Ein Vitamin, das es gar nicht gibt Wirkung von Vitamin B 17 ist umstritten

Von Dr. Jörg Zittlau

Amygdalin, auch Vitamin B17 genannt, soll Krebszellen abtöten. Die Wirkung ist umstritten. Foto: dpaAmygdalin, auch Vitamin B17 genannt, soll Krebszellen abtöten. Die Wirkung ist umstritten. Foto: dpa

Osnabrück. Häufig wird das Vitamin B 17 als neues Wundermittel gegen Krebs angepriesen. In Wahrheit ist die Substanz umstritten.

Bremen. „Eine Revolution in der Krebstherapie“, „Endlich ist Krebs heilbar“ – kaum ein Mittel der Naturheilkunde wird derzeit so überschwänglich angepriesen wie „ Vitamin B17 “. Im Internet und in Yellow-Press-Magazinen liest man von „regelrechten Wunderheilungen“ durch diese Substanz. Experten warnen jedoch vor möglichen Nebenwirkungen.

„Vitamin B17“ wird bereits seit den 1970ern als Naturheilmittel gegen Krebs vermarktet. In den einschlägigen Büchern zur Ernährungsmedizin kann man jedoch nichts dazu finden. Denn tatsächlich handelt es sich dabei nicht um ein Vitamin, sondern um eine Substanz namens Amygdalin, die aus Aprikosenkernen gewonnen wird. Ihre krebshemmende Wirkung wurde erstmals in den 1950ern durch den US-amerikanischen Alternativmediziner Ernst Krebs postuliert. Demnach wird Amygdalin in den Tumorzellen unter anderem zu Blausäure zersetzt, die dann sogleich ihr zerstörerisches Werk beginnt und die bösartigen Geschwüre absterben lässt. Schäden an gesunden Zellen seien hingegen ausgeschlossen, weil diese nicht über die notwendigen Enzyme verfügen, um das Gift zu aktivieren.

All das klingt logisch, weswegen Amygdalin in den USA für einen längeren Zeitraum als offizielles Arzneimittel zugelassen war. Doch Ende der 1980er wurde diese Zulassung wieder zurückgezogen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker stuft Amygdalin als „bedenklich“ ein, wegen des „begründeten Verdachts“, dass nach seiner Einnahme giftige Blausäure freigesetzt werden könnte. In Einzelfällen haben Gerichte jedoch schon Apotheken den Verkauf amygdalinhaltiger Rezepturarzneimittel zugebilligt.

Konkrete Belege fehlen

Nichtsdestoweniger steht die postulierte krebshemmende Wirkung auf sehr wackeligen Beinen. Es gibt zwar positive Hinweise aus Labor- und Tierversuchen, doch für die konkrete Anwendung am Menschen fehlen die wissenschaftlichen Belege. Die „Pharmazeutische Zeitung“ betont, dass nach derzeitigem Kenntnisstand überhaupt nicht klar sei, dass die freigesetzte Blausäure nur in den Tumorzellen wirkt. Prinzipiell sei zwar denkbar, dass man im Rahmen des modernen „Drug Targetings“ dieses Problem lösen könne. „Doch dies ist derzeit nicht abzusehen“, so die Zeitung.

Ein Forscherteam unter Leitung der Nürnberger Onkologin Stefania Milazzo kommt in einer aktuellen Auswertung von fast 70 klinischen Studien zu dem Schluss: „Das Nutzen-Risiko-Profil für Amygdalin fällt eindeutig negativ aus.“ Milazzo bemängelt vor allem, dass es nach der Einnahme des Mittels immer wieder zu schweren Vergiftungen gekommen ist.


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