Das Jahr der Serien Die Lieblingssendungen unserer TV-Kritiker 2013

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Das Fernsehjahr 2013 neigt sich dem Ende – und hat neben viel Tele-Schrott auch wieder jede Menge Programmperlen zutage gefördert. Unsere TV-Kritiker benennen kurz vor dem Jahresausklang ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison. Der Trend: Serien sind groß im Kommen, zwei haben es in die Hitliste geschafft.

Expedition Wolf (Arte): Erst hat der Mensch sie nahezu ausgerottet, nun versucht er, die Wölfe bei ihrer Wiederansiedlung zu unterstützen: Wie spannend es sein kann, wenn Wissenschaftler sich auf die Fährte von Wölfen begeben, zeigte die zweiteilige Dokumentation „Expedition Wolf“ von Jonny Keeling und Rowan Musgrave. Dabei genügte es den Filmemachern nicht, Wissen mit großartigen Landschafts- und Tieraufnahmen aus Nordamerika zu vermitteln. Ganz zentral war ihnen die Frage nah der Verantwortung des Menschen für die Wildnis und dem Platz, den er ihr einräumen sollte. Marie-Luise Braun

Das letzte Wort (Arte) : Vordergründig ist „Das letzte Wort“ ein Krimi mit Raubmord zu Beginn und Überführung des Täters am Schluss. Die meiste Zeit zwischendurch aber ein Kammerspiel, in dem zwei Menschen um die großen Themen streiten: um Schuld und Vergebung, um Freiheit und Verantwortung, um Selbstbestimmung und Schicksal, um Glaube und Lüge – überzeugend gespielt von Thomas Thieme als Bischof Bertram Lorenz und Shenja Lacher als verzweifelter Ich-Sucher Oliver. Susanne Haverkamp

Eine mörderische Entscheidung (Arte/ARD): Dieses Dokudrama, das die Ereignisse von April bis September 2009 in Kunduz rekonstruiert und interpretiert, behandelt Zeitgeschichte auf packende Weise. Mit den Mitteln des Fernsehens gehen die Macher auf die Suche nach einer möglichen Wahrheit. Eine intelligente, spannende und relevante Auseinandersetzung mit Nachwirkungen. Tom Heise

House of Cards (Sat.1 u. a.): Das US-Remake des britischen Vierteilers „House of Cards“ überzeugt wie nur wenige andere US-Serien. Spätestens in der zweiten Episode des US-Polit-Thrillers mit Oscar-Preisträger Kevin Spacey entwickelt sich der oft gepriesene, nur selten erreichte Sog, der die Zuschauer süchtig macht. Dabei hatte die 13-teilige, mit zahlreichen Fernsehpreisen überschüttete Serie ihre Premiere gar nicht im traditionellen Fernsehen, sondern komplett am Stück beim Online-Anbieter Netflix. Eine wegweisende Entwicklung. Frank Jürgens

Mobbing (ARD) : Immer öfter sucht sich das Fernsehen seine Stoffe in der Literatur. In guten Fällen liefert die Vorlage atmosphärische Dichte und vielschichtige Figuren – so auch in Nicole Weegmanns „Mobbing“ nach dem Roman von Anette Pehnt. Vor allem Susanne Wolff, aber auch Tobias Moretti machten diese Geschichte vom schleichenden Zerfall einer Ehe aufgrund einer beruflichen Krise zu einem ebenso glaubwürdigen wie eindringlichen Erlebnis.

Marcel Kawentel

Scandal (Super RTL ): Ungescheut machen US-Fernsehproduzenten den Politbetrieb zum Thema von Serien. Drama, Krimi, Satire, Sitcom – das Spektrum ist breit. In Deutschland wäre undenkbar, die Kanzlerin in romantischen Wirren zu zeigen oder gar als Drahtzieherin krimineller Machenschaften. Für die Autoren der US-Serie „Scandal“ ist alles denkbar. Politik als Thriller, vom deutschen Kameramann Oliver Bokelberg originell umgesetzt und rasend schnell. Im Nu wechseln Orte und Zeitebenen, Rückblenden liefern Hintergründe, machen Entwicklungen deutlich. Zum braven deutschen „Tatort“ verhält sich „Scandal“ wie Zeitlupe zum schnellen Vorlauf. Harald Keller

Scheibenwischer (ARD ):
Die Scheibenwischer-Jahre 1980–2003 auf fast 45 Minuten zusammengeschnitten. Nicht eine Folge wirkt alt oder verstaubt, sondern heute noch merkwürdig aktuell und brisant. Dieter Hildebrandt sah das Ende seiner Kunst selbst kommen. Er warnte vor dem Diplomzuschauer, der auf Befehl lachen und kreischen kann, weil ihm Comedy statt politisches Kabarett reicht. Sein Kollege Georg Schramm brüllte zum Abschied des „Scheibenwischers“ treffend: Die Alten treten ab und hinterlassen Löcher. Thomas Klatt

Tatort: Gegen den Kopf (ARD): Schon kurz nach ihrer Ausstrahlung wurde die Berliner „Tatort“-Folge „Gegen den Kopf“ von den Usern des Online-Portals tatort-fundus.de als „bester Tatort aller Zeiten“ bewertet. Stimmt, der Krimi um eine tödliche Attacke in einer Berliner U-Bahn-Station war in ihrer Eindringlichkeit stärker als Til Schweigers Debüt, die Witzchen der Münsteraner und die vielen neuen jungen Kommissare. Schade, dass Ritter und Stark bald gehen (müssen). Joachim Schmitz

Le Voyage dans la Lune (Arte) : Restaurierte Stummfilme auf Arte sind immer wieder ein Fest für Cineasten. Doch die Aufführung von Georges Méliès 1902 entstandenen „Le Voyage dans la Lune“ („Die Reise zum Mond) war ein Augenschmaus: Die frühe Tricktechnik versetzte ins Staunen, die Fantasie begeisterte, und die dazugehörige Dokumentation über die Rettung der handkolorierten Kopie verdeutlichte, warum es sich lohnt, analoge Filmschätze vor dem Verfall und ins digitale Zeitalter zu retten. Ein echter Kulturschatz auf dem Kultursender!Tobias Sunderdiek