende Wohnungen zu wenig gebaut haben. Bei Jauch sitzt er, um für den Gesetzentwurf zur Mietpreisbremse zu sprechen - und um FDP-Chef Christian Lindner in Rage zu bringen.

Seinen versiertesten Kontrahenten findet Scholz allerdings in dem Soziologen Andrej Holm. Der Wissenschaftler votiert für mehr sozialen Wohnraum und rechnet Scholz vor, dass dessen neue Sozialwohnungen nicht einmal den Bedarf decken, der durch die fristgemäße Entbindung der alten entsteht. Ausgerechnet dem SPD-Mann wirft Holm vor, dass die aktuellen Gesetzesvorhaben an den Geringverdienern vorbeiplanen. Die Mietpreisbremse gilt ihm als bloßes „Mittelschichtsbefriedungsprogramm“ und damit als kennzeichnend für einen Politikstil, der „niemandem wehtut und wenigen nutzt“.

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Nebenbei fordert Holm auch noch Jürgen Michael Schick heraus, den Vertreter der Immobilienbranche, der sich bislang nur mit Sylvia Sonnemann vom Verein „Mieter helfen Mietern“ gezankt hatte. Der Vizepräsident des Immobilienverbands Deutschland sieht die Schuld an der Wohnungsmisere bei der Politik: „Die Mietpreisbremse ist der Spaltpilz zwischen Mietern und Vermietern.“ Holm: „Es liegt nicht nur am Staat, es ist auch ein Marktversagen.“

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Unruhe in die eher lässige Gesprächsatmosphäre bringt FDP-Chef Christian Lindner. Er nutzt nicht nur in Berlin, sondern auch in Düsseldorf eine Mietwohnung und kann deshalb umso glaubwürdiger für die Interessen der Vermieter eintreten. Im deklamatorischen Empörungston wetterte der Liberale gegen Scholz und alle anderen regierenden Politiker: Zu lange habe sich der Wohnungsbau nicht gelohnt; die Mietpreisbremse führe bei zukünftigen Vermietungen nur zu Mauscheleien und immer höheren Abschlagszahlungen. „Der Staat ist der Preistreiber bei den Nebenkosten!“

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Eine plumpe Provokation von Scholz („Herr Lindner hat ja überhaupt sehr wenig Ahnung vom Thema.“) lockt den FDP-Mann dann in eine Polemik, bei der Wohnungsbau, Elbphilharmonie und der Flughafen Berlin-Brandenburg mehr oder weniger dasselbe sind. Scholz macht das alles nur selbstbewusster. Mit einem flotten „Labern Sie nicht dazwischen“ schmunzelt er über Lindners Erregung hinweg.

Womöglich ist es diese von Jauch nicht einmal im Ansatz sanktionierte Demütigung, die Lindner vollends unvorsichtig werden lässt. Gegen Ende der Sendung lässt Jauch vier Mieter der Kopenhagener Straße 46 in Berlin zu Wort kommen. (Hier geht’s zu ihrem Blog.) Nachdem ihr Haus energetisch saniert wurde, sollen sie statt 850 Euro knapp 3000 Euro für 166 Quadratmeter bezahlen. Ihr Fall genießt hohe Aufmerksamkeit; gerade haben sie sich mit Justizminister Heiko Maas (SPD) getroffen. Bei Jauch wecken sie mit ihrem besonders abschreckenden Fall Betroffenheit.

Hier geht’s zur Reportage über die Kopenhagener Straße 46.

Christian Lindner scheint die Stimmung im Saal zu verkennen. Vielleicht ist seine eigene Betroffenheit auch einfach noch größer. Jedenfalls weist er die bald raussanierten Mieter freundlich darauf hin, dass ihre Miete auch in seinen Augen viel zu niedrig sei. Er selbst wohne um die Ecke und zahle viel mehr. Eine gute Verdreifachung der Miete sei allerdings tatsächlich sehr hoch; die Mieter, rät Lindner, sollten doch ganz einfach vor Gericht gehen. Nun schlägt noch einmal die Stunde von Andrej Holm. Der Soziologe erinnert Lindner, dass auch seine Partei einmal regiert hat - und dass es die schwarz-gelbe Koalition war, die Klagen im Fall energetischer Sanierung „quasi unmöglich“ gemacht hat.


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