Zwei Erstausstrahlungen - Die bessere ist nicht jugendfrei Doppelter Tatort: „Der Eskimo“ und „Franziska“


Osnabrück. Über 43 Jahre ist der „Tatort“ mittlerweile alt, doch das hat es in der langen Geschichte des erfolgreichsten deutschen TV-Krimiformats noch nicht gegeben: Die ARD zeigt an diesem Sonntagabend gleich zwei Erstausstrahlungen: „Der Eskimo“ aus Frankfurt zur üblichen Sendezeit um 20.15 Uhr und um 22.00 Uhr die Kölner Folge „Franziska“, die von den Programmverantwortlichen als nicht jugendfrei eingestuft wurde und deshalb erst zu so später Stunde zu sehen ist.

Durch beide Folgen weht ein Hauch von Abschied: Bevor Tessa Mittelstaedt nach 13 Jahren zum letzten Mal im Kölner „Tatort“ zu sehen ist, geht Joachim Król zum vorletzten Mal in Frankfurt auf Verbrecherjagd. Er hatte den überraschenden Ausstieg seiner Partnerin Nina Kunzendorf alias Conny Mey zum Anlass genommen, ebenfalls seinen Ausstand anzukündigen, allerdings noch in zwei Folgen eingewilligt, in denen er allein ermittelt.

„Der Eskimo“ ist die erste davon. Und Regisseur Achim von Borries tut einiges, um uns den Frankfurter Kommissar Frank Steier abzugewöhnen: Er zeigt ihn nicht nur als ausgewiesenen Kotzbrocken, der seine neue Mitarbeiterin Linda Dräger (ganz witzig: Alwara Höfels) noch übler und herablassender behandelt als Conny Mey. Wir sehen den Polizisten auch als psychisches und physisches Wrack, dessen vorletzter Fall beginnt, als wäre es der letzte: Noch bevor auch nur ein Wort gesagt ist, hat Steier bereits vier Schnäpse gekippt.

Und schon beginnen diese Merkwürdigkeiten, die es nur in einem arg konstruierten Krimi gibt: Ausgerechnet in der Grünanlage, in der der Kommissar seinen Rausch auf einer Parkbank ausschläft, wird ein Mann von einer Joggerin erstochen, die keine Mühe hat, dem verkaterten Polizisten zu entkommen. Das Opfer wiederum ist ausgerechnet ein Kollege von Steiers Ex-Frau, deren jungen Liebhaber der Ermittler fortan beschattet. Und der wiederum scheint eine Verbindung zu einem zweiten Mordopfer zu haben, das auf ähnliche Weise ums Leben kam wie der Mann im Park. Ausgerechnet…

„Franziska“ ist da um einiges straffer und glaubwürdiger inszeniert. 13 Jahre spielte Tessa Mittelstaedt die Franziska Lüttgenjohann als gute Seele im Kölner Kommissariat. Sie durfte den Ermittlungsstand zusammenfassen, Kaffee kochen und den Herren Ballauf und Schenk zu Diensten sein. Nun sehen wir sie im Zentrum der Handlung: Als ehrenamtliche Bewährungshelferin kümmert sich Franziska um den zur Entlassung anstehenden Vergewaltiger und Mörder Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann). Sie glaubt an das Gute in diesem Mann – das wird ihr zum Verhängnis.

Denn Kehls Haftentlassung steht auf der Kippe – er wird beschuldigt, einen Zellennachbarn umgebracht zu haben, die Freiheit scheint in unerreichbarer Ferne. Als die beiden im Besprechungsraum zusammensitzen und ein Alarm den Wärter ablenkt, überwältigt er Franziska, bedroht sie mit einem Messer und legt ihr einen Kabelbinder als Schlinge um den Hals, die er im weiteren Verlauf der Geiselnahme immer weiter zuzieht.

Dror Zahavi hat seinen Krimi – im Gegensatz zu vielen anderen Kölner „Tatort“-Folgen – von Beginn an als fesselnden Thriller inszeniert. Den Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmär Bär) gibt er nicht mehr als Nebenrollen, zum ersten Mal tauchen die beiden nach geschlagenen 23 Minuten auf. Zu diesem Zeitpunkt hat man als Zuschauer fast schon vergessen, dass die beiden ja auch zum Kölner „Tatort“ gehören. Man vermisst sie nicht, denn Tessa Mittelstaedt und Hinnerk Schönemann ziehen in der Zelle ein packendes Kammerspiel auf, das keine anderen Hauptdarsteller duldet.

Im Frankfurter „Tatort“ wendet sich einiges zum Guten. Król alias Steier trinkt bis zum Abspann keinen Schluck Alkohol mehr, der Fall ist durchaus spannend, auch wenn beim Zuschauer etliche Fragezeichen aufflackern werden. Doch auch wenn diese Folge den besseren Sendeplatz hat, ist sie nur das Vorspiel zu einem der packendsten „Tatorte“ der letzten Zeit.

Warum aber sollte „Franziska“ nicht jugendfrei sein? Man könnte es an dieser Stelle verraten, der WDR-Fernsehspielchef und ARD-„Tatort“-Koordinator Gebhard Henke hat es auch mehrfach öffentlich getan, um die Entscheidung zu rechtfertigen. Wir aber wollen nichts vorwegnehmen und überlassen die Einschätzung den Lesern und Zuschauern. So viel aber sei verraten: Es dauert lange, bis man’s nachvollziehen kann.

Tatort: Der Eskimo, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Tatort: Franziska, ARD, Sonntag, 22.00 Uhr.


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