Eric Friedlers neuer Film ARD-Doku über Friedensaktivist Abi Nathan


Hamburg. Frauenheld, Freigeist, Friedensbotschafter – der israelische Visionär Abie Nathan hatte viele Facetten. Mit seinem Piratensender „The Voice of Peace“ erreichte er Millionen Menschen im Mittleren Osten, durchbrach politische Mauern, zwang sogar den Coca-Cola-Konzern in die Knie. Ein Dokumentarfilm bringt diesen faszinierenden Mann zurück ins Gedächtnis.

Burger verkaufen in Tel Aviv – mit dieser Geschäftsidee katapultierte sich der ehemalige Kampfpilot Abie Nathan in die schillernden Kreise der israelischen High Society. Sein „Café California“ war in den 60er-Jahren legendär, Treffpunkt von Künstlern und Politikern. „Die Mädels liebten ihn“, sagt Playboy Rolf Eden über den smarten Womanizer. Sein Restaurant war eine Goldgrube, mit deren Hilfe Abie Nathan aber nicht dem sinnlichen „Savoir vivre“ frönte, sondern seine Vision von einer besseren Welt in die Tat umsetzte.

„Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“, nach diesem Motto handelte Abie Nathan. Er organisierte spontan und unbürokratisch zahlreiche Hilfsaktionen in Krisenregionen. „Er wäre heute sicher schon längst in Syrien, auf den Philippinen oder auf Lampedusa“, sagt Eric Friedler, der den Friedensaktivisten „Gandhi des Mittleren Ostens“ nennt. Zwei Jahre lang hat der preisgekrönte Dokumentarfilmer das Leben von Abie Nathan erkundet, mit namhaften Weggefährten gesprochen. Entstanden sind 90 Minuten über einen faszinierenden Menschen, dessen Botschaft nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Auf dem Radioschiff

„Abie Nathan war Lebemann und Pazifist – er passt in keine Schublade“, sagt Friedler. „Und er war zutiefst von der Idee beseelt, dass Frieden zwischen Israel und der arabischen Welt möglich ist.“ Aber wie die Menschen erreichen und sie überzeugen? Mit einem eigenen Radiosender – „The Voice of Peace“ („Die Stimme des Friedens“). Er nahm sein ganzes Geld, kaufte sich ein Schiff und ließ es zu einer Radiostation umbauen. Ab 1973 schipperte er damit vor der Küste Tel Avis außerhalb jeglicher Staatsgewalt und sendete rund um die Uhr „From somewhere in the Mediterranean“ („Von irgendwo im Mittelmeer“), wie es in der Begrüßung hieß.

„Er hat das Thema Frieden sexy gemacht. Mit seinem Schiff und guter Musik hat er die Jugend sofort vereinnahmt, ob in Tel Aviv, Haifa, Beirut oder Port Said. Nebenbei hat er seine Botschaft vom Frieden gesendet“, beschreibt Friedler. „Abie Nathan galt als naiv, aber es gibt Zeiten, da sollte man auf Naivität setzen“, sagt der Schriftsteller Gideon Levy.

Die Devise des Senders war: so viel wie möglich mit Werbung einnehmen – und dieses Geld in Hilfsprojekte stecken. Es gab Zeiten, da machte „The Voice of Peace“ 200000 US-Dollar Gewinn – im Monat. „Bis zu 12 Millionen Hörer soll der Sender gehabt haben“, sagt Friedler. Hier einen Spot zu platzieren war für Unternehmen weltweit äußerst reizvoll. Nur der Coca-Cola-Konzern weigerte sich. Daraufhin machte Abie Nathan Werbung für Leitungswasser als Erfrischungsgetränk – mit Erfolg: der Cola-Umsatz im Mittleren Osten brach ein, und der Konzern musste reagieren.

„Neben all den Träumern, die sich in den 60er-Jahren für Frieden einsetzten, war Abie derjenige, der wirklich etwas bewegte“, erzählt Yoko Ono. Sie und John Lennon, weltweit die Ikonen der Friedensbewegung, waren so begeistert von Abie Nathan, dass sie seinen Namen sogar in ihrem legendären Lied „Give peace a chance“ nennen. Die US-Sängerin Gloria Gaynor kam an Bord und stellte dort ihren Song „I will survive“ vor. Schauspieler Michael Douglas wollte sein Leben verfilmen – Abie Nathan lehnte ab. „Er machte kein Aufhebens um seine Person“, sagt Friedler.

Mit einem Hungerstreik protestierte er gegen die Siedlungspolitik Israels, traf sich mit PLO-Chef Jassir Arafat, um mit ihm über Frieden zu sprechen, und musste dafür ins Gefängnis.

Wenige Jahre später erhielten Shimon Perez und Arafat den Friedensnobelpreis. Abie Nathan war seiner Zeit voraus. Oder wie Israels Staatsminister Perez sagt: „Wir waren unserer Zeit hinterher.“

Anfang der 90er-Jahre änderte sich die Stimmung. „Frieden war als Thema nicht mehr sexy“, sagt Friedler. Israelis und Palästinenser schienen sich anzunähern, die Unterstützung blieb aus, die Werbeeinnahmen für den Sender brachen weg. Nach 20 Jahren „The Voice of peace“ versenkte Abie Nathan sein Friedensschiff 1993 im Mittelmeer. Das Ende seiner Botschaft. 15 Jahre später starb er verarmt in Tel Aviv. Auf seinem Grabstein steht: „Ich habe es versucht.“

The Voice of Peace – Der Traum des Abie Nathan, ARD, Dienstag, 22.45 Uhr.


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