Berührendes aus der Schweiz Demenz für Anfänger: Der Blog gegen das Vergessen



Osnabrück. Zora Brunner, so der Name, den die Bloggerin sich gibt, schreibt auf Demenz für Anfänger über ihre Oma Paula. Doch eigentlich schreibt sie über und gegen das Vergessen. Denn Paula ist 85 Jahre und dement.

Seit Oktober 2012 lebt sie im Heim, ihre Enkelin musste sie schweren Herzens dahin ziehen lassen. „Ich habe sie verehrt und geliebt und wollte als Kind nie von ihr weggehen. Irgendwann wollte sie ins Pflegeheim; es ging nicht mehr alleine in ihrem Haus. Das war dann eine so schwierige Zeit, dass ich nicht mehr reden konnte, wie es mir geht“, erzählt die 36-jährige Schweizerin. Seitdem füllt sie ihren Blog „Demenz für Anfänger“ regelmäßig, teilweise sogar täglich mit neuen Texten.

„Wenn man in so einer Situation ist, denkt man ja oft: ,Oh, ich bin jetzt die Einzige, der es so geht.‘ Aber die Realität ist dann ja eine andere.“ Letzteres hat sie durch die vielen positiven Reaktionen auf den Blog gemerkt. „Es gibt ein paar Menschen da draußen, die das erlebt und auch überlebt haben.“ Sie kann nun auch wieder darüber reden, wie es ihr geht.

Der Ausdruck Selbsttherapie missfällt ihr jedoch: „Das klingt immer so ein bisschen negativ“, findet sie. „Ich wollte das Geschehen einfach reflektieren.“ Trotzdem: „Wenn man über Schmerzhaftes schreibt und die richtigen Worte findet, dann tun die Erinnerungen weniger weh“, hat Debrunner festgestellt.

Tränen beim Lesen

Die Demenz der geliebten Großmutter ist nicht das einzige Thema, das Brunner verarbeitet: Auch der viel zu frühe Tod des Bruders bei der Geburt oder das Sterben der Mutter werden durch Einträge verarbeitet. Das ist oftmals so berührend und intim, dass einem beim Lesen die Tränen kommen.

Und wie geht es Paula? „Sie ist jetzt phasenweise glücklicher als vorher und hat weniger Sorgen als noch vor ein paar Jahren.“ Paula heißt übrigens wirklich Paula. „Ich habe sie um Erlaubnis gefragt, ob ich über sie schreiben darf. Ich darf. Allerdings versteht sie nicht mehr wirklich, was Internet bedeutet.“

Umso lieber lauscht sie ihrer Enkelin: „Ich erzähle ihr manchmal Geschichten aus dem Blog, die findet sie sehr spannend. Früher hat sie mir dieselben erzählt - und jetzt hört sie zu, als wären es Märchen oder Gute-Nacht-Geschichten.“ Im April 2013 vermutete Brunner, dass sie mit dem Blog zur „Verwalterin unserer familiären Anekdoten geworden“ ist. Sie hat wohl Recht. Zum Glück für die Leser.


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