Interview mit Leena Simon Netzphilosophin: Arbeitet Katy Perry für die NSA?

Die Netzphilosophin Leena Simon fordert, Google muss zerschlagen werden. Foto: Alexander AltmannDie Netzphilosophin Leena Simon fordert, Google muss zerschlagen werden. Foto: Alexander Altmann

Osnabrück. Das World Wide Web wird dieser Tage 25 Jahre alt. Ein Grund zu feiern? Die Netzphilosophin und Aktivistin Leena Simon spricht im Interview darüber, warum sie es für möglich hält, dass Katy Perry eine NSA-Agentin ist und warum Google zerschlagen werden muss. Simon ist aktiv beim Bielefelder Datenschutzverein Digitalcourage und Mitglied der Piraten-Partei.

Die NSA schnüffelt, Google weiß mehr über uns als unsere engsten Freunde, jede Menge Betrüger tummeln sich im Netz: Für Datenschützer muss das WWW 25 Jahre nach seiner Gründung doch ein Graus sein.

Nein, das Netz ist kein Graus. Wir leben in einer großartigen Zeit. Aber wir haben auch viel Verantwortung, das Netz mitzugestalten. Das ist Fluch und Segen zugleich. Aber uns stehen noch viele Türen offen.

Wo gibt es denn Handlungsbedarf?
An vielen Stellen. Durch Monopolisten wie Facebook und Google werden wir mehr und mehr entmündigt. Wir werden gleichgeschaltet, weil wir nur über diese Plattformen kommunizieren können. Gleichzeitig wissen die Menschen gar nicht, was diese Konzerne mit ihren Daten machen und an wen diese verkauft werden. Facebook und Google haben eine Macht, die gar nicht geht. Der Netzaktivist und Mitbegründer von Digitalcourage Padeluun brachte es bei den Big Brother Awards auf den Punkt: Google muss zerschlagen werden.

Haben Facebook, Google und Co nicht auch dazu beigetragen, die Welt demokratischer zu machen? Während der Revolten in der arabischen Welt haben sie es den Menschen möglich gemacht, sich abseits der staatlichen Propaganda zu informieren und zu vernetzen.

Natürlich, es sind auch tolle Sachen passiert. Aber wir können uns nicht sicher sein, was mit unseren Daten passiert. Wir wissen, dass auch die NSA Zugriff auf die Daten hat. Es entstehen kolossale Möglichkeiten, völlig unbemerkt Einfluss zu nehmen. Und das zerstört Demokratie.

Wie sieht denn diese Einflussnahme konkret aus?
Die Sängerin Katy Perry hat ein Album „Prism“ genannt. Das war, nachdem das Überwachungsprogramm „Prism“ des US-Geheimdienstes NSA aufgedeckt worden ist. Als das Album draußen und auch auf Twitter in aller Munde war, ist das Hashtag „prism“, das für den Überwachungsskandal stand, praktisch unbrauchbar geworden.

Katy Perry arbeitet für die NSA?
(lacht) Das weiß ich nicht. Es ist aber doch sehr auffällig, dass sie sich nie zu dieser Überschneidung geäußert hat. Das Interessante an dieser Geschichte ist doch etwas ganz Anderes: Zumindest halten wir es für möglich, dass es so sein könnte, weil wir durch die immer neuen Skandale immer paranoider werden und im Grunde niemandem mehr vertrauen. Mit Programmen wie „Prism“ sind jeder Verschwörungstheorie Tür und Tor geöffnet worden. Das ist ein ganz großes Problem für die Demokratie.

Also befördert das Netz den Untergang der Demokratie?
Nein. Es hat die Gesellschaft eindeutig zum Besseren verändert. Komische Menschen können sich mit anderen komischen Menschen verbinden, sich mit ihnen in Foren austauschen und so feststellen, dass sie nicht alleine komisch sind (lacht). Das Problem auf der anderen Seite ist, dass Daten abgemolken und verkauft werden und die meisten Menschen gar nicht mitkriegen, was passiert.

Vielleicht ist es ihnen auch egal.
Das glaube ich nicht. Die Bedrohung ist nur sehr abstrakt. Das ist wie mit atomarer Strahlung: Man sieht nichts, man hört nichts und man schmeckt nichts. Wenn sie aber direkt jemanden fragen, ob er Ihnen ihr Handy und seine Pin-Nummer gibt, wird er es garantiert nicht tun.

Haben es Nerds und Hacker, die gegen diese Kommerzialisierung sind, nicht einfach verpasst, eine Plattform wie Facebook aufzuziehen, die eben keine Unmengen von Daten sammelt?
Da ist mit Sicherheit einiges versäumt worden. Man muss Apple beispielsweise hoch anrechnen, dass sie mit dem iPhone etwas geschaffen haben, dass die Menschen auf Anhieb bedienen können. Aber das kostet eben auch Geld und das ist ehrenamtlich nur schwer zu schaffen.

Bald werden wir zuhause vermutlich internetfähige Haushaltsgeräte stehen haben, die uns auf Schritt und Tritt überwachen. Gibt es für den Laien überhaupt noch eine Möglichkeit, sich dem zu entziehen?
Es wird zumindest immer schwieriger. Letztens habe ich einen Smoothie getrunken, auf dem die Inhaltsstoffe gar nicht mehr draufstanden. Stattdessen war dort der Hinweis zu finden, man könne sie online finden.

Wie sieht denn das Netz in 25 Jahren aus?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, wir stellen die Weichen so, dass es allen Menschen nützt und die Demokratie gestärkt wird. Wenn wir allerdings so weitermachen wie bisher, entwickeln wir uns in Richtung einer totalitären Gesellschaft, in der wir am Ende gar nicht mehr wissen, wer das Sagen hat: eine Regierung oder ein Konzern.


Der Web-Pionier Tim Berners-Lee hatte vor 25 Jahren, am 12. März 1989, seinem Chef am europäischen Kernforschungszentrum CERN seine Idee zur Entwicklung des Webs vorgelegt. Er gilt als damit als einer der Gründungsväter und der Moment als Initialzündung für das weltweite Netz der Websites.

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