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Eine umfangreiche DVD-Box stellt die Klassiker der Werbefilme vor Schöne Scheinwelt

Von Harald Keller

Die Werbe-Hausfrau der Sechzigerjahre hatte vier Flaschen Schnaps, aber nur einen Liter Milch im Kühlschrank stehen. Auch ein Zeitdokument...Foto: Tacker FilmDie Werbe-Hausfrau der Sechzigerjahre hatte vier Flaschen Schnaps, aber nur einen Liter Milch im Kühlschrank stehen. Auch ein Zeitdokument...Foto: Tacker Film

Osnabrück. Auch Lügen können Wahrheiten verraten, wenn man sie nur richtig zu lesen versteht. Werbefilme zum Beispiel beschönigen die Produkte, die sie verkaufen sollen. Und sagen doch einiges aus über die Zeit, in der sie entstanden sind.

Die Reaktionen des Publikums auf filmische Werbung sind bisweilen widersprüchlich: Man ärgert sich über den Reklameblock, weil der Hauptfilm auf sich warten lässt, zahlt aber gerne Eintrittsgeld, um die Cannes-Rolle zu sehen – einen abendfüllenden Zusammenschnitt internationaler Werbefilme. In den 1950er-Jahren erfreuten sich die Kinobesucher an der Reklame, zum Beispiel an den heiteren Zeichentrickfilmen aus dem Studio Hans Fischerkoesens, die heute typisch für die Epoche scheinen, obwohl Fischerkoesens künstlerische Handschrift und das werbliche Konzept schon einige Jahrzehnte früher entstanden. Dazu gehörten auch Texte in Versform, nicht nur bei Fischerkoesen.

Manch einen mag erstaunen, wer sich alles an gereimten Werbebotschaften versuchte – zum Beispiel Elly Heuss-Knapp (1881–1952), die Ehefrau des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss. Sie durfte sich in der Zeit der NS-Diktatur nicht journalistisch betätigen und fand ein Auskommen in der Werbebranche. Eigentlich lehnte sie diesen Betrieb ab, in den sie dennoch pfiffige Ideen einbrachte. Sie konzipierte und betextete Trickfilme, zum Beispiel den Puppentrickfilm „Katharine“ aus dem Jahr 1938, der für eine Hautcreme warb. Schon damals wurde ein ‚Top-Model‘ gesucht – nicht von ganz Deutschland, sondern von einem Werbemaler namens „Kunterbunt“. Die Träume aber, auf die die Werbefilmer hier abhoben, waren die gleichen wie 70 Jahre später bei jener international erfolgreichen Fernsehshow, die in Deutschland von Heidi Klum präsentiert wird.

Solche Zusammenhänge vermittelt auf unterhaltsame und informative Weise die eben erschienene DVD-Box „Werbefilm-Klassiker“. Es ist bei Weitem nicht die erste Kompilation dieser Art, viele davon aber sind eher beliebig zusammengestellt und mit heiterem Kommentar unterlegt, während zeitgeschichtliche Einordnungen unterbleiben. Und weil die Werbefilme mitunter nur als Ausschnitt erscheinen, werden Machart und Inhalt gar nicht recht deutlich. Bei der Edition der „Werbefilm-Klassiker“ wurde sorgfältiger verfahren. Wenn auch leider nicht alle, so sind doch die meisten der Kino- und Fernsehspots betitelt und datiert. Wochenschauausschnitte und knappe Kommentare liefern das nötige Hintergrundwissen. Ein Beispiel: In der NS-Ideologie war Schminken eigentlich als undeutsch verpönt. Aber Propaganda und tatsächliche Haltung klafften bei den Nazis bekanntlich weit auseinander – 1939 eröffnete Reichsorganisationsleiter Ley in Berlin das „Haus der Schönheitspflege“.

Selbstredend kommt die unfreiwillige Komik nicht zu kurz. In einem Film aus dem Jahr 1954 wird eine Telefonverbindung nach Paris hergestellt und die Zuschauer erfahren: „Dort versteht man etwas von der Kunst, sein Gesicht zu pflegen“ – weshalb man sich sogar während des Telefonats sein Gesicht mit Nivea einreibt. Auch in Rio, New York, Hamburg salbt sich die Crème de la crème, bis die Pelle glänzt.

Die Edition umfasst fünf DVDs, die auch einzeln erhältlich sind. Jede ist einem eigenen Thema gewidmet: der Rolle der Hausfrau, dem Wandel der Schönheitsideale, dem Essen, dem Geld sowie Putzmitteln und Putzgeräten. Die Anordnung ist chronologisch, einige Beispiele stammen aus der Frühzeit des Films, und mit dem Fragment des Farbversuchsfilms „Verschönerungsinstitut Cassandra“ aus dem Jahr 1941 ist eine echte Rarität enthalten. Hauptdarsteller war damals Hubert von Meyerinck, nicht der einzige Leinwand-Star, dem man bei Durchsicht der Filme begegnet. Neben vielen anderen waren Marika Rökk, die Kessler-Zwillinge, Hildegard Knef, Heinz Erhardt, Cornelia Froboess und, für die damalige Zeit erstaunlich leicht geschürzt und lasziv, Nadja Tiller als Werbefilmdarsteller aktiv.

Werbefilm-Klassiker, fünf DVDs, Booklet, diverse Extras, Tacker Film, empf. Verkaufspreis 59,50 Euro