Satireportal narrt Medien „Der Postillon“ und der gefälschte Pofalla

Von Ralf Döring

Stefan Sichermann, Gründer der Internet-Satire-Tageszeitung „Postillon“, in seinem Büro in Fürth. Mit der Behauptung, er habe den möglichen Wechsel von Ronald Pofalla zur Bahn als Erster gemeldet, hat Sichermann viele Internetnutzer an der Nase herumgeführt. Foto: dpaStefan Sichermann, Gründer der Internet-Satire-Tageszeitung „Postillon“, in seinem Büro in Fürth. Mit der Behauptung, er habe den möglichen Wechsel von Ronald Pofalla zur Bahn als Erster gemeldet, hat Sichermann viele Internetnutzer an der Nase herumgeführt. Foto: dpa

Osnabrück. Ronald Pofalla wechselt in den Vorstand der Deutschen Bahn – eine schier unglaubliche Nachricht. Internet-Nutzern kam das so skurril vor, dass sie einem Trick des Satireportals „Der Postillon“ aufgesessen sind.

Mit der Behauptung, er habe den möglichen Wechsel von Ronald Pofalla zur Bahn als Erster gemeldet, hat Satiriker Stefan Sichermann viele Internetnutzer an der Nase herumgeführt. Er datierte am Donnerstag einen Bericht über den CDU-Politiker in seinem Online-Satireprotal „Der Postillon“ um einen Tag zurück - und behauptete, andere Medien seien nach ihm auf die Story aufgesprungen. Viele Nutzer von Twitter und Facebook wollten lieber dem Spaßmacher als den etablierten Medien glauben.

Laut dem Mediendienst Kress hatte die „Saarbrücker Zeitung“ als erste Pofallas Wechsel zu Bahn vermeldet . Das hatte die Nachrichtenagentur dpa aufgegriffen und als Breaking News verbreitet. Danach ist Sichermann in Aktion getreten: Er hat zu Pofallas Wechsel eine Twitter-Meldung auf den 1. Januar rückdatiert.

Viele Netznutzer hielten die Nachricht, dass Pofalla als Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn im Gespräch sei, prompt für einen von Sichermanns Scherzen. Andere reagierten verunsichert. Einige Internetnutzer gingen der Sache schließlich genauer nach und wurden fündig: Anhand eines Zeitstempels auf einem automatisierten Nachrichtenfeed (RSS-Feed) lässt sich nachvollziehen, dass Sichermann die Satire erst - nach den ersten Medienberichten ins Netz gestellt hatte.

Seit fünf Jahren existiert „Der Postillon“; seit November produziert das Portal auch Online-Videos für Yahoo . In seinen Satire-Nachrichten bewegt sich Sichermann zwar immer nah am Zeitgeschehen, aber doch erkennbar im Bereich der satirischen Irrealität. So berichtete das Portal während der Sperrung des Mainzer Bahnhofs im letzten August , ein seit 2007 vermisster ICE sei im Mainzer Bahnhof aufgetaucht . Dabei verschiebt Sichermann, immer fest im seriösen Sprachduktus der Nachrichtenagenturen, nur ein paar Koordinaten, um Realität ins Satirische zu wenden. Im Januar 2012, als die Atomverhandlungen der westlichen Welt mit dem Iran feststeckten und gleichzeitig Ratingagenturen die wirtschaftliche Stabilität ganzer Staaten infrage stellte, postete er, Iran stehe kurz vor der Fertigstellung einer eigenen Ratingagentur . Doch Satiriker aus Fühth in Bayern kann auch bissig werden: Nach der Freilassung Michail Chodorkowskis schrieb „Der Postillon“, Edward Snowden sei „ nicht reich und kriminell genug, um in Deutschland Asyl zu bekommen “.

Für sein Portal ist Sichermann letztes Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden.