Erkennen Sie die Melodie? Musik: Erkennungsmerkmal von „Tatort“ und Co.


Osnabrück. Wie still und seltsam wäre die Fernsehwelt ohne sie: Es gibt kaum eine Sendung, die ohne Titelmelodie auskommt. Sofort sind sie im Ohr. „Tagesschau“? Da ertönen gleich die sechs berühmten Töne im inneren Ohr. „Traumschiff“? Schon erklingen die Geigen. Und selbst wenn das Lied nicht eigens dafür komponiert ist, denkt mancher gleich an die Sendung, die es nutzt. So ist das bei „Nur ein Wort“ der Gruppe „Wir sind Helden“. Zumindest bei den Zuschauern, die gerne Markus Lanz zuhören.

Es sind manchmal recht eigentümliche Momente, die die Bedeutung bestimmter Alltäglichkeiten verdeutlichen. Ein Sommerurlaub auf dem Land bei Oma. Die Geschwister stehen im Garten. Es ist warm, bei allen Häusern ringsum sind die Fenster geöffnet. Und es ist Sonntagabend. Plötzlich ertönt aus allen Himmelsrichtungen die Melodie der „Lindenstraße“.

Seit 29 Jahren geht das jetzt so. Komponiert wurde die Melodie kurz vor dem Start der Serie 1985 von Jürgen Knieper. Er hatte zuvor schon einige Male mit Hans W. Geisendörfer, dem Produzenten der „Lindenstraße“, zusammengearbeitet. Eine große Suche hat es also nicht gegeben, als die beiden für die neue Serie zusammenfanden. Und Musiker mussten auch nicht lange gecastet werden. Denn Geisendörfer selbst bläst die Mundharmonika in Vor- und Abspann.

Kniepers Karriere als Fernsehkomponist begann, als Wim Wenders ihn Anfang der 70er-Jahre bat, die Musik zum Film „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ zu schreiben. Aber auch die Musik der Kabarettsendung „Scheibenwischer“ stammt aus seiner Feder.

Zum Honorar von Jürgen Knieper will die Presseabteilung der „Lindenstraße“ keine Angaben machen. Aber dafür hat ein Kollege von Knieper vor einiger Zeit aus dem Nähkästchen geplaudert: Nein, reich sei er mit der Komposition der „Tatort“-Melodie nicht geworden, betonte Klaus Doldinger im Juni 2011, als er in der Talkshow „3 nach 9“ bei Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers zu Gast war. Sein Honorar nannte auch er nicht, aber Tantiemen führte er an: Bei jeder neuen Folge erhalte er 50 Euro. Anders liest sich das jedoch in einem Beitrag der „taz“ vom Dezember 2013. Sie schreibt auch, dass Doldinger 50 Euro erhalte – allerdings pro Ausstrahlung. Etwa 24000-mal sollen „Tatort“-Folgen durch die zahlreichen Wiederholungen inzwischen im Fernsehen zu sehen gewesen sein. Damit müssten 1,2 Millionen Euro in Doldingers Tasche geflossen sein. Der Komponist bestreitet das. Die Wahrheit zu erfahren ist schwer, denn die Gema, die dafür sorgt, dass Urheber beim Abspielen ihrer Stücke entlohnt werden, hält sich mit Angaben zu ihren Ausschüttungen bedeckt. Auf Anfrage unserer Zeitung antwortet sie gar nicht erst.

Nicht nur zu Beginn, sondern auch beim Zwischenschnitt des fahrenden „Traumschiffs“ ist die Titelkomposition von James Last seit Anfang 1990 zu hören. Und auch die Komposition des Marsches zum Kapitänsdinner – das ist dann, wenn die vielen Wunderkerzen auf dem Essen Funken sprühen – stammt von James Last.

Eher langweilig stellt sich auch die Auswahl der Melodie „Nur ein Wort“ für die ZDF-Talkrunde bei Markus Lanz dar. Die wurde nämlich einfach von der vorherigen Sendung „Lanz kocht“ übernommen. Eine Art von Massenware, die sicher keine Rückschlüsse auf die Band „Wir sind Helden“ zulässt.

Für „Menschen bei Maischberger“ hingegen sollte „eine zum Format passende und sich von anderen Formaten abgrenzende Musik mit Wiedererkennungscharakter“ entwickelt werden, so die Vorgaben des WDR zum Auswahlverfahren unter verschiedenen Komponisten. Gewonnen hat schließlich Stephan Zacharias. So viel dazu, denn auch hier gibt es keine Angaben zur Vergütung.

Kein Honorar hingegen hat Hans Carste für seine Komposition erhalten, deren Schlusstakte als Titelmelodie für die „Tagesschau“ genutzt werden. Der Musiker hatte die „Hammond-Fantasie“ während seiner russischen Kriegsgefangenschaft geschrieben. Rudolf Kühn bearbeitete sie 1956 für ein 90-köpfiges Rundfunkorchester, das die „Tagesschau“-Melodie einspielte. Seither wurden die Akkorde immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Die Komponisten-Witwe Grit-Sieglinde Carste soll noch vor vier Jahren jeden Monat eine vierstellige Ausschüttung von der Gema für die Melodie ihres Mannes erhalten haben.


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