Nach Rückzieher des ZDF ARD verfilmt die Geschichte der Anne Frank

Ihr Tagebuch machte Anne Frank nach ihrer Ermordung durch die Nazis weltbekannt. Foto: dpaIhr Tagebuch machte Anne Frank nach ihrer Ermordung durch die Nazis weltbekannt. Foto: dpa

Osnabrück. Im Jahr 2015 jährt sich zum 70. Mal der Tod von Anne Frank im KZ Bergen-Belsen. Die damals 15-Jährige gilt vor allem durch ihr im Versteck im „Hinterhaus“ verfasstes Tagebuch weltweit als Symbol für die Grausamkeit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Kein Wunder, dass zum Jahrestag viele die Idee haben, ihre Geschichte zu verfilmen.

Mindestens fünf Filme sowie einen japanischen Zeichentrickfilm gibt es bislang über das Schicksal von Anne Frank und ihrer Familie – keiner davon entstand in deutscher Verantwortung. Doch zum 70. Todestag schien die Zeit reif dafür. Aber wer ist berechtigt, einen solchen Film zu machen, wo doch fast alles, was wir von Anne Frank wissen, aus ihrem Tagebuch stammt? Die Rechte an diesem Tagebuch liegen beim „Anne Frank Fonds“ mit Sitz in Basel.

Vater gründete Fonds

Zunächst glaubte das ZDF, ohne Zusammenarbeit mit und Einverständnis durch den Fonds einen Fernsehfilm machen zu können. Der Sender beauftragte „Constantin Film und Moovie the art of entertainment“ mit dem bekannten Produzenten Oliver Berben mit den Vorbereitungen. Sein Konzept einer „Mini-Serie“, die Annes Tod im KZ auslässt und besonders jüngere Zuschauer ansprechen soll, überzeugte die Verantwortlichen besonders. Berbens Mutter Iris sollte mit einer nicht näher genannten „bedeutenden Rolle“ vertreten sein. Die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam sowie hochrangige jüdische Vertreter stünden – so hieß es – hinter dem Projekt.

Doch im Januar ging der Fonds, den Anne Franks Vater Otto 1963 gegründet hatte, an die Öffentlichkeit. Otto Frank war der Einzige, der das Konzentrationslager überlebte, nachdem das Versteck der Familie 1944 verraten und die Untergetauchten in verschiedene Lager transportiert worden waren.

Am 3. Juni 1945 kam Otto Frank nach seiner Befreiung aus Auschwitz nach Amsterdam zurück. Er wusste, dass seine Frau gestorben war, hoffte aber, dass die Töchter Anne und Margot noch leben. Zwei Monate später war auch diese Hoffnung zerbrochen. Miep Gies, eine der Unterstützerinnen der Untergetauchten im „Hinterhaus“, übergab ihrem früheren Chef die Fotoalben der Familie, die sie aus dem Versteck gerettet hatte – und Annes Tagebuch. Nun, da das Mädchen tot war, sollte der Vater es bekommen. Freunde, die es später ebenfalls lesen durften, drängten Otto Frank, das Buch zu veröffentlichen, doch dieser hatte Mühe, einen Verlag zu finden. 1947 wurde es unter dem Titel „Her Achterhuis“ (Das Hinterhaus) erstmals gedruckt – in einer Auflage von 1500 Exemplaren.

Bald gingen das Buch und Fotos aus den Familienalben um die Welt. Otto Frank betrachtete es als seine Lebensaufgabe, das Andenken an seine Tochter und ihre Gedanken und Ideen zu verbreiten. Auch dazu gründete er den „Anne Frank Fonds“ als karitative Stiftung, die „zum besseren Verständnis unter den Religionen beitragen, dem Frieden unter den Völkern dienen und die internationalen Kontakte unter Jugendlichen fördern“ soll, wie es in der Satzung heißt.

Der Fonds ist auch Franks Alleinerbe und somit nach dessen Tod 1980 Inhaber aller „Urheberrechte an den Originaltexten, Briefen, Geschichten, Tagebüchern und Fotografien von Otto, Anne, Margot und weiterer Mitglieder der Familie Frank“ sowie Inhaber „sämtlicher urheberrechtlicher Verwertungsrechte zu Dramatisierungen, Verfilmungen, Bindung von Texten in Opern und Musicals wie auch für Bearbeitungen in der Sekundärliteratur“, so die Homepage des Fonds.

Anders gesagt: ohne Zustimmung des Fonds kein Film. Das musste auch das ZDF einsehen. Denn entgegen der ursprünglichen Argumentation, dass es dem Anliegen nicht schade, „wenn sich mehrere filmische und dokumentarische Projekte dieser Aufgabe annehmen“, wie es im Januar in einer Stellungnahme des ZDF noch hieß, ruderte Intendant Thomas Bellut bald zurück: Auf juristische Streitigkeiten oder gar gerichtliche Auseinandersetzungen um Urheberrechtsfragen wollte man sich dann doch nicht einlassen, und schon gar nicht wollte man auf dem Vorwurf des Fonds sitzen bleiben, sich „respektlos“ gegenüber „einer im Holocaust weitgehend vernichteten Familie“ zu verhalten.

Dabei wäre der Ausgang der Rechtsfrage durchaus interessant gewesen: Ist Anne Frank eine Person der Zeitgeschichte, über die jeder, der möchte, schreiben oder filmen kann? Oder hat der „Anne Frank Fonds“ tatsächlich mehr als nur ein „moralisches Recht“ auf die Darstellung und Interpretation von Anne und ihrer Familie?

So bleibt es 2015 bei zwei Projekten, die der Fonds gutheißt. Er hatte nämlich schon 2012 im Blick auf den Jahrestag die weltweiten Rechte exklusiv an die AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion mbh, ein Unternehmen der Verlagsgruppe von Holtzbrinck und Zeitsprung Pictures GmbH, vergeben – und dies auch anderen Interessenten wie dem ZDF mitgeteilt. Schon früh plante die AVE daraufhin einen Kinofilm unter der Regie von Hans Steinbichler. Das Drehbuch dafür verfasste Fred Breinersdorfer, der sich unter anderem durch das berührende Drama „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005) einen Namen gemacht hat.

Casting hat begonnen

Gerade hinzugekommen ist nun ein zweites Projekt. Nach dem Rückzug des ZDF ist die ARD in die Bresche gesprungen und produziert gemeinsam mit AVE ein Doku-Drama, das die Beziehung von Vater und Tochter in den Mittelpunkt stellt. Durch die Kooperation mit dem Fonds ist es möglich, auch unveröffentlichte Fotos, Archiv- und Bildmaterial in den Film einzubeziehen. Das Drehbuch stammt von Hannah und Raymond Ley („Eine mörderische Entscheidung“, „Die Kinder von Blankenese“, „Eichmanns Ende“); Ley wird auch Regie führen.

Für beide Filme finden zurzeit Castings für die Rolle der Anne statt. Bis Februar konnten sich – ursprünglich nur für das Kinoprojekt – junge, talentierte Mädchen bewerben, die Anne verkörpern wollen; nun gilt das Casting für beide Projekte.


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