Wider den Einheitsbrei Sehenswert: Arte-Dokumentation „Die Saatgut-Retter“

Von Thomas Klatt

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Sonderbare Welt: Zucchini werden in Südfrankreich auf Einheitlichkeit getestet. Foto: ArteSonderbare Welt: Zucchini werden in Südfrankreich auf Einheitlichkeit getestet. Foto: Arte

Berlin. Einige wenige Agrarkonzerne kontrollieren das Geschäft mit dem Saatgut. Doch immer mehr Landwirte, Züchter und Forscher wehren sich wie einst David gegen Goliath – eine sehenswerte Arte-Dokumentation stellt sie vor.

Im Archäologischen Park Xanten am Niederrhein liegen alte Rezepte aus der Römerzeit aus. Wir wissen heute zwar, was die Soldaten des Imperium Romanum in ihren Lagern gebacken und gekocht haben, aber wir wissen nicht mehr, wie es geschmeckt haben könnte. Die frugalen Gerichte können längst nicht mehr zubereitet werden, weil das heutige Korn völlig anders ist als damals.

Verlorene Vielfalt

Auch wenn es das Museumsrestaurant gerne möchte, die römischen Rezepte funktionieren 2000 Jahre später einfach nicht mehr. Das antike Korn hat mit den modernen Hybrid-Saaten von heute kaum noch etwas gemein. Konnte der römische Bauer die besten Körner seines Getreides im nächsten Jahr wieder aussäen, so muss der moderne Landwirt sein Saatgut Jahr für Jahr immer wieder neu dazukaufen, um überhaupt säen zu können.

Die Wissenschaftsdokumentation der Autorin Anja Glücklich weist bei aller Fülle der Einkaufsregale auf einen wenig beachteten Mangel moderner Ernährung hin. Längst dominieren wenige Großkonzerne die Nahrungsmittelproduktion in Europa. In nur hundert Jahren sind rund drei Viertel der ursprünglichen Sortenvielfalt verloren gegangen. Die Menschen essen heute in der Regel nur noch Standard-Mehl und Norm-Gemüse. Es wird allein homogenes Saatgut zugelassen, das dann in der gesamten EU zur Anwendung kommen soll.

Die kleinen ökologisch orientierten Saatguthersteller werden in der Brüsseler Agrarbürokratie dagegen kaum berücksichtigt. Das französische Prüfungsamt GEVES etwa achtet auf Einheitlichkeit für die industrielle Produktion. Es geht um Einheitsmaße, zurechtgezüchtet für einen effektiven Transport und Standard-Verpackungen. Kein Wunder, dass Gurken, Tomaten oder Wirsing in München, Madrid oder Marseille identisch aussehen. Die Bewahrung von Genvielfalt scheint der EU-Bürokratie nicht wirklich wichtig zu sein. Gegen die Uniformität des Essens wehren sich allerdings Züchterinitiativen. Allein in Frankreich haben sich mehr als 60 kleine Betriebe zu einer bäuerlichen Selbsthilfeorganisation zusammengeschlossen. Wenn sie schon ihre alten Sorten nicht nach EU-Recht verkaufen dürfen, da sie nicht zertifiziert werden, so verschenken sie diese eben in Tauschringen und -börsen gegenseitig.

Bauernhofsterben

Allerdings besteht nicht nur das Problem fehlender Sorten-Vielfalt. Auch die landwirtschaftliche Produktion wird monopolisiert. Von der EU werden vor allem große Einheiten und Betriebe gefördert, die die steigenden Preise für neue Pacht-Flächen noch aufbringen können. Kleine Betriebe können sich da kaum behaupten, geschweige denn vergrößern. „In Europa verschwindet alle zwei Minuten ein Bauernhof. Es ist eine stille Erosion“, warnt etwa der Pflanzengenetiker Bob Brac de la Perrière. Doch um alte Biosorten zu hegen, zu pflegen und zu züchten braucht es gerade kleine Landwirtschaftseinheiten. Öko-Saatzüchter weisen darauf hin, dass ihr Saatgut besser und widerstandsfähiger ist, dabei aber gleichzeitig guten Ertrag bringt. Ihre Pflanzen bilden etwa mehr Vitamine und erhöhen so die Resistenz gegen Schädlinge. Sogar das Gedeihen bei Wasserknappheit ist für alte Sorten möglich. Es sind Züchtungen, die drohenden Klimakatastrophen vielleicht sogar eher Stand halten als die anfälligeren Hochleistungssorten der Agroindustrie.

Aber nur rund zehn Prozent der EU-Zulassungen sind Biosamen. So wird etwa die Produktion von Zuckermais nahezu komplett von Hybrid-Mais made in USA beherrscht. Resistente, wieder aussaatfähige Maiskörner gibt es weltweit fast gar nicht mehr. In der Schweiz gibt es zwar noch eine solche Sorte, hergestellt von der Firma Sativa. In der EU aber ist dieser eidgenössische Bio-Mais nicht zugelassen. In Brüssel wird derzeit zwar das Saatgut-Gesetz reformiert, aber wohl kaum im Sinne der Biobauern. Mittelständische Bio-Saatguthersteller fühlen sich in ihrer Existenz bedroht.

„Wir suchen und züchten unsere Möhren nach Geschmack, nicht nach Einheits-Optik. Denn jedes Gemüse für sich hat einen Eigengeschmack“, sagt Züchter Thomas Heinze aus dem hessischen Bingenheim.

Der Bedarf nach alten Sorten und schmackhaftem Biogemüse und -Obst wächst. Doch Vorsicht, längst sind auch die Saatgut-Multis auf die Öko-Welle aufgesprungen und in Öko-Märkte eingedrungen. Da wird bereits vieles verkauft, was alt und ökologisch klingt, dann aber doch wieder nur hybrid und allein für eine Ein-Jahres-Saat zu verwenden ist.

Die Saatgut-Retter aber treten für Transparenz ein. Die Gärtner und Bauern sollen genau informiert werden, was in der Saattüte drin ist. Und sie versuchen Jahr um Jahr, alte Sorten zurückzuzüchten. Wie ein Öko-David gegen den Agrarmulti-Goliath setzen sie sich für die Bewahrung alter Sortenvielfalt ein. Und vielleicht schaffen sie es in einigen Jahrzehnten sogar, die alten Korn-Sorten durch Rückzüchtung wieder zur Saatreife zu bringen, damit wir wieder eine Ahnung davon haben, wie das Brot bei den alten Römern geschmeckt haben könnte.

Die Saatgut-Retter, Arte, Freitag, 14. März, 22.00 Uhr.


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