Für das ZDF in Sotschi Anne Gellinek kommentiert die Olympia-Eröffnung


axro Moskau. Wenn an diesem Freitag die Olympischen Winterspiele in Sotschi beginnen, kommentiert Anne Gellinek zusammen mit Wolf-Dieter Poschmann fürs ZDF die Eröffnungsfeier. Mit unserer Zeitung sprach die Korrespondentin des Zweiten in Moskau über Arbeitsbedingungen ausländischer Journalisten in Russland und den Mann, dessen persönliches Prestige-Objekt die Spiele sind: Wladimir Putin.

Von Axel Rothkehl

„Bin ich Ihnen nicht schön genug?“, fragte Anne Gellinek einen Kreml-Vertreter, als sie die Bedingungen für ein ZDF-Interview mit Wladimir Putin aushandelte. Der Offizielle stellte unmissverständlich klar: Putin sei so wichtig und groß, dass er nicht mit einer Korrespondentin sprechen werde. Da müsse schon der Chefredakteur oder ein prominenter Moderator von Mainz nach Moskau reisen. „Putin weiß genau, dass die kein Russisch sprechen“, sagt Gellinek, „der hat lieber Leute, die bei innenpolitischen Themen weniger eingelesen sind und an diesen Stellen nicht so taff nachfragen können“.

Anne Gellinek beherrscht die Landessprache perfekt. Die gebürtige Mülheimerin machte schon als Studentin Dutzende Male den Sprung vom Ruhrpott nach Russland. Als Reiseleiterin betreute sie West-Touristen erst im Zug nach Ost-Berlin, von dort ging es mit der Interflug nach Moskau. Gellinek übergab die Gruppe einer sowjetischen Kollegin und konnte sich eine Woche lang in der Hauptstadt amüsieren. Später studierte sie vor Ort am Puschkin-Institut, arbeitete nebenbei für die Büros der „Rheinischen Post“ und „Newsweek“.

Ganz entspannt

An diesem Freitag kommentiert Gellinek die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele aus Sotschi. An der Seite von Sportreporter Wolf-Dieter Poschmann ist sie für Informationen über Land und Leute zuständig. Drei Stunden bleiben sie auf Sendung. „Es entspannt mich, dass ich nur zu hören bin und nicht darauf achten muss, keine komischen Grimassen zu schneiden.“ Schon vor einem Jahr hat sie über die Wettkampfstätten berichtet und filmte eine grüne Landschaft. Jetzt liegt genug Schnee. „Der Putin hat so ein Glück“, sagt sie, „für Putin sind die Spiele eine Prestigesache. Er hat dafür unheimlich viel in die Waagschale geworfen.“

Olympia bringt den Sendern hohe Einschaltquoten und Reportern die Chance zur Profilierung. Der inzwischen stellvertretende Chefredakteur des ZDF hatte sie 1996 in Atlanta genutzt. Damals wirkte der junge Elmar Theveßen ein bisschen wie der Redaktions-Nerd, als er den Bombenanschlag im olympischen Besucherpark exzellent erklärte – und das noch ohne den Titel des „ZDF-Terrorismusexperten“.

Seit 2008 leitet Anne Gellinek das ZDF-Studio in Moskau. Sechs der 27 Mitarbeiter sitzen in ihrem Büro zur Themenkonferenz. Die Regierung mache Druck auf den kritischen Sender „Doschd“, der, so heißt es, unangemessene Fragen gestellt habe. „Wie viele taktlose Fragen stellt RTL jeden Tag im deutschen Fernsehen?“, wirft sie in die Runde. Dann die Oppositionsdemo mit dem Motto „Keine Olympischen Spiele im Gulag“. Gibt das gute Fernsehbilder? Gellinek: „Meine russischen Freunde sind da Gradmesser. Wenn die hingehen, dann kommen viele.“ Die drei Programme des Staatsfernsehens bezeichnet Gellinek als „gleichgeschaltet“, Kritik an Putin und Olympia gibt es dort nicht. Wer als Journalist bei anderen Zeitungen und Sendern über korrupte Politiker berichtet, der bekommt schnell Probleme. Dann kann die Steuerpolizei oder auch mal der Brandschutz im Büro stehen. Irgendetwas finden sie immer. In der „Rangliste der Pressefreiheit“ belegt Russland nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ Platz 148 von 179 Ländern.

Kritische Interviewpartner für ihre Filme zu finden wird für Anne Gellinek immer schwieriger. „Die Menschen sind aber froh, dass sich westliche Medien um sie kümmern.“ In Zeiten der Mediatheken würden die Berichte auch in Russland zu sehen sein. Und daher fürchten sich viele, mit den Deutschen vor der Kamera zu sprechen. Vom Internet profitiert allerdings die ‚heute-show‘. „Wenn die sich über Putin lustig macht, bekommt die Sendung wahnsinnig viele Klicks aus Russland“, so Gellinek. Allerdings spürt sie, dass in Russland die staatliche Propaganda wirkt. „Hier werden wir von den Menschen zunehmend als Feindsender wahrgenommen.“

Ganz anders hat die 51-Jährige in der Ukraine Vitali Klitschko erlebt. „Der hat verstanden, dass man im Gespräch mit westlichen Sendern für seinen Kurs werben kann.“ Mehrfach habe sie versucht, Klitschko als Gesprächsgast für das ‚heute journal‘ zu bekommen. Er hatte schon fast zugesagt, aber dann meinte seine Pressefrau: „Der kann nicht weg. Wir wissen nicht, wie dramatisch die Nacht wird.“ Klitschko müsse aufpassen, dass die Demonstranten nicht über die Barrikaden gehen.

Fernsehkorrespondenten aus Moskau fielen in den letzten Jahrzehnten durch üppige Gesichtsbehaarung und lange Reportagen auf. Das waren die Herren Ruge, Lehmann, Roth und Sager. Sind schon alle Geschichten entlang der Transsibirischen Eisenbahn und dem Baikalsee erzählt? „Das Land ist wirklich groß genug. Das kommt alles noch einmal wieder, auch wenn die klassische Reisereportage ein bisschen zu Unrecht aus der Mode gekommen ist.“

Einem ihrer Vorgänger ist Gellinek wie wohl auch alle anderen im ZDF-Studio auf ewig dankbar. Dirk Sager hatte 1981 Tatjana Galajdowa eingestellt. Sie kocht auch heute noch in der Studioküche russische Spezialitäten wie mit Kohl und Pilzen gefüllte Teigtaschen. „Das war zu Sowjetzeiten ganz wichtig. Die Versorgungslage war schlecht, und es gab kaum Restaurants“, erinnert sich Gellinek. Überhaupt würden sich die einheimischen Mitarbeiter mit dem Sender aus Deutschland identifizieren. Dafür tut Gellinek einiges. Gerade hat sie der Zentrale in Mainz einige hochwertige Winterjacken mit dem Logo der ZDF-Sportredaktion für ihre Moskauer Crew abschwatzen können.

Überhaupt steigt der Wohlfühlfaktor weiter. Die Büros werden renoviert. Aus acht Einzimmerwohnungen entsteht gerade ein modernes Studio mit Glaswänden.

Noch bis August bleibt Gellinek die ZDF-Chefin für Russland. Da würden noch ein paar Monate für eine Buchveröffentlichung bleiben. „Dieses Sendungsbewusstsein habe ich nicht. Es gibt schon 14 Meter Bücher von Moskau-Korrespondenten. Ich verbringe die Zeit lieber mit meiner Tochter.“

Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele, ZDF, Freitag, 7. Februar, 16.10 Uhr.