Der 90. Geburtstag wird 50 „Dinner for One“ in rheinischer Mundart

Von Reinhard Lüke

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Köln. Wer Silvester vor dem heimischen Fernseher verbringen muss, ist in der Regel nicht zu beneiden. Auch in diesem Jahr dürfte die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin, so ziemlich dass Spannendste sein, was die Sender zu bieten haben. Wobei in erster Linie auch nur von Interesse ist, zu welchem Oberteil die Regierungschefin diesmal greifen wird.

Aber natürlich darf an diesem letzten Tag des Jahres jener Klassiker in den Dritten Programmen der ARD nicht fehlen, der für viele Deutsche seit Jahrzehnten zu Silvester gehört wie Karpfen, Bleigießen und Feuerwerk: „ Ihr 90. Geburtstag“ oder „Dinner for One“. Insgesamt 19-mal kann man sich am Silvestertag dieses klassische Geburtstagsmenü, inklusiv diverser Adaptionen und Hintergrundberichte, per Bildschirm einverleiben. Von 9 Uhr morgens bis Mitternacht flimmert „Dinner for One“ in allen erdenklichen Varianten in den Dritten quasi nonstop über den Schirm. Und für alle, die es vor dem Feuerwerk nicht geschafft haben sollten, sich ihre alljährliche Dosis des unkaputtbaren Sketchs einzuverleiben, bietet der BR einen Nachzüglertermin um Punkt Mitternacht.Aber selbst, wer zu diesem Zeitpunkt lieber Raketen in den Nachthimmel jagt, muss nicht darben. „Dinner for One“ ist auf den einschlägigen Video-Plattformen im Internet längst ganzjährig abrufbar.

Ein Butler namens Ralf

Im Laufe der Jahre wurden von den einzelnen Sendern außerdem diverse Versionen in regionalen Mundarten produziert. Beim NDR gibt es das Dinner auf Plattdeutsch , der HR hat sogar neben einer hessischen noch eine nordhessische im Programm , die Saarländer schicken wie die Schweizer ein eigenes Duo auf den Schirm, und im Ki.Ka lässt sich wieder die Version mit „Bernd, das Brot“ bestaunen. Nun wollte auch der WDR sich nicht länger lumpen lassen und schickt um 18.25 Uhr erstmals „Dinner op Kölsch“ ins Rennen.

Darin gibt Ralf Schmitz den Butler namens Ralf und Annette Frier die legendäre Miss Sophie, die hier schlicht „Frau Annette“ heißt. Als Gäste des Gelages, das im Jahr 2064 stattfindet, sind der Komiker Dirk Bach , der kölsche Ur-Karnevalist Hans Süper , Alfred Biolek und Reiner Calmund geladen. Und am Boden liegt als Stolperstein statt des tradierten Tigerfells ein gehäuteter Hennes, seines Zeichens Maskottchen des 1. FC Köln , mit Vereinsschal um den Hals gewickelt. Und wann immer Ralf bei seinen Gängen zur Anrichte wegen des Viehs ins Straucheln gerät – was bekanntlich häufig passiert –, kommentiert der Bock jede Berührung mit Gemecker. Ansonsten beschränkt sich Schmitz darauf, in Mimik und Körpersprache den legendären Freddie Frinton der Urfassung originalgetreu wiederzugeben, müht sich aber zwischendurch, die rheinischen Gäste der Party möglichst treffend zu imitieren. Was ihm am besten bei Alfred Biolek gelingt, der alle gereichten Speisen (durchweg kölsche Nationalgerichte) und Getränke mit einem geradezu wollüstigem „Aaah!“ und „Oooh!“ kommentiert. Annette Frier ist dabei als Sidekick in der Rolle der Frau Annette, naturgemäß so unterfordert wie schon May Warden in der Original-Version. Ihr bleibt kaum mehr, als in Kostüm und Alte-Dame-Perücke die ständige Replik „The same procedure as every year“ in rheinischer Mundart zu wiederholen.

Aber wenn Ralf Schmitz zum Finale den legendär schlüpfrigen Schlusssatz „I’ll do my very best“ frei mit der kölschen Lebensweisheit „Et hät no immer jot jejange“ übersetzt, ist das eher ein Stück Heimatfernsehen denn ein guter Gag. Aber keine Frage, Schmitz hat die Rolle drauf und könnte den zunehmend alkoholisierten Butler vermutlich auch im Dunkeln spielen. Schließlich gab er ihn auch schon bei RTL in einer Show zu Otto Waalkes’ 60. Geburtstag im Juni 2008, wobei der Jubilar als „Miss Otti“ zu sehen war und Hans Moser,Heinz Rühmann , Rudi Carrell und Heinz Erhardt als Gäste am Tisch saßen. Einer der seltenen Fälle, in denen „Dinner for One“ im Privatfernsehen über den Schirm flimmerte.

Domäne der ARD

Ansonsten bleibt der knapp zwanzigminütige Sketch eine Domäne der ARD, wobei der NDR für sich reklamieren kann, dieses Kleinod des britischen Humors im Fernsehen überhaupt möglich gemacht zu haben. Nachdem NDR-Regisseur Heinz Dunkhase und Peter Frankenfeld den Sketch 1962 auf einem Comedy-Festival in Blackpool gesehen hatten, luden sie Frinton und Warden nach Hamburg ein, wo am 8. Juli 1963 im Theater am Besenbinderhof jene Aufzeichnung stattfand, die noch heute alljährlich zum Jahreswechsel für Lacher sorgt. Dabei bleibt das Ganze ein Kuriosum: Ein britischer Sketch mit zwei hierzulande gänzlich unbekannten Darstellern, aufgeführt in englischer Sprache vor einem deutschen Publikum, das lediglich kurz vor Beginn der Vorstellung einen knappen Abriss des Geschehens auf Deutsch bekam. Auch bei der TV-Ausstrahlung dürfte Anfang der 60er-Jahre kaum ein Zuschauer verstanden haben, was James und Miss Sophie da parlierten. Nun mag man einwenden, dass die Dialoge bei der Geburtstagsparty der alten Dame ohnehin nicht das Salz in der Suppe sind, aber solch eine Produktion würde heute kein deutscher Sender mehr wagen.

Dass daraus mal ein Silvester-Ritual werden sollte, war damals jedenfalls nicht abzusehen. „Dinner for One“ wurde anfangs auch keineswegs zum Jahreswechsel ausgestrahlt, sondern schlummerte die meiste Zeit im Archiv und wurde beim NDR und im Ersten kurzfristig hie und da als Pausenfüller eingesetzt. Erst seit 1972 gehört der Sketch zum festen Silvester-Ritual. Und das nahezu rund um den Globus. Weshalb „Dinner for One“ auch als meistwiederholte Sendung der TV-Geschichte Aufnahme ins Guinnessbuch fand.

Dinner op Kölsch, Silvester, 18.25 Uhr, WDR


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